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Interview mit Beck: "Musik ist eine Art von Exorzismus"

Mit "Loser" schrieb er 1994 einen Welthit und wider Willen die Hymne der Generation X. Seitdem gilt Beck Hansen als Pop-Dandy, der virtuos in allen Genres wildert. Im Interview erklärt der 34-Jährige, warum Geschmacklosigkeit stilbildend sein kann und welche Vorteile es mit sich bringt, wie ein 12-Jähriger auszusehen.

Musiker Beck: "Ich habe eine Antenne"
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Musiker Beck: "Ich habe eine Antenne"

Frage:

Herr Hansen, Sie haben schon im Vorfeld gesagt, dass Sie über einen wichtigen Aspekt Ihres Lebens nicht reden wollen, nämlich Ihre Mitgliedschaft bei Scientology. Wieso möchten Sie nicht über etwas sprechen, von dem Sie überzeugt sind?

Beck: Ich habe prinzipiell kein Problem damit, über Scientology zu reden. Aber ich bin schon ein wenig misstrauisch, wenn sich die Journalisten vornehmlich für diesen Punkt interessieren. Ich bin Musiker und kein Prediger. Außerdem: Es gibt so viele Vorurteile gegenüber Scientology, die kann man nicht im Rahmen eines Interviews aus der Welt schaffen.

Frage: Sehen Sie denn die Möglichkeit, kritische Worte zu Scientology zu sagen, ähnlich wie es Christen in Bezug auf die Institution Kirche tun?

Beck: Was ich in Scientology sehe oder was ich mit Scientology erlebt habe, ist zu 100 Prozent positiv.

Frage: Warum schlagen Sie dann in letzter Zeit so düstere Töne auf Ihren Alben an?

Beck: (lacht) Man würde es beim Hören vielleicht nicht vermuten, aber ich hatte eine fantastische Zeit, als ich das neue Album geschrieben habe. Die Kunst spiegelt oft das Gegenteil von dem wider, wie die Musiker das Leben angehen. Viele Leute, deren Kunst ich als schwer melancholisch oder sogar sehr depressiv empfinde, habe ich im wirklichen Leben als lustige, lebensbejahende und kontaktfreudige Menschen erlebt. Mir persönlich hilft es, meine düsteren Gedanken herauszulassen, damit ich im Alltag entspannter bin. Wenn ich das Negative, das ich sehe, fühle oder erfahre, in meiner Musik verarbeite, ist das für mich auch eine Art von Exorzismus.

Frage: Empfinden Sie die Stimmung um Sie herum derzeit als negativ? Immerhin sind Sie doch mittlerweile verheiratet und seit Sommer 2004 Vater eines Sohnes.

Beck: Oh ja, ich bin ein stolzer Vater, aber die Geburt meines Sohnes hatte keinen Einfluss auf die Stimmung des neuen Albums. Die Kunst folgt dem Leben immer mit einer gewissen Verspätung, und vermutlich wird man erst in drei Jahren die Auswirkungen meiner Vaterschaft auf meine Musik nachvollziehen können. Auf diesem Album kommen andere Dinge zum Tragen: Sie haben es vielleicht mitbekommen, dass Amerika im Moment keine glücklichen Zeiten erlebt. Und auch in meinem direkten persönlichen Umfeld passieren zuweilen düstere Dinge. Einer der neuen Songs handelt von Menschen, die mit dieser Gesellschaft nicht klar gekommen sind und deshalb lieber den Tod als das Leben umarmten. Ich hatte keine Ahnung, warum dieser Song aus mir heraus wollte, bis ich am nächsten Morgen erfuhr, dass sich ein guter Freund in der Nacht umgebracht hatte. Das klingt jetzt vielleicht etwas unheimlich, aber für mich ist das gar nicht so überraschend.

Frage: Wieso, besitzen Sie prophetische Fähigkeiten?

Beck: Nein, das wohl nicht, aber ich habe eine Antenne, die auf die Schwingungen in der Luft reagiert. Einerseits bedrücken mich diese Schwingungen zwar, aber so düster die daraus resultierenden Songs auch sind, bedeuten sie für mich auch das Heraustreten aus der Dunkelheit. Ich fühle mich wie jemand, der gerade eine brennende Stadt verlassen hat und froh darüber ist. Ich beschäftige mich mit Trostlosigkeit, Fremdartigkeit und Sonderbarkeit genauso wie mit Schönheit.

Frage: Sie sind dieses Jahr 34 geworden. Fühlen Sie sich so alt, wie Sie sind, oder so jung, wie Sie aussehen?

Beck: Ich weiß nicht. Ich habe mich schon mit 19 wie ein alter Mann gefühlt. Als ich als Musiker anfing, ging es mir immer auf den Geist, dass mich alle nur 'The Kid' nannten. Ich habe es gehasst, auszusehen, als wäre ich gerade mal zwölf Jahre alt. Ich wäre viel lieber ein alter Mann gewesen. Andere Leute genießen ihre Jugend, die Zeit, in der sie so gut wie keine Verantwortung zu tragen haben, aber ich dachte damals anders. Das Gute an der Erfahrung ist, dass dir die Perspektive fürs Geschäftliche nicht mehr fremd ist. Ich habe meine Erfahrungen im Pop-Geschäft schon hinter mir und mache mir was das angeht keine Illusionen mehr. Wenn man schon in unterschiedlichste Richtungen experimentiert hat, weiß man hinterher ganz genau, was für einen funktioniert und was nicht. Es gab Zeiten, da habe ich buchstäblich alles ausprobiert. Irgendwann hatte ich die Kontrolle über meine Musik fast verloren.

Frage: Eine Vielzahl an Einflüssen ist demnach eher hinderlich als förderlich?

Beck: Ich denke schon. Aber diese Erfahrung war für mich unvermeidlich, da ich alles um mich herum in mir aufsauge. Ich bin sogar von Sachen beeinflusst, die ich gar nicht mag: Schlechte Filme, die ganze Populärkultur - diese Dinge haben mich geprägt, ohne dass ich etwas dagegen hätte tun können. Um sich völlig von Fremdeinflüssen fernzuhalten, müsste man in die Wildnis ziehen und ein Leben fernab von Medien und sonstiger Zivilisation führen. Als ich Anfang 20 war, strebte ich nach Purismus und wollte mit moderner Technik überhaupt nichts zu tun haben. Im Laufe der Jahre habe ich aber gelernt, die guten und die schlechten Seiten der Entwicklung zu akzeptieren und für meine Zwecke zu nutzen.

Frage: Ist es überhaupt möglich, zwischen guter und schlechter Kunst zu unterscheiden?

Beck: Ich für meinen Teil begrüße jede Form von Kunst, sei es nun, dass die vermeintlich gute mich inspiriert oder die vermeintlich schlechte eine Reaktion in mir hervorruft. Schlechte Gemälde, schlechte Filme, das geschmacklose Fernsehprogramm - all das findet sich auch in meiner Kunst wieder. Ich sehe die Dinge in einem Gesamtzusammenhang, ich denke nicht, dass gute Kunst und schlechte Kunst vollkommen unabhängig voneinander existieren können.

Frage: War es bei Ihrer Entwicklung zu einem toleranten Menschen immer von Vorteil, dass Sie aus einer Künstlerfamilie stammen?

Stil-Chamäleon Beck: Keine Illusionen über das Pop-Geschäft
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Stil-Chamäleon Beck: Keine Illusionen über das Pop-Geschäft

Beck: Zumindest war es für mich immer ganz selbstverständlich, in alle Richtungen offen zu sein. Ein durchschnittlicher Mittelklasse-Background wäre da wohl eher hinderlich gewesen, weil dort immer eine gewisse Angst vor allem Andersartigen vermittelt wird, anstatt den Instinkt und die angeborene Neugierde zu fördern. Dieses typische Sicherheitsdenken ist kontraproduktiv für jeden Künstler, weil sich auf neue Ideen einzulassen immer die Gefahr mit sich bringt, die bestehenden Werte in Frage zu stellen. Meine Eltern haben meine Offenheit stets gefördert, waren aber deswegen nicht allem und jedem gegenüber tolerant. Sie hassten zum Beispiel Led Zeppelin, wohingegen Jean Cocteau für sie unantastbar war.

Frage: Haben Sie da die typischen Verhaltensweisen eines Teenagers an den Tag gelegt und Led Zeppelin-Platten gekauft? Oder haben Sie brav Cocteau gelesen?

Beck: Keins von beidem. Ich sah auf die meisten Spielarten der populären weißen Musik verächtlich herab, und harter Rock war für mich damals tabu. Led Zeppelin habe ich erst als Erwachsener für mich entdeckt, als Heranwachsender habe ich mich nur mit Blues beschäftigt. Witzigerweise kamen nach meinen ersten Shows, als ich nur alte Blues-Songs gespielt habe, Leute zu mir und sagten, ich müsse wohl ein großer Led Zeppelin-Fan sein. Ich war total geschockt, weil ich glaubte, die Leute sahen in mir einen Metal-Fan, obwohl ich doch die pure Lehre von den alten Bluesmännern verkündet hatte. (lacht) Ein gutes Beispiel dafür, wohin dumme Vorurteile führen können.

Das Interview führte Dirk Siepe

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