Jazz und Humor Bebop bittersüß

1964 verkündete ein Jazzmusiker, er wolle US-Präsident werden. Es war ein Scherz von Dizzy Gillespie. Showtalente wie er fehlen heute. Ein Blick auf Neuerscheinungen mit Spaßfaktor.

Joachim Gern

"Wenn Lachen die beste Medizin ist, steht es schlecht um die Welt des Jazz", findet das US-Magazin "Down Beat". Wohl wahr. Während immer mehr Musiker ihre Instrumente virtuos beherrschen, sind jene Künstler fast verschwunden, die das Publikum auch unterhalten und aufheitern können und wollen. Jazzen und Spaß machen! Das konnten der Pianist Fats Waller und die Trompeter Louis Armstrong und Dizzy Gillespie.

In Deutschland erinnern sich ältere Fans vielleicht an den Berliner "Kutte" Widmann, der nach dem Krieg zu Europas besten Posaunisten zählte und der zudem die Leute als Komiker begeisterte. Heute zelebrieren die meisten Jazzer ihre Musik als todernste Angelegenheit. Ja, wir haben Götz Alsmann und Helge Schneider; aber die sind Unterhaltungskünstler, die ihre Show mit Jazz würzen. Jazz-Profis mit Showtalent sind dagegen ähnlich rar wie Schnee in der Sahara.

Wer kann Jazz mit Humor verbinden? Zu der seltenen Spezies gehört der Pianist Iiro Rantala. Bekannt wurde der Finne mit seinem Trio Töykeät ("Grobiane"), das sich im Jazzrock-Stil über Tangos und Walzer hermachte. Jetzt behauptet Rantala, dass für ihn die Geschichte des Jazz mit Johann Sebastian Bach begann. Auf seinem neuen Album improvisiert der 42-Jährige deshalb immer wieder über Kompositionen des Großmeisters aus dem 18. Jahrhundert. Sie stehen als Klammer zwischen Standards und eigenen Stücken auf Rantalas CD "My History of Jazz". Hörenswert!

Ringelnatz und singende Sägen

Klassisch ausgebildet wie Rantala ist Chilly Gonzales. Der Kanadier sieht aus wie ein Latin Lover und spielt auf seinem neuen Album 14 eigene Songs - schöne, Ruhe ausstrahlende Melodien. Das ist wohl die Kehrseite des 40-jährigen Exzentrikers: Gonzales schaffte es mit einem Dauerkonzert von 27 Stunden ins "Guinness-Buch der Rekorde". Und bei Live-Auftritten versteht er es, sein Publikum mit ausgefallenen Ansagen zu unterhalten. So nannte er einmal Musiker, die damit prahlen, vor allem für sich selbst zu spielen, "Onanisten". Konzerte, so Gonzales, seien eine Art Liebesakt, bei dem der Künstler alles tun müsse, um das Publikum zu gewinnen.

Aber was können Jazzer den Leuten zumuten? Der Berliner Pianist Nicolai Thärichen hat für das neue Album mit seinem Tentett Lautgedichte des Dadaisten Hugo Ball und Verse von Joachim Ringelnatz vertont. Die hintersinnigen Texte singt der Stimmkünstler Michael Schiefel. Doch man muss schon genau zuhören, um die ausdrucksstarke Musik und den bittersüßen Humor zu genießen. Dagegen klingt die CD des Multi-Instrumentalisten Ralph Stövesandt burlesk-bieder. Begleitet von der Harfenistin Julia Rosenberger und der Band Quadro Nuevo musiziert Stövesandt auf einer singenden Säge. Ganz lustig, aber eher für Varieté-Bühnen geeignet als für Jazzkeller.

Ein Happening in einem Jazzclub in Los Angeles erregte 1964 in Amerika Aufmerksamkeit: Bei einer Scherz-Pressekonferenz vor den Wahlen erklärte der Afroamerikaner Dizzy Gillespie, dass er sich um den Präsidentenposten bewerben wolle. Der Bebop-Musiker legte eine eigene Kabinettsliste vor - mit Max Roach (Verteidigung), Louis Armstrong (Landwirtschaft) und Miles Davis (CIA-Chef). Wie Gillespie die Wahl seiner Minister begründete, ist nicht nachzulesen, wohl aber die Zusammenfassung seines Auftritts: "Abgesehen von der Darstellung seines geistreichen Witzes", so das Magazin "Down Beat", "brachte Gillespie auch so ernste Dinge wie Bürgerrechte, Rassismus und den Vietnam-Krieg zur Sprache." Dennoch: 1964 war "Gillespie for President" ein Witz.

Dass 2009 tatsächlich ein Schwarzer ins Weiße Haus einzog, konnte der Trompeter nicht mehr erleben. Dizzy Gillespie ist 1993 gestorben.


CDs:
Iiro Rantala: "My History of Jazz" (ACT) Ab 26.10
Chilly Gonzales: "Solo Piano 2" (Gentele Threat)
Thärichens Tentett: "An Berliner Kinder" (Double Moon)
Ralph Stövesandt: "Die Singende Säge" (GLM) Ab 26.10.



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