Indierock-Queen PJ Harvey "England ist gar nicht so wichtig"

Was tun, wenn das Heimatland in den Krieg zieht? Auf ihrem neuen Album entwirft PJ Harvey ein apokalyptisches Bild der britischen Gesellschaft. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview spricht die Musikerin über Patriotismus und ihre alte Englischlehrerin - und erklärt, warum sie Popsongs sehen kann. 

Universal Music

SPIEGEL ONLINE: Mrs. Harvey, Ihr neues Album "Let England Shake" dreht sich um den Krieg. Aber dass Großbritannien Kriege führt, ist keine Neuigkeit. Warum ein solches Album gerade heute?

PJ Harvey: Es gibt ein paar Gründe. Ein praktischer war: Ich habe mich lange Zeit einfach nicht dazu im Stande gefühlt, dieses Menschheitsthema anzupacken - mit meinen limitierten schriftstellerischen Fähigkeiten. Ich wollte keine billigen, anprangernden Protestsongs schreiben. Der viel gewichtigere Grund ist elementarer. Ich habe mich schon immer von den Geschehnissen in der Welt beeindrucken lassen. Diese Gefüge und Fliehkräfte, die entstehen, wenn Nationen vergehen oder sich bekriegen, wollte ich mit meinen eigenen Worten zu fassen bekommen und in leidenschaftlichen Songs aufgehen lassen. Das war der Kampf, und es hat sich gelohnt, ihn zu führen.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie ein melancholischer, wehmütiger Patriot?

Harvey: Ich weiß nicht. Ich zaudere, den Begriff Patriot zu benutzen. Ich könnte Ihnen gar keine Definition des Wortes geben. Ich benutze es einfach nicht. Von daher bin ich vermutlich kein melancholischer Patriot.

SPIEGEL ONLINE: Was für ein Verhältnis haben Sie zu England, wenn Sie bluttriefende Zeilen wie diese schreiben: "Soldiers fell like lumps of meat/ Blown and shot out beyond belief/ Arms and legs were in the trees"?

Harvey: Da ist England Platzhalter für jedes Land. Platzhalter für den Begriff der Nation. Auch deshalb habe ich eine einfache Sprache in meinen Songs benutzt: Ich möchte, dass auch jeder Nicht-Engländer sie leicht verstehen kann. Denn ich singe von der universellen Frage, was es bedeutet, in einem bestimmten Land geboren zu sein, das bestimmte Dinge tut und sich auf eine bestimmte Weise gegenüber anderen Ländern verhält. Was richtet beispielsweise das Handeln der Nation, und sei es ein Krieg, emotional in den Menschen an? Aus diesem Grunde finden Sie auch keine politische, intellektuelle, sondern nur eine poetische, einfache Sprache in meinen Texten. England ist gar nicht so wichtig.

SPIEGEL ONLINE: In Ihren Texten malen Sie ein ganz schön apokalyptisches Bild.

Harvey: Sie sagen apokalyptisch. Ich stimme Ihnen zu, obwohl ich lieber von Dunkelheit sprechen möchte. Denn die Musik ist hell und fröhlich. Und sogar in den Texten selbst geht es manchmal zuversichtlich zu: Sie werden viele Naturbilder voller Schönheit in ihnen finden. Blumen, die sprießen, der Mond, der über dem Fluss aufgeht… Und ich spreche in all den Abgründen, die ich da skizziere, auch immer wieder von der Liebe - der Liebe, die in der Kameradschaft stecken kann oder der Liebe, die eine Mutter zu ihrem Sohn empfindet oder der Liebe zwischen zwei Dorfbewohnern, die sich seit Jahren kennen und aneinander gewöhnt haben. Ich spreche von einer Idee von Hoffnung, die mir ganz wichtig war. Denn der apokalyptischen Welt, die ich da zeige, sollte eine Spiegelung gegenüberstehen.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben zwei Jahre gebraucht, um die zwölf Songs aufzunehmen.

Harvey: Ich nehme die Zeit anders wahr. Ich arbeite. Immer und unaufhörlich. Ich mache Musik und ich schreibe auch jeden Tag. Ich arbeite stets an verschiedenen Projekten gleichzeitig - sie überlappen sich. Und wenn dann irgendwann einmal wieder ein Album beendet ist - wunderbar! Aber ich betrachte alles, was ich mache, als Teil eines größeren künstlerischen Zusammenhangs. Deswegen möchte ich auch behaupten, dass alles, was ich tue, im Kern miteinander verknüpft ist. Alles geht sehr langsam. Das Schreiben fällt mir darüber hinaus gar nicht leicht. Ein Song entsteht bei mir stets so, dass ich mit Lyrik und Prosa beginne - und aus solcherlei Textfragmenten dann einen Songtext aufbaue. Ich überschreibe einen Song immer und immer wieder. Und oft werfe ich ihn dann anschließend trotzdem weg. Es gibt Berge von Songleichen dieser Art.

SPIEGEL ONLINE: Ist das Schreiben für Sie eine Qual?

Harvey: Ich kämpfe um jedes Wort. Ich lerne jeden Tag, bilde mich weiter in Sachen Sprachgebrauch und Versmaß. Ich lese viel. Aber ist das eine Qual? Ich betrachte den Akt des Schreibens eher als eine Schule, in der ich jeden Tag lernen kann. Meine Hoffnung ist, dass ich eines Tages sicher bin. Als Autorin sicher bin. Ich bin der festen Überzeugung, dass man einen Mangel an Talent mit umso größerem Fleiß weitgehend ausgleichen kann.

SPIEGEL ONLINE: Machen Sie Fortschritte?

Harvey: Wenn man den Umstand, dass ich heute bewusster schreibe als früher, als Fortschritt bezeichnen will: unbedingt ja. Mittlerweile schreibe ich meine Texte zuerst und mache mich dann erst an die Musik. Ich will nicht mehr, dass ein Text von mir einer Liedstruktur zu gehorchen hat. Es freut mich, dass Sie über meine Texte sprechen, denn an diesen soll man mich messen.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie Minimalistin?

Harvey: Ich mag kein Gelaber.

SPIEGEL ONLINE: Woran erkennen Sie, wann ein Song fertig geschrieben ist?

Harvey: Ich habe die Texte, als ich mit ihnen recht zufrieden war, meiner alten Englischlehrerin, die mich vor dreißig Jahren unterrichtet hat, zu lesen gegeben. Ich erinnerte sie als Frau von sehr klaren Prinzipien und strengem Urteil. Sie war eine großartige Lehrerin, ich war sogar ein wenig eingeschüchtert von ihr und ihrem Wissen. Und sie lebt immer noch in Dorset, wo ich aufgewachsen bin.

SPIEGEL ONLINE: Und was hat sie gesagt?

Harvey: Sie war wie früher. Sie hat ihren Rotstift genommen und korrigiert und mir hier und da etwas angemerkt.

SPIEGEL ONLINE: Wusste Ihre Lehrerin von Ihrer Karriere?

Harvey: Wissen Sie, in Dorset führen die Menschen ein einfaches Leben. Sie wusste wohl, dass ich bekannt bin, aber sie liest keine der Zeitschriften, in denen ich gelegentlich auftauche.

SPIEGEL ONLINE: Wir haben viel über Ihre Texte gesprochen, wie wichtig ist Ihnen der Klang Ihrer Musik?

Harvey: Enorm wichtig. Mein letztes Album "White Chalk" bestand im Wesentlichen aus dem Klang eines Klaviers in einem Raum mit seinem ganz spezifischen Hall. Und auch für die Songs auf "Let England Shake" hatte ich ganz klare Klangvorstellungen - ich wusste immer schon im Vorfeld genau, welche Instrumente benutzt werden sollten. Ich sehe den Klang bildlich vor mir, ich höre ihn gar nicht unbedingt. Ich sehe, wo der Klang in der Stratosphäre sitzt. Ich muss ihn nur noch pflücken. Ich strebte einen wässrigen, zugleich erdigen Sound an, und daraus wiederum ergab sich, wie ich meine Songs zu singen hatte. Ohne, dass es sich um eine Methode handelt, so weiß ich doch genau, was ich tue. Ich weiß zum Beispiel, dass einige der neuen Songs wie Bäume Wurzeln haben. Sie reichen weit in die Tiefe.

SPIEGEL ONLINE: Was meinen Sie, wenn Sie davon sprechen, den Klang "zu sehen"?

Harvey: Ich male Bilder, ich zeichne, ich bin auch eine visuelle Künstlerin. Ich kann mir in meinem Kopf Songs als abstrakte Bilder vorstellen. Was bedeutet, dass ich jederzeit erklären kann, was genau ich höre, also sehe. Durch die genaue Beschreibung wissen dann die Musiker, was grundsätzlich zu tun ist. Und ich kann mich anschließend in die Musik hineinfallen lassen und zu ihr singen.

Das Interview führte Max Dax

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