Hypnotic Brass Ensemble: Die Brüder blasen zum Angriff

Von Uh-Young Kim

Sie kommen von der Straße und gaben dennoch Obama einen Korb: Das Hypnotic Brass Ensemble ist die eigensinnigste Bläser-Combo der USA. Ihr wilder, aus Jazz und HipHop gemixter Sound erobert jetzt auch Europa.

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In ein ganz neues Horn stoßen: das US-amerikanische Hypnotic Brass Ensemble

Mitten in Chicago unter freiem Himmel: Eine achtköpfige Bläsergruppe schmettert instrumentale Songs zwischen Jazz und HipHop über den Asphalt. Mühelos übertönt ihr satter Klang den Innenstadtlärm. Touristen und Geschäftsleute bleiben wie gebannt vor den glänzenden Hörnern stehen. Ein Musikjournalist aus Deutschland, der sich die Zeit bis zu einem Interview vertreibt, kauft den Straßenmusikanten sofort eine CD ab. Zuhause stellt er überrascht fest, dass es die Söhne des berühmten Jazzmusikers Phil Cohran gewesen sind.

Ein paar Jahre später flattert ein Album auf den Schreibtisch: Hypnotic Brass Ensemble steht darauf - so sieht man sich wieder. Im Gespräch kann Gabriel Hubert, einer der acht Brüder, die Freude darüber kaum verbergen: "Genau darum haben wir auf der Michigan Avenue oder am Times Square gespielt. Wir hätten auch in die Clubs gehen können, aber da hätten wir nicht genug verdient. Also haben wir die Straße als Bühne und Marketingplattform genutzt."

Die Straße ist hier ausnahmsweise mal nicht der mythisch verklärte Ort, wo sich afroamerikanische Männer durchbeißen müssen. Sie ist, mit geschäftsmäßigem Kalkül betrachtet, einfach ein Nischenmarkt mit kurzen Wegen - gerade in Krisenzeiten die naheliegende Option für eine ausgezeichnete Live-Band.

Schnell machte die Nachricht von den derben Brass-Brüdern die Runde. Stars der urbanen Popmusik wie Erykah Badu, Mos Def und Maxwell nahmen sie mit auf Tour. Im Sommer 2009 spielten sie beim englischen Glastonbury Festival und gleich danach im Hyde Park als Vorgruppe von Blur, 2010 gastieren sie unter anderem in Deutschland, machen Station in Berlin, Hamburg und Köln.

Fast wäre das Hypnotic Brass Ensemble sogar zur Hausband von Barack Obama geworden. Gabriel Hubert erinnert sich: "Obama kandidierte damals als Senator. Er sah uns in Chicago auf der Straße spielen, warf etwas Geld in den Hut. Einen Tag später bekamen wir einen Anruf von seinem Team: Obama wollte uns für seine Kampagne engagieren. Aber sie konnten uns nicht bezahlen. Und da uns einige Politiker zuvor über den Tisch gezogen hatten, lehnten wir ab."

Von Bürgerrechtlern zu Rappern

Ein wenig Idealismus hätte in diesem Fall bestimmt nicht geschadet. Aber die Selbstvermarktung ist für die HipHop-Generation nun mal das, was die politische Selbstbestimmung für den Jahrgang ihrer Väter war. Phil Cohran, der Vater der Brass-Jungs, spielte bis 1961 Trompete im Orchester des Jazzvisionärs Sun Ra. Mit dem Artistic Heritage Ensemble nahm Cohran einen legendären Song für den ermordeten Bürgerrechtler Malcolm X auf. 1965 gründete er die Nonprofit-Organisation A.A.C.M. zur Förderung afroamerikanischer Musiker, aus der das Art Ensemble of Chicago und die Soulband Earth Wind & Fire hervorgehen sollten.

Seine Kinder waren Zeugen der Aufbruchstimmung jener Zeit, als Widerstand gegen Rassismus auch kreativ den Ton angab. Vor allem die rassistische Trennung der Stadt Chicago in einen schwarzen Süden und einen weißen Norden mobilisierte Künstler. Jedes der insgesamt 23 Geschwister bekam ein Instrument. Jeden Morgen wurden sie um fünf Uhr zum Üben geweckt. Während die Klassenkameraden mit Plattenspielern und Samplern experimentierten, mussten die Brüder Tonleitern pauken. Heimlich aber hörten sie die Rap-Musik von N.W.A. und Public Enemy.

Alle diese Einflüsse kommen nun auf ihrem Album zusammen. Das Hypnotic Brass Ensemble trägt die afroamerikanische Musikgeschichte in sich - und weist darüber hinaus. Die Energie des frühen Jazz vom Mississippi schwingt mit, wo ihr Vater in den Vierzigern angefangen hat. Dafür fehlen typische Soloteile und Dissonanzen aus dem Free Jazz, den Cohran mitgeprägt hat. Die zwei Posaunen, vier Trompeten, eine Tuba und ein Flügelhorn des Ensemble zirkulieren vielmehr um kompakte Melodien, nur begleitet von einem Schlagzeug, das meist HipHop-Beats spielt.

Das Album hört sich an wie der Soundtrack zu einem philosophischen Blaxploitation-Drama. Schicht um Schicht ziehen die Bläser tiefer in die Musik. Stücke wie das sich ausdehnende "Jupiter" oder die Neuinterpretation von Phil Cohrans "Alyo" knüpfen an den Geist des Avantgarde an.

Exakte Instrumente

Dass die Brüder die Straße nun vorerst hinter sich gelassen haben und ihren Radius erweitern, ist Damon Albarn zu verdanken. Der ehemalige Blur-Sänger und Kopf der Erfolgsband Gorillaz hat sie bei seinem Liebhaber-Label Honest Jon's unter Vertrag genommen. Ihre ersten beiden Platten waren binnen kurzer Zeit vergriffen und werden unter Jazzsammlern und DJs hoch gehandelt. Mit Albarns Projekt Africa Express reisten sie letztes Jahr zur Geburtsstätte der afrikanischen Funk-Musik nach Lagos in Nigeria. Dort traten sie im Club der verstorbenen Afrobeat-Legende Fela Kuti auf.

Mit ihren Verbindungen in die internationale Musikszene wäre es einfach gewesen, das Album mit hochkarätigen Gästen zu bestücken. Doch genau das wollten sie nicht, erklärt Gabriel Hubert: "Es ist an der Zeit, die Instrumentalisten wieder ins Scheinwerferlicht zu rücken. Jeder Rapper, jeder Sänger braucht Musiker. Die Motown-Stars waren erfolgreich, weil sie die Funk Brothers als Studioband hatten. Und auch ein James Brown hatte großartige Musiker hinter sich."

Gerade mit den eigenen Brüdern kann es im Studio zwar schnell mal hitzig werden. Aber wenn die Aufnahme läuft, funktioniert das Hypnotic Brass Ensemble wie ein perfekt synchronisierter Klangkörper. "Musik ist der Ort, auf den wir uns alle einigen können. Und wir wissen, dass wir jeden einzelnen brauchen, um den nächsten Schritt zu machen", erklärt Gabriel Hubert in seiner typischen Art aus künstlerischem Missionseifer und Fünf-Jahres-Geschäftsplan.


Tourdaten: 7. April: Berlin, Lido; 8. April: Hamburg, Fabrik, 10. April: Dortmund, Domicil; 11. April: Köln, Gebäude 9

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