Rock-Star Ian Anderson "Sagen Sie nicht Herr Tull zu mir!"

Der Superhit "Locomotive Breath" machte Jethro Tull weltberühmt. Jetzt lebt ihr Star Ian Anderson auf einem Anwesen, das an "Downton Abbey" erinnert, spielt Pflanzen auf der Querflöte vor und pflegt sein musikalisches Erbe.

Ein Interview von

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Zur Person
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    Ian Anderson, 1947 in Schottland geboren, war beinahe 50 Jahre der Sänger, Songwriter und Querflötist der Band Jethro Tull, deren Hit "Locomotive Breath" als einer großen Klassiker des Rock gilt. Nebenbei betrieb er als Unternehmer mehrere Lachsfarmen. Er ist Grammy-Preisträger, Mitglied des britischen Ritterordens und lebt mit seiner Frau Shona in England.
SPIEGEL ONLINE: Herr Anderson, wir sitzen hier umgeben von 160 Hektar englischer Hügel, 15 Badezimmern, elf Schlafzimmern, Studiokomplexen und Gewächshäusern in einem schönen alten Haus, das an "Downton Abbey" erinnert…

Anderson: Es ist von 1753 und eher ein Neubau, für hiesige Verhältnisse. Aber gut, ich bin 67 Jahre alt und auch nicht mehr ganz jung, also passen wir gut zusammen. Vorher lebten wir in Buckinghamshire, da gab es Probleme mit Stalkern auf unseren Ländereien. Bitte erwähnen Sie also nicht, wo ich wohne. Außer, dass es sich um die Gegend von Wiltshire im Westen des Vereinigten Königreichs handelt.

SPIEGEL ONLINE: Diese Stalker, waren das Fans oder…

Anderson: …Steuerfahnder. Das waren Steuerfahnder, glaube ich. Obwohl, wir mögen uns. Ich zahle schließlich viel Geld, nicht wahr? In den Siebzigerjahren, so ab 1973, als ich ein sehr gut verdienender Rockstar war, hatte ich den besten Steuerberater der Welt. Wir gingen also in ein gutes Restaurant, und er eröffnete mir: "Mein Rat ist: Engagieren Sie mich nicht. Bezahlen Sie einfach Ihre Steuern, und Sie werden nachts gut schlafen können".

SPIEGEL ONLINE: Ein guter Rat.

Anderson: Ja, aber das Essen musste ich bezahlen.

SPIEGEL ONLINE: Geld scheint nicht Ihr Problem zu sein. Sie haben 60 Millionen Platten verkauft, als man dafür noch vernünftig entlohnt wurde.

Anderson: Darf ich Ihnen auch einen Rat geben, junger Freund? Auch wenn nicht viele Männer diesen Rat annehmen?

SPIEGEL ONLINE: Gewiss!

Anderson: Geben Sie alles Geld Ihrer Frau. Immer.

SPIEGEL ONLINE: Kommt das nicht auf die Frau an?

Anderson: Es ist schrecklich, zu generalisieren, speziell in Geschlechterfragen. Aber im Großen und Ganzen sind Frauen bessere Manager pedantischer Angelegenheiten. Sie haben einen sehr guten Blick fürs Detail. Meine Tochter Gael beispielsweise hat eine TV-Produktionsfirma, und das macht mich sehr stolz. Ich hätte nicht gewollt, dass sie gar nicht arbeitet - abgesehen vom Erziehen der Kinder und dergleichen, was auch Arbeit ist. Sind Sie ein Fan von "The Walking Dead"?

SPIEGEL ONLINE: Ich habe davon gehört.

Anderson: Andrew Lincoln, mein Schwiegersohn, spielt darin eine Hauptrolle. Ein netter Kerl, aber ein linker Schauspieler. Alle seine Freunde sind linke Schauspieler. Sie haben sozialistische Einstellungen. Zumindest solange, bis sie richtig Geld verdienen. Nun muss ich ihn neuerdings immer wieder an seine sozialistischen Prinzipien erinnern.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben den Ruf, aller Zauselhaftigkeit zum Trotz ein in politischer Hinsicht eher konservativer Künstler zu sein.

Anderson: Das habe ich. Keine Ahnung, warum.

SPIEGEL ONLINE: Jethro Tull hätten in Woodstock auftreten sollen…

Anderson: …und ich wollte nicht, weil ich einfach keine Hippies mag. Nackte Frauen, die sich im Schlamm wälzen? Ohne mich.

SPIEGEL ONLINE: Und dann wundern Sie sich über Ihren Ruf als reaktionärer Knochen?

Anderson: Was soll ich tun? Generelle Prinzipien des Sozialismus waren gut, sind gut und werden immer gut bleiben. Daran glaube ich fest. Ich sehe mich aber als pragmatischen Sozialisten. Ich finde es wichtig, Reichtum zu teilen. Es wäre aber für das Königreich ein Desaster, wenn wir bei den anstehenden Wahlen eine Labour-Regierung bekämen. Einer meiner besten Freunde ist ein Berater von Ed Miliband, den ich auch sehr schätze. Aber ich bezweifle, dass seine Mannschaft das nötige Talent hat, um dieses Land zu führen.

SPIEGEL ONLINE: Könnten Sie es denn?

Anderson: Ich kann kaum mein eigenes Land bewirtschaften! In meinen Gewächshäusern züchte ich seltene und besonders scharfe Chili-Sorten, das klappt. Manchmal spiele ich den Pflanzen etwas auf der Querflöte vor. Die Akustik ist gut, und die Pflanzen mögen das, bilde ich mir ein. Schließlich stammt die Flöte ursprünglich auch aus Südamerika. Draußen haben wir hier vor allem Viehweiden. Der Boden ist schlecht, es reicht gerade für Rinder und Schafe. Immerhin haben wir 30.000 Bäume gepflanzt.

SPIEGEL ONLINE: Sie touren unermüdlich. Kümmern Sie sich eigentlich um so etwas wie den CO2-Fußabdruck, den Sie damit hinterlassen?

Anderson: Das ist einer der Gründe, warum ich Bäume züchte. Aus einem Schuldgefühl heraus. Das macht's nicht besser, ich weiß. In dieser Gegend der Welt sind Eichen und Eschen heimisch, also gebe ich dieser Gegend ihre Eichen und Eschen zurück. Leider erleben wir gerade die Attacke einer neuen Krankheit, die viele der Bäume befällt. Vor allem die Eschen. Die Eichen kommen durch.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben 20 Jahre in Schottland Fische gezüchtet…

Anderson: …und aufgehört, als ich diese immer industriellere Tätigkeit vor mir selbst nicht länger rechtfertigen konnte. Um atlantischen Lachs zu füttern, muss ich ihm geben, was er auch in freier Wildbahn frisst. Für ein Kilo aus konzentriertem Fischfutter aber brauche ich ungefähr zehn Kilo der üblichen Beutespezies, und dazu fischen wir die Ozeane leer. Wir sollten keinen Lachs essen. Wir sollten uns weiter unten in der Nahrungskette umsehen. Schmeckt halt nicht so gut. Oder haben Sie einmal Krill probiert?

SPIEGEL ONLINE: Derzeit bewirtschaften Sie Ihre eigene alte Musik. Gerade erscheint "Minstrel In The Gallery" von 1975, wie andere klassische Alben von Jethro Tull, in einem neuen Mix, mit einem Buch dabei, einer DVD und Bonusmaterial. Was reizt Sie daran?

Anderson: Ich kenne das Material und bin stolz darauf, müssen Sie wissen. Es reizt auch die Plattenfirmen. Sie erkennen jetzt den Wert dieser alten Sachen und müssen sich darum besser kümmern, weil ihr altes Geschäftsmodell keine Zukunft hat. Sie sind jetzt gezwungen, das Richtige zu tun.

SPIEGEL ONLINE: Und Urheberrechte laufen aus…

Anderson: So ist es. Das Erbe allerdings bleibt. Damit sind jetzt so alte Typen wie ich beschäftigt. Vor ein paar Wochen traf ich in London am Flughafen Jimmy Page…

SPIEGEL ONLINE: …den Gitarristen von Led Zeppelin.

Anderson: Ich fragte ihn, was er so treibt, und er klagte: "Ach, ich sitze im Studio herum und fummele an unseren alten Alben herum. Schau, was aus uns geworden ist!" Und ich sagte: "Ja, ich mache das hin und wieder auch. Wir sind die Verwahrer der Kronjuwelen. Von Zeit zu Zeit holen wir sie aus dem Gewölbe, stauben sie ab, polieren ihre Oberflächen und legen sie vorsichtig auf ein Kissen, damit die Öffentlichkeit sie in ihrem ganzen Glanz bewundern kann". Er stimmte mir zu: "Wenn wir als die Schöpfer es nicht machen, wer dann?"

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie den Eindruck, Jethro Tull werden genug gewürdigt?

Anderson: Ach, in der großen Ordnung der Dinge stehen Jethro Tull ungefähr hier (hält die Hand knapp über dem Teppich). Wir spielten immer eine Nebenrolle. Aus der Ära, der wir auch entspringen, sind einige Bands tatsächlich enorm populär und erfolgreich geblieben. Led Zeppelin, Pink Floyd, sogar Yes oder Van der Graaf Generator…

SPIEGEL ONLINE: Und ausgerechnet Sie haben unlängst Jethro Tull aufgelöst. Warum?

Anderson: Jethro Tull war für die meisten Menschen immer nur das Logo mit diesem Langhaarigen, der auf einem Bein steht und Querflöte spielt. Das mag man nun arrogant finden, selbstsüchtig oder senil. Aber ich hätte ganz gerne, dass Sie meinen Namen kennen und mich nicht mit Herr Tull ansprechen. Ian Anderson steht in meinem Pass.

SPIEGEL ONLINE: Verfolgen Sie, was musikalisch heute passiert?

Anderson: Die Folkszene auf jeden Fall, ein wenig auch den progressiven Rock. Den Rest nehme ich mit mildem Desinteresse zur Kenntnis. Wenn Sie mich 1970 nach den Namen von zwei Künstlern aus den Top Ten gefragt hätten, hätte ich Ihnen das ebenso wenig beantworten können wie heute. Ich war ein echter Hörer nur, bis ich etwa 15 oder 16 war. Seit ich professioneller Musiker bin, habe ich genug Schwierigkeiten damit, meine eigene Musik zu machen und zu beherrschen.

SPIEGEL ONLINE: Was hören Sie denn dann gerne?

Anderson: Den Wind. Den Regen. Die Geräusche, die meine Katzen machen, wenn sie gefüttert werden wollen. Rockmusik siedelt zu nah an dem, was ich ohnehin den ganzen Tag mache. Ich setze mich doch abends nicht hin und denke: So, jetzt höre ich ein wenig Radiohead. Oder Rod Stewart. Ich profitiere von aktueller Rockmusik vor allem dann, wenn ich sie nicht höre. Denn dann ist alles frisch und aufregend, wenn ich mich wieder an meine eigene Arbeit mache. Nein, lieber schaue ich mir eine Folge von "The Walking Dead" an.

SPIEGEL ONLINE: Ist es das Alter?

Anderson: Aber nein. Erstmals fiel mir das bei einer US-Tournee in den Siebzigerjahren auf, als überall Musik lief. Im Bus. Im Flughafen. Im Fahrstuhl. Und dann ging's zum Soundcheck, und ich musste dort noch meine eigene Musik hören - von der Show danach ganz zu schweigen. Woraus besteht Musik? Aus Noten mit kleinen Lücken dazwischen, die still sind. Wenn ich diese Lücken nicht habe, habe ich es mit den Ramones oder Motörhead zu tun. So sehr ich sie auch liebe, ich kann mir das höchstens fünfzehn Minuten anhören. Es passiert einfach zu viel und das die ganze Zeit. In der Klassik hören Sie nur ganz selten ein komplettes Orchester in voller Fahrt. Es ist eher wie eine Armee auf dem Schlachtfeld. Manche Einheiten werden hierhin oder dorthin gesetzt, um dieses oder jenes zu erreichen, manche ziehen sich für eine Weile ganz zurück.

SPIEGEL ONLINE: Wie ein Landwirt den Acker ruhen lassen muss, um ihn wieder bewirtschaften zu können?

Anderson: Ja, genau. Und wie es auch genügt, pro Nacht nicht mehr als drei oder vier Mal hintereinander Sex zu haben. Okay, hier nimmt gerade ein beinahe 70-Jähriger den Mund ziemlich voll.

SPIEGEL ONLINE: Wer Ihre Konzerte besucht, ist über Ihre ruinierte Stimme entsetzt. Warum tun Sie sich das an?

Anderson: Ich konnte auf der Bühne noch nie gut singen, um ehrlich zu sein. Im Studio schaffe ich es noch, aber Abend für Abend auf der Bühne? Das ging bei einigen Liedern noch nie. Offen gestanden ist mein Gesang heute nicht wesentlich schlechter als 1982 oder 1975. Aber ich bin eben nicht Robert Plant, ich bin kein begnadetes Naturtalent. Ich bin ein Typ, der Instrumente spielt und Songs schreibt. Ein Alan Parsons mit mehr Schwung, sozusagen. Mein Höhepunkt war Ende der Siebzigerjahre erreicht und Anfang der Achtzigerjahre überschritten. Seitdem bin ich ein Bariton. Wie David Bowie. Der schreibt aber weniger Songs als ich.

SPIEGEL ONLINE: Wann schreiben Sie?

Anderson: Oft mitten in der Nacht. Ich habe einen sehr leichten Schlaf. Dazu liegt ein Notizbuch in meinem Badezimmer, gleich neben dem Klo. Ideen sind wie kleine Schmetterlinge. Sie fliegen herum, und man muss ihnen nachsetzen, um sie zu berühren oder zu fangen. Dabei muss man aber sehr vorsichtig sein, um sie nicht zu zerstören, bevor man sich richtig hinsetzen, aus ihnen schlau werden und sie bearbeiten kann. Erst letzte Nacht wachte ich mit einer Textzeile auf für einen Song, an dem ich gerade arbeite. Ich dachte mir: Oh, so wäre es besser!

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie es notiert?

Anderson: Nein. Und nun ist es weg.

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insgesamt 65 Beiträge
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Seite 1
alyeska 04.05.2015
1. Für mich wird er immer einer der ganz Großen sein
Seine Musik ist und war immer einzigartig. Man höre sich nur mal seine Stücke bei Blackmoor´s Night an. Schon zu Lebzeiten eine Legende, Ian Anders halt.
felisconcolor 04.05.2015
2. tolles Interview
Ich fand Ian Anderson schon immer Klasse. Und die Musik die er mit Jethro Tull gemacht hat, hat mich sehr inspiriert. Das war mein Gefühl von Rock. Auch heute höre ich ihn gerne. Er entrückt einen so schön aus dieser hektischen total durchgeknallten Zeit
stollenreiter 04.05.2015
3. Vielen Dank
für dieses schöne Interview, ich bin seit früher Jugend großer Jethro Tull Fan, habe alle Platten z.T. sogar die Original Ausgaben und freue mich immer wenn ich etwas von dem spleenigen Kauz höre. Tja, to old to rock´n´roll to young to die :-)
fort-perfect 04.05.2015
4. Nun,
wenn das Interview mit Herrn Anderson wirklich so stattgefunden hat, dann Respekt, der Mann hat wirklich feinsinnigen britischen Humor.... und viel mehr Realitätsbewusstsein als zB die Stones oder sonstige "live" agierende Rockveteranen.... man sollte halt wissen, wann man aufhört.
motzbrocken 04.05.2015
5. Danke, Ian Anderson
Mit 14 habe ich mir meine allererste Schallplatte gekauft: Aqualung. Ich hatte viele, viele schöne Stunden mit seiner Musik. Meine Eltern hatten den "organisierten Lärm" oder schlicht "Negermusik" .. :-). Auch heute noch stehen die Jethro Tull bei mir ganz weit oben. Zusammen mit den Erinnerungen..... Darum: vielen Dank, Ian Anderson, für die geniale Musik.
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