Rapperin Iggy Azalea Sexbombe aus der Vorstadthölle

"Wenn ich nicht sexy bin, bin ich nicht ich selbst": Iggy Azalea will beweisen, dass eine weiße Australierin mit den Rap-Meistern aus den USA mithalten kann. Und dass sich heiße Hotpants und cooler HipHop nicht ausschließen.

Universal Music

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Wenn Amethyst Amelia Kelly einfach in ihrem Heimatstädtchen Mullumbimby geblieben wäre, hätte sie jetzt vielleicht einen Job, einen Mann, ein Haus und Kinder - und würde auf den Geburtstagspartys der Kids ein bisschen rappen, als Hobby. Man kann sich Kelly, eine hochgewachsene, schlanke Blondine, ziemlich gut als patente Vorstadt-Mom in New South Wales vorstellen. Aber es kam anders. Weil sie es anders wollte.

2006 sagte die damals 16-Jährige zu ihren Eltern, sie würde Urlaub machen, stieg in ein Flugzeug Richtung USA und landete in Miami. Was sie Mom und Dad nicht gesagt hatte, war, dass sie nicht vorhatte, nach Australien zurückzukommen. Sie begann, ihren Traum einer Rap-Karriere unter dem Künstlernamen Iggy Azalea zu verwirklichen. Jetzt, acht Jahre später, könnte es so weit sein: Nach diversen Singles und Mixtapes, einem Plattenfirmenwechsel und einer Verspätung von fast zwei Jahren, ist ihr Debüt-Album "The New Classic" erschienen.

"No money, no family. 16 in the middle of Miami": Im Refrain ihrer Single "Work" beschreibt Azalea ihren Aufbruch ins gelobte HipHop-Land: "I've been up all night, tryna get that rich/ Three jobs, took years to save/ But I got a ticket on that plane/ I've been work work work work working on my shit". Das Einzige, was die Amateur-Rapperin hatte, war ein vages Angebot der Plattenfirma Interscope, in die USA zu ziehen. 2011 sorgte ihr frech-explizites Video "Pu$$y" für Furore im Internet, und Azalea kündigte an, alsbald ein Album folgen zu lassen. Produzieren lassen wollte sie es von dem Rap-Star T.I., einer Galionsfigur des "Dirty South" genannten Südstaatenraps, von dem sich Azalea beeinflusst fühlte.

"Meine Musik hatte schon immer einen Südstaaten-Einschlag, weil ich mich mit der Musik der Rapper aus dem Süden am meisten identifizieren konnte", erzählt die heute 23-Jährige im Interview. "Sie erzählten Geschichten vom Land, und da ich selbst auch vom Land bin, sagten mir diese Texte mehr als Raps von New Yorkern mit typischen Großstadtmotiven oder die Westküstler mit ihren Gangbangs."

Eine langbeinige Blondine mit australischem Akzent, die in explosiven Salven rappt und dazu in Hot Pants "twerkt", wie es die schwarzen Girls in den Videos der HipHop-Machos tun? Eine Lachnummer, oder? "Unsinn", sagt Azalea. Sie sei in Atlanta, im Umfeld von T.I. und seiner Posse, sehr schnell akzeptiert worden - "ich glaube, sie fanden mich exotisch".

Auf der Bühne und in ihren Videos macht sich Azalea diese Exotik zunutze, indem sie sich als Sexbombe inszeniert, aber von weiblicher Selbstermächtigung erzählt. "Ich habe lange überlegt, ob ich diese alten, unfairen Geschlechterklischees aufrechterhalten will. Dann dachte ich: Wenn ich auf die Bühne gehe und nicht sexy bin, bin ich nicht ich selbst. Sollen sie mich doch nennen, wie sie wollen, das ist mir lieber, als nicht gut auszusehen." Man müsse zudem ja auch etwas können, sagt Azalea: "Die Leute respektieren dich ja nicht mehr, nur weil du Jeans und Pulli trägst. Dann bist du halt noch dazu langweilig."

Erfolg! Erfolg! Erfolg!

Dass Iggy Azalea etwas kann, darüber waren sich Kollegen wie Kritiker schnell einig, nachdem sie mit dem "Trap Gold"-Mixtape und der "Glory"-EP mehr Musik veröffentlichte. Doch wie einige andere junge und vielversprechende Rap-Künstlerinnen in jüngster Zeit, darunter Angel Haze und Azealia Banks, drohte sie noch vor dem Debüt in den Strategiespielen der Musikindustrie zerrieben zu werden. Die Gefahr: Erste Videos und Singles sorgen für Furore, danach vergeht aber zu viel Zeit bis zum Album, um das Interesse des Publikums aufrechtzuerhalten.

Azalea ist dennoch überzeugt, dass ihre Karriere nicht ohne eine große Plattenfirma zu verwirklichen ist. Anfang 2013 unterzeichnete sie bei Universal, ein zweites Mal. "Natürlich ist eine große Firma wichtig", sagt sie: "Um all das zu finanzieren, was ich will. Wenn du glücklich damit bist, unabhängig zu sein und niemals globalen Erfolg zu haben, fein. Wenn du aber überall auf der Welt auftreten und Videoclips drehen willst, die eine halbe Million Dollar kosten, musst du bei einem Major sein."

Als junge Künstlerin weiß sie zwar, wie radikal sich die Branche durch digitale Vertriebswege und soziale Medien verändert, aber sie weiß auch, was sich nicht verändert hat: "Wenn du keine Alben verkaufst, wirst du von jedem Label fallengelassen."

Auf dem selbstbewusst betitelten Debüt "The New Classic", in pastellfarbener "Miami Vice"-Optik gestaltet, als Referenz an ihre erste US-Wahlheimat, lastet also eine Menge Druck. Und so klingt es leider auch: Unter Federführung des wenig bekannten britischen Produktionsteams The Invisible Men entstand eine akribisch auf die Schnittstelle zwischen dem in den USA populären Mainstream-HipHop und dem in Europa gängigen Pop-Crossover designte Song-Sammlung, die ein möglichst großes Publikum erreichen soll.

Das Album hat vor allem dann gelungene Momente, wenn Azalea die Refrains von Gastsängerinnen bestreiten lässt, wie in "Black Widow" (Rita Ora) oder bei der Single "Fancy" (Charli XCX). Vieles bleibt generisch und lässt den Biss früherer Azalea-Singles wie "Pu$$y" oder "Murda Bizness" vermissen. "Work" bleibt der beste Track, vor allem weil er authentisch von den Erfahrungen der Exotin in einem vermeintlich hermetischen Business erzählt.

"Never quit until the clock stops/ And never die out before your heart drops/ Success will separate you from the have-nots", heißt es in "Impossible Is Nothing", dem Kernstück des Albums. Traditionelle Rapper arbeiteten sich mit ähnlich turbokapitalistischem Ethos aus dem Ghetto empor. Iggy Azalea hat es mit beachtlichen Rap-Skills, Geschäftssinn und gesundem Selbstvertrauen aus den Vororten Australiens herausgeschafft und sich als weiße Frau den Respekt ihrer Genre-Kollegen errungen. Was sie nun noch braucht, ist ein Hit. Dann klappt's vielleicht auch mit dem Klassiker.



insgesamt 40 Beiträge
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HerbertVonbun 26.04.2014
1. E. V.
"Wenn ich nicht sexy bin, bin ich nicht ich selbst!" Es fragt sich nur, wie lange das gut geht. Aber zumindest einmal dazu stehen, ist ein richtiger wie auch mutiger Schritt. Viel Erfolg und Glück!
bbär 26.04.2014
2. Sexy?
Brrrrrr! Nee, lass mal.
WhereIsMyMoney 26.04.2014
3.
Da habe ich ganz schlechte Nachrichten, denn sie ist wirklich nicht sexy.
Traudhild 26.04.2014
4.
Hmm - als ich das Bild zum ersten Mal sah, hätte ich spontan darauf getippt, dass sie eine Schwarze ist
noalk 26.04.2014
5. Wenn ich nicht sexy bin ...
Da dreht sich Alice S. auf dem Sofa rum. 50 Jahre Emanzipationsbemühungen, und dann sagt eine Frau sowas ...
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