Interview mit Bob Dylan: "Ich finde Farben scheußlich"

Bob Dylan spricht im Interview über seine Vorliebe für Schwarz und Weiß, die verhängnisvolle Macht der Medien und sein neues Album "Love And Theft".

Bob Dylan (1976): Fußball in die Luft treten?
AP

Bob Dylan (1976): Fußball in die Luft treten?

SPIEGEL:

Mr. Dylan, vier Jahre nach Ihrem letzten Studioalbum präsentieren Sie nun Ihr neues Werk "Love And Theft": Liebe und Diebstahl ­ ist das für Sie ein Gegensatz?

Dylan: Nein. Ich finde, diese beiden Dinge passen wie Finger in einen Handschuh.

SPIEGEL: Musikalisch ist die neue Platte eine mitreißende Huldigung an historische Musikstile wie Country-Swing, Blues und Rockabilly: Fühlen Sie sich in der Gegenwart wohl, oder sehnen Sie sich in vergangene Zeiten zurück?

Bob Dylan: Zur Person

Dylan: Ich bin kein nostalgischer Mensch. Gut, Sie haben Recht, die meisten der Songs haben traditionelle Wurzeln, obwohl ich sie alle selber geschrieben habe. Aber ich vermisse nichts von früher. Ich lebe gern in der Gegenwart.

SPIEGEL: Tatsächlich klingen Sie auf Ihrem Album so gut gelaunt wie lange nicht mehr. Haben Sie zurzeit Spaß am Leben?

Dylan: Spaß? Wie meinen Sie das? Soll ich einen Fußball in die Luft treten? Nein, ich bin einfach nur da. Und ich glaube, ich habe auch keine andere Wahl.

SPIEGEL: Sie haben mal gesagt, alle Produzenten, mit denen Sie je arbeiteten, waren Gefangene des Bob-Dylan-Mythos. Stimmt es, dass Sie für "Love And Theft" den Produzentenjob selber übernommen haben?

Dylan: Ja, so ist es. Wer auch immer die Aufnahmen zu meinen bisherigen Platten kontrollierte, sagte sich: Okay, dies ist eine Bob-Dylan-Platte, und das sind Bob-Dylan-Lieder. Das heißt, sie reagierten nie darauf, wie meine Stimme zu dem Zeitpunkt tatsächlich klang oder die Songs ­ sondern sie verwirklichten nur ihre Idee, wie Bob Dylans Stimme zu klingen hat. Viele meiner Platten endeten deshalb als Kompromisse.

SPIEGEL: Welche?

Dylan: Die meisten. Die Studio-Versionen entsprachen eigentlich nie meinen ursprünglichen Vorstellungen. Mir fällt das immer auf, wenn ein Song, den wir auf der Bühne live spielen, ganz anders klingt als auf Platte.

SPIEGEL: Könnte es auch an Ihrer Stimme liegen, dass fast alle Produzenten das Bedürfnis hatten, sie nachträglich zu verschönern?

Dylan: Keine Ahnung. Ich glaube, wenn man alte Geräte benutzt, je simpler, desto besser, dann geht das schon mit meiner Stimme. Aber bis zu dieser Platte hat es noch nie jemand verstanden, mich anständig aufzunehmen.

SPIEGEL: Dieses Gespräch findet in Rom statt. Hat es Sie erschreckt, dass bei einer Demonstration während des G-8-Gipfeltreffens in Genua ein junger Globalisierungsgegner von einem Polizisten erschossen wurde?

Dylan: Erschossen? Hier in Italien? Wow, da habe ich wohl gerade gearbeitet. Keine Ahnung. Klingt wie ein Krimi von Raymond Chandler.

SPIEGEL: Sie wurden in den sechziger Jahren als politischer Protestsänger verehrt. Hätte es die Globalisierungsgegner schon damals gegeben, wären Sie dann mit ihnen auf der Straße gewesen?

Dylan: Damals gab es kein Bewusstsein für so etwas wie Globalisierung. Aber wenn Sie heute der Medienberichterstattung glauben, müssen Sie fürchten, dass uns der ganze Planet jeden Augenblick um die Ohren fliegt. Ich glaube, das ist Blödsinn. Die Realität ist längst nicht so hoffnungslos und finster, wie uns die moderne Medienindustrie vorgaukelt.

SPIEGEL: Welchen Zweck soll die Katastrophenbeschwörung der Medien haben?

Dylan: Das ist doch offensichtlich. Irgendwo zieht irgendwer einen Vorteil daraus, Gewalt und Brutalität zu vermarkten. In den Medien wird nichts präsentiert, ohne dass jemand hinter den Kulissen Geld damit macht.

SPIEGEL: Wie nutzen Sie die Medien?

Dylan: Überhaupt nicht. Ich meide sie, wo ich nur kann.

SPIEGEL: Und wie informieren Sie sich?

Bob Dylan (1969): Show, Spektakel und Brutalität
AP

Bob Dylan (1969): Show, Spektakel und Brutalität

Dylan: Informationen sind eine Frage des Lebenswandels. Es gibt Menschen, die wohnen in einem Haus mit Garten und einer Haustür. Vor dieser Tür landet jeden Morgen die Tageszeitung, und wenn die Menschen abends von der Arbeit nach Hause kommen, lassen sie sich in ihren Sessel fallen und werfen erst mal den Fernseher an, um zu sehen, was so in der Welt passiert. Mir ist das alles fremd. Ich bin ein Reisender, immer unterwegs, da hat man so viele Quellen und sammelt so viele Eindrücke, dass man sich sehr gut sein eigenes Bild machen kann.

SPIEGEL: Nicht jeder Mensch kann dauernd durch die Welt reisen.

Dylan: Verstehen Sie mich nicht falsch, ich bin nicht grundsätzlich gegen Medien. Aber sie verfehlen ihre Aufgabe, die in der Erziehung ihres Publikums bestehen sollte. Stattdessen präsentieren sie nur Show, Spektakel und Brutalität.

SPIEGEL: Wäre es nicht Zensur, die Brutalität von Genua nicht zu zeigen?

Dylan: Da haben Sie Recht. Das Grundrecht auf freie Meinungsäußerung ist wertvoll, in den USA ist es sogar in der Verfassung festgeschrieben. Aber wenn die freie Rede zur Industrie wird, ist es keine freie Rede mehr, sondern ein Geschäft.

SPIEGEL: Sie fordern mehr Idealismus in der Medienwelt?

Dylan: Ich glaube an Idealismus und Idealisten. Aber ich habe lange keine mehr getroffen. Und Sie?

SPIEGEL: Es kommt vor.

Dylan: Sagen Sie mir das nächste Mal Bescheid und stellen mich vor. Das wäre nett.

SPIEGEL: Ein schlauer Exeget hat mal gesagt: Elvis befreite den Körper, Bob Dylan den Verstand. Was sagen Sie dazu?

Dylan: Es ist ein wunderbares Gefühl, befreit zu sein. Von was auch immer. Kann ich nur allen weiterempfehlen.

Weiter in Teil 2: Dylan als Literatur-Nobelpreisträger?

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Musik
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2001
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback