Interview mit Blumfeld "Denke ich das jetzt als alter Sack?"

Die Texte der Hamburger Band Blumfeld sorgten schon immer für Verwirrung. Jetzt hat die Gruppe ihr neues Album "Jenseits von Jedem" produziert, das am 1. September erscheint. Sänger, Texter und Gitarrist Jochen Distelmeyer über verkopfte Musik, das Reich der Freiheit und warum er sich nicht dafür entscheidet, die Frau an der Hotelrezeption abzustechen.


"Jenseits von Jedem": Blumfeld mit dem neuen Album als Trio
WEA Records

"Jenseits von Jedem": Blumfeld mit dem neuen Album als Trio

SPIEGEL ONLINE:

Bisher zog jede Veröffentlichung eines Blumfeld-Albums hitzige Diskussionen nach sich. Die einen waren begeistert, andere warfen ihnen billige Schlagermache vor. Wie sind die bisherigen Reaktionen auf ihr neues Album "Jenseits von Jedem" ?


Jochen Distelmeyer: Bislang sehr positiv. So extrem wie bei "Old Nobody" oder auch "Testament der Angst" gingen die Meinungen diesmal nicht auseinander. Das führe ich auch darauf zurück, dass den Leuten mittlerweile klar geworden ist, was wir so sind, was uns ausmacht und wie vielfältig unsere musikalischen und sonstigen Interessen sind.


SPIEGEL ONLINE: Schon immer hat das Nachsinnen über mögliche Anklänge oder Zitate in ihren Texten den Blick auf das Wesentliche verstellt - dass da eben einfach eine neue Blumfeld-Platte ist, als Angebot an den Hörer. Trotzdem muss man beispielsweise beim fast 15-minütigen Titelstück des neuen Albums unweigerlich an "Desolation Row" von Bob Dylan denken...


Distelmeyer: Daran habe ich beim Schreiben des Stückes eigentlich nicht gedacht. Für mich ging es darum, so eine Szenerie zu erschaffen, wo der Nachmittag langsam in den Abend reingeht, so eine Party- oder Feststimmung, und diese mit bekannten Archetypen zu bevölkern und zu sehen, was sie auszeichnet und wie sie sich zueinander verhalten. Also zu gucken: Welche Beziehung ist da jetzt zum Beispiel zwischen Pinocchio und Ahab? Erst als ich schon tiefer drinsteckte im Schreiben fiel mir ein: Ach so, na gut - könnte was mit Dylan zu tun haben. Aber dann habe ich gedacht: Ok, das Stück ist mir so zugeflogen und wollte halt irgendwie gemacht werden und bedeutet auch was für mich. Es gibt eben Dinge, die in einen eingeflossen sind, so wie "Yesterday" oder "Til I Die".


SPIEGEL ONLINE: Wie häufig hören Sie eigentlich den Vorwurf, Sie seien verkopft?


Distelmeyer: Da ist eher so ein Bedürfnis einer Aufteilung der Band: Ist das jetzt bauchmäßig oder eher kopfmäßig? Eben der Versuch zu verstehen, wie das alles so zustande kommt. Dazu habe ich schon früher immer gesagt: Wir machen das mit Leib und Seele und allem, was wir so haben und sind. Was sicherlich immer noch für Irritationen sorgt, ist die Tatsache, dass Blumfeld eben alles gleichzeitig ist: Sowohl nachdenklich, als auch emotional, leicht zu verstehen, schwer zu verstehen, harte Stücke, weiche Stücke, kurze Stücke, lange Stücke. Das sind wir halt und können da auch nicht viel daran ändern.


SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie, dass ein Zustand jenseits des Müssens und Sollens, wie er textlich in Ihrer ersten Singleauskopplung "Wir sind frei" beschreiben wird, wirklich realisierbar ist oder doch nur "eine kleine Utopie" bleiben kann ?


 Alles gleichzeitig:  Blumfeld sorgte schon immer für Verwirrung

Alles gleichzeitig: Blumfeld sorgte schon immer für Verwirrung

Distelmeyer: Bei diesem Stück geht es ja einfach darum, dass man sich den Dingen stellt, guckt, was passiert und sich dann eben fragt: Will ich das so oder will ich das eben nicht so? Das Fantastische an diesem Text ist für mich kein Eskapismus. Selbst ein Reich der Fantasie würde ich nicht als weniger wirklich bezeichnen. Das hat ja für uns als Musiker einen realen Hintergrund, nämlich dann, wenn andere die Produkte unserer Fantasie hören. Und das, was in "Wir sind frei" beschrieben wird, ist lebbar, denn wir sind frei. Wir alle sind frei und begabt mit der Möglichkeit, zu unterscheiden und zu entscheiden. Ich könnte mich jetzt sofort und scheinbar willkürlich für das Böse entscheiden und mit dem Messer, mit dem ich gerade meinen Salat hier esse, losgehen und die Frau unten an der Hotelrezeption erstechen. Böses zu tun ist, wenn man so will, der Preis der Freiheit.


SPIEGEL ONLINE: Blumfeld-Texte bleiben streitbar. So wurde der Text zum Stück "Jugend von heute" schon als mögliches zukünftiges "Lieblingslied vom Pop-Beauftragten der SPD", dem ehemaligen niedersächsischen Ministerpräsidenten Gabriel, bezeichnet. Dabei handelt es sich lediglich um eine Ansammlung von pauschalen Aussagen, die "man", die Gesellschaft, "den Jugendlichen" heutzutage unterstellt.


Distelmeyer: Richtig, ganz genau. Das sind Sachen, die man immer schon über die "Jugend von heute" gesagt hat und auch heute noch sagt. Solange es Jugendkulturen gibt, gibt es diese Sprüche: "Geh doch mal zum Friseur!", "Lern doch mal was Anständiges!", "Politisiere dich erst mal!" und so weiter. In diesem Song geht es darum, mal zu schauen: Wo kommen diese Sprechweisen her? Das ist einmal so etwas wie Neid, weil Jugendliche einfach frisch aussehen, cool drauf sind und ihnen die Möglichkeiten scheinbar offen stehen. Dann gibt es so etwas wie Sorge oder Mitleid. Und eben auch berechtigte Kritik am Verhalten von einigen Jugendlichen. Man muss sich halt fragen: Moment mal, warum denke ich das jetzt? Denke ich das jetzt als alter Sack oder als anteilnehmender Typ, der die Jugendlichen ernst nimmt und ihnen Mündigkeit unterstellt?


SPIEGEL ONLINE: Sind Sie manchmal enttäuscht darüber, dass die Ironie, die den Texten von Blumfeld innewohnt, nicht gesehen wird?


Distelmeyer: Wenn jemand diesen Aspekt in meinen Texten sieht, freut mich das sehr. Per se denke ich genau das, was schon in "Status: Quo Vadis" von uns thematisiert wurde: Etwas einfach totzusagen oder über etwas zu sagen: "Das geht heute nicht mehr" - das ist ein Gestus, den ich zweifelhaft finde. Das möchte ich dann schon noch genauer untersucht bekommen. Wenn von Pulp gesungen wird "Irony is over", dann finde ich das auch problematisch. Warum ist das vorbei? Warum gibt man damit eine demokratische Tugend auf? Auf diese Art und Weise darüber zu reden, interessiert mich nicht.


Das Gespräch führte Jan Wigger



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