Indie-Festival Øya Tanzen in Teufels Küche

Schweineköpfe und Teelichter: SPIEGEL-ONLINE-Autor Jan Wigger hat sich nach Norwegen auf das Øya Festival gewagt. Ein Höllenritt durch kunstblutbesudelten Black Metal und dröhnend schönen Noise. Mainstream-Bands wie N.E.R.D konnten da nur langweilen.


An alle Fernsprechteilnehmer: Wir befinden uns auf dem Øya Festival in der norwegischen Hauptstadt Oslo. Fünf Tage, fünf Bühnen, 15.000 Menschen, Hunderte Künstler. Der Hauptgrund für die Reise dürfte selbst peripher an Gitarrenmusik interessierten Lesern einleuchten: ein Auftritt der Lärmkünstler My Bloody Valentine, die in den vergangenen 15 Jahren kaum ein Konzert gegeben haben. Beim Øya sind sie gleich Headliner und spielen ihre alten Shoegazer-Meisterwerke "Isn’t Anything" (1988) und "Loveless" (1991).

Der wegen des notorisch geräuschvollen Auftretens der englisch-irischen Musikgruppe vor der Bühne verteilte Ohrenschutz wird auf der Stelle wieder entfernt, um unnachahmlich leiernde, verführerische, durch Mark und Bein fahrende Stücke wie "I Only Said" oder "Sueisfine" so direkt wie möglich zu erleben.

Unglaublich, wie Kevin Shields und die scheinbar alterslose Bilinda Butcher sich zu so aufregenden Songs wie "Only Shallow" und "When You Sleep" trotzdem kaum bewegen! Wie immer sind die geisterhaften Stimmen von Butcher und Shields unter unzähligen Gitarrenspuren vergraben, doch um den Gesang ging es bei dieser Gruppe ja noch nie: My Bloody Valentine sind ein nie versiegendes Grundrauschen, gemischt mit dem Sound von mehreren gleichzeitig landenden Flugzeugen.

Zum Schluss gibt es den berühmten EP-Track "You Made Me Realise" in einer über 15minütigen Version: der beste Grund für mutwillig herbeigeführten Tinnitus.

Weiter geht es mit Mayhem und ihrer tausendmal erzählten Geschichte, die im Heimatland Norwegen jede Bäckersfrau kennt: Dead, der einstige Sänger dieser den Tod verehrenden Black-Metal-Band, schoss sich 1991 mit einer Schrotflinte in den Kopf. Gitarrist Euronymous soll daraufhin Teile des Hirns gekocht und gegessen haben. Aus den Schädelstücken bastelten er und Schlagzeuger Hellhammer anschließend Halsketten - zumindest der Legende nach.

Die Nabelschnur hat er sich um den Hals gehängt

Zwei Jahre später, 1993, wurde Euronymous dann von Varg Vikernes, Gründer des Black-Metal-Projekts Burzum, mit 26 Messerstichen ermordet. Alle Zeichen stehen also auf Verfall, auch für Front-Grunzer Attila Csihar, der die mit einem totem Schweinekopf und Teelichtern geschmückte Bühne in einer Art Ganzkörper-Müllsack aus Jute betritt. Dazu hat er sich eine welsartige Fischmaske auf den Kopf gesetzt und ist mit mehreren rohen Fleischstücken behängt.

Und das Schauerspiel nimmt kein Ende: Kurz vor dem von Hellhammer vorbildlich geprügelten "Freezing Moon" wird ein OP-Tisch auf die Bühne gefahren, auf dem sich der plötzlich von imaginären Wehen geplagte Csihar mit einem stumpfen Messer ein kleines Teufelsbaby aus dem Bauch schneidet. Die Nabelschnur um den Hals gehängt und mit Kunstblut besudelt verlässt Csihar nach 70 Minuten die Bühne: Ein Neunjähriger mit Corpsepaint (so nennt man in der Metal-Sprache die leichenblasse Gesichtsbemalung) staunt, während die Größeren eher belustigt scheinen.

"All hail Mayhem!", grüßt dann auch Gitarrengott Thurston Moore die Fürsten der Finsternis und konzentriert sich beim Auftritt seiner Band Sonic Youth größtenteils auf das epochale Album "Daydream Nation". Und es stimmt: "Hey Joni", "Cross The Breeze" und das besonders unbarmherzige Riff von "Silver Rocket" lassen noch immer Herzen zerspringen und Ohren bluten.

Fünf Verstärker und acht Ampeg-Boxen

Was uns geradewegs zum wahrscheinlich lautesten Konzert führt, das Norwegen jemals erlebt hat: Sunn O))). Allein der Bassist dieses begnadeten amerikanischen Drone-Doom-Geheimzirkels benötigt insgesamt fünf Verstärker und acht Ampeg-Boxen. Und natürlich stimmt der längst zum Klischee verkommene Satz hier dann doch: Keine Band der Welt klingt wie Sunn O))).

Das Quintett ohne Schlagzeuger spielt ein einziges, exakt 52 Minuten langes Stück, eingehüllt in dichtesten Trockeneisnebel, der nur selten den Blick auf eine der dunklen Mönchsroben freigibt, in denen Sunn O))) auftreten.

Die Musik: Ein verzerrtes, verfremdetes, tiefer als tief gestimmtes Dröhnen und Vibrieren (daher die Bezeichnung Drone, englisch für Dröhnen), gespielt von echten Visionären. Der erbärmliche Polkarock von Kaizers Orchestra, die trostlosen Mitklatschspielchen von Okkervil River, die eher schlappe Performance der alten Herren von The Sonics und der gewohnt statische Auftritt der Moll-Murmler von The National werden danach nur noch bedeutungsloser.

Ein Betreuer für die Groupies

Phantastisch wie erwartet dagegen die Stunde mit den Fleet Foxes aus Seattle, Washington: makelloses Songwriting, himmlischer, teils vierstimmiger Gesang (nur das einzige Bandmitglied ohne Bart durfte nicht mitsingen) und mit "Mykonos" von der "Sun Giant"-EP schließlich auch das überwältigendste Lied des Festivals.

In etwa zeitgleich ging es auf der großen Hauptbühne bei Neptune Pharrell Williams mit seiner Band N.E.R.D nicht nur textlich ums Ficken. Extra hatte man einen Pimp abgestellt, der während des Livesets hauptsächlich ein Handtuch schwenkte, später aber mit der verantwortungsvollen Aufgabe betreut war, vor dem Hotel die Groupies einzusammeln und zu betreuen.

Das Gegenteil von N.E.R.D? Damo Suzuki, vier Alben lang Sänger der deutschen Legende Can. In einem kleinen Club spielt der dünne Japaner im Holzfällerhemd spätnachts mit ein paar jungen Männern eine nur unzureichend zu beschreibende, kathartische, experimentelle Musik. Zwei Stunden lang klammert Suzuki sich an den Mikroständer, als würde er sich im Todeskampf mit einer giftigen Schlange befinden. Ein unfassbares, komplett improvisiertes Konzert mit Musikern, die Suzuki zwei Tage vorher nicht einmal kannte.

Und ja, es ist wahr: Die von englischen, japanischen und deutschen Wortfetzen durchsetzte Phantasiesprache Suzukis treibt einem auch 38 Jahre nach dem rührenden "Tango Whiskeyman" noch Tränen in die Augen.

Am fünften und letzten Tag stehen wir dann besonders früh auf, um noch das Akustikset von Big Bang zu sehen. Angemessener kann man sich nicht von einem Festival verabschieden, das sämtliche Probleme, die normalerweise mit organisierten Massenaufläufen verbunden sind, einfach umgeht. Nächstes Jahr wieder, wenn der Vater im Himmel es will.



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