Carla Bruni sitzt auf einem Plastiksofa in ihrer Künstlergarderobe, einem weißen Zelt auf dem Berliner Messegelände und sieht auch ungeschminkt sehr glamourös aus. In wenigen Stunden hat sie einen ihrer ersten Fernsehauftritte als Sängerin, seit sie nicht mehr Première Dame ist. Sie wird "Mon Raymond" aus dem soeben erschienenen Album "Little French Songs" präsentieren. Gerade ist sie aber noch mit ihrem iPhone zugange.
Carla Bruni: Moment, ich schreibe gerade der Babysitterin. Das Baby wacht nämlich gerade auf.
SPIEGEL ONLINE: Es vermisst die Mama?
Bruni: Ja. Und das hasse ich. Aber gut. So ist es eben.
Das Baby ist Giulia Sarkozy, ein Jahr alt, und die gemeinsame Tochter von Carla Bruni und dem früheren Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy. Bruni richtet sich auf und nimmt einen Zug von einer seltsamen silbernen Pfeife. Eine elektronische Zigarette.
SPIEGEL ONLINE: Haben Sie etwa gerade aufgehört zu rauchen?
Bruni: Nein, ich rauche manchmal abends ein, zwei Zigaretten, aber wenn ich ein Interview gebe, mag ich das gerne - haben Sie schon einmal probiert? Rauchen Sie?
SPIEGEL ONLINE: Ich habe aufgehört.
Bruni: Ah, das ist gut, dann brauchen Sie das nicht. Aber das hier hilft. Man hat das Gefühl zu rauchen, raucht aber nicht. Es ist Dampf mit ein klein wenig Nikotin. Es beruhigt ein wenig.
SPIEGEL ONLINE: Sie mussten als Präsidentengattin Ihre musikalische Karriere fünf Jahre lang auf Eis legen, jetzt veröffentlichen Sie wieder ein Album. Eine Befreiung für Sie?
Bruni: Ich würde nicht Befreiung sagen, ich war ja nicht im Gefängnis. Aber es ist eine Freude, wieder singen zu können ohne nachdenken zu müssen. Einfach meinem Beruf nachzugehen.
SPIEGEL ONLINE: Die reine Freude? Haben Sie gar keine Angst?
Bruni: Ah, doch! Angst! Schreckliche! Jeden Tag! Ich werde immer Angst haben, vor Leuten zu singen. Natürlich weil man sich fürchtet, nicht auf der Höhe zu sein. Aber auch Angst gemischt mit Vergnügen, mit Lust. Verstehst Du? Verstehen Sie?
SPIEGEL ONLINE: Wenn Sie jetzt nervös sind, verstecken Sie es gut.
Bruni: Ich weiß nicht, was Sie tun, wenn Sie nervös sind, aber ich werde äußerlich ziemlich ruhig. Es zeigt sich nicht. Ich habe sogar Angst davor, nervös zu sein.
SPIEGEL ONLINE: Man konnte immer wieder lesen, dass Sie im Elysée nicht besonders glücklich gewesen seien. Ihr Album klingt aber sehr gelassen, es ist voller schöner Melodien. Spiegeln die Lieder Ihren Seelenzustand wieder?
Bruni: Ja, mit dem Alter gewinnt man Heiterkeit, finde ich. Man relativiert, man lacht erst einmal, man genießt mehr. Ich bin tatsächlich heiterer geworden, finde ich. Eine schöne Phase meines Lebens, eine Zeit der Selbstverwirklichung. Das Album reflektiert auch, dass ich nicht mehr 20 bin, verstehen Sie?
SPIEGEL ONLINE: Die Zeit als Präsidentengattin war also nicht schlimm?
Bruni: Das waren sehr angenehme Jahre, sehr interessant und leidenschaftlich. Ich habe meine große Liebe getroffen. Es war also keine schwierige Zeit.
SPIEGEL ONLINE: Sie haben die Songs geschrieben und teilweise aufgenommen, als Sie noch im Elysée waren. Wie darf man sich das vorstellen?
Bruni: Ich schreibe fast jeden Tag, so bleibe ich in Übung. Und dann wurde ich schwanger und merkte, dass ich mit den Aufnahmen nicht vor der Geburt fertig werde. Also habe ich mit den Stimmaufnahmen gewartet, bis das Baby auf der Welt war. Ich habe die Lieder zu Hause eingesungen, oft in der Nacht, deshalb war es ziemlich intim.
SPIEGEL ONLINE: Sie singen in einem der neuen Lieder: "Ich bin keine Dame, ich bin eine gamine" - das heißt: eine Göre, ein Girlie. Dabei waren Sie doch vier Jahre lang Première Dame.
Bruni: Ich will damit sagen, ich bin eine ewig Adoleszente. Ich lerne viele solche Menschen kennen. Sie werden älter, ohne reifer zu werden. Ich war immer girliehaft, ich hatte stets eine scherzhafte Natur. Aber ich habe natürlich Dame gespielt, Mutter gespielt, dies gespielt, das gespielt. Ich bin mir dennoch immer treu geblieben.
SPIEGEL ONLINE: Das Lied klingt auch ein wenig so, als wollten Sie Ihre Freiheit behaupten, als ginge es auch darum, Ihre Identität zurückzuerobern.
Bruni: Nicht wirklich. Ich habe meine Identität nicht verloren. Aber ich verstehe, dass man auf solche Ideen kommen kann. Es ist in jedem Fall ein verschmitztes Lied, und es gibt schließlich immer verschiedene Lesarten.
SPIEGEL ONLINE: Die gibt es auch für "Le Pingouin": Darin singen Sie über einen ungezogenen Pinguin, dem man erst Manieren beibringen muss. Viele Leute sind überzeugt, dass Sie sich damit an Präsident François Hollande rächen wollen, der Sie und Ihren Mann am Tag der Amtsübergabe nicht einmal zum Auto begleitet hat.
Bruni: Das ist wirklich lustig. Der Pinguin ist doch eine Metapher. Ein Lied über unangenehme Menschen, aber in allgemeiner Weise. Durch mich wollen die Leute ja immer Dinge über meinen Mann herausfinden. Was macht er? Was wird er machen? (ahmt ein Entengeräusch nach) Manche Leute denken, es gebe Antworten in meinen Liedern, aber es gibt keine Antworten. Es gibt nicht einmal die Frage.
SPIEGEL ONLINE: Seit Ihrer Ehe mit Nicolas Sarkozy sind Sie zum Teil harter Kritik und Spott ausgesetzt gewesen. Sie haben sich in der Vergangenheit auch bitterlich über die Medien beklagt.
Bruni: Solche Kritik hat nichts mit mir als Person zu tun, da ging es um meine Funktion. Ich lese das nicht, es verletzt mich nicht, es ist mir komplett egal. Aber eines muss ich schon sagen: Ich möchte keiner der Journalisten sein, die solche Sachen schreiben. Das muss langweilig sein - nur negativ zu schreiben über Menschen. Und beängstigend. Wozu? Menschen, die immer nur angreifen?
SPIEGEL ONLINE: Sie haben ein Liebeslied über Ihren Mann geschrieben, es heißt "Mon Raymond". Warum haben Sie seinen Namen verändert?
Bruni: Es gab schon ein Lied, das "Nicolas" heißt, von Sylvie Vartan. Und ich fand es amüsant, den Namen zu ändern, vor allem bei einer Person, die jeder kennt. Es braucht zwei Silben, es muss sich reimen - und Raymond hat mir gefallen, so als Name.
SPIEGEL ONLINE: Sie beschreiben Nicolas Sarkozy darin als sehr tatkräftigen Mann, der stets der Chef ist und alles im Griff hat. Eine Zeile lautet: "Du bist scharf, du bist die Atombombe..."
Bruni: Das ist der Übermut des Schreibens. Aber in der Tat beschreibe ich in dem Lied die Qualitäten, die er in sich vereint. Ich habe versucht, ein Porträt meines Mannes zu schreiben. Ein lustiges Porträt.
SPIEGEL ONLINE: Sie haben einmal gesagt, dass Sie sich als Bürgerin gewünscht hätten, dass er die Wahl gewinnt, aber als Ehefrau, dass er sie verliert. Und als Künstlerin? Jetzt dürfen Sie immerhin wieder eine sein.
Bruni: Nein, nur als Frau. Das sind so gewaltige Ämter, so bedeutsam. Man hat immer Angst, dass jemand ihnen psychisch oder physisch nicht standhält.
SPIEGEL ONLINE: In Frankreich bekämpfen sich die Linke und die Rechte erbittert, als Präsidentengattin waren auch Sie immer eine Zielscheibe.
Bruni: Das ist die Natur Frankreichs. Ein Land, das es liebt, zu diskutieren und zu polemisieren. Ich verstehe, dass man das im Ausland nicht versteht. Alle Länder haben ihren Charakter. Ich bin ja Französin und Italienerin, aber das Land, in dem ich am liebsten arbeite, ist Deutschland; die Journalisten sind gut vorbereitet und alles ist unglaublich gut organisiert. Frankreich ist ein wundervolles Land, und die Franzosen sind ein unglaublich eigenes Volk, und sie haben ihre Bräuche und Traditionen. Eine davon ist dieses dauernde Lärmen. Es ist ja auch amüsant.
SPIEGEL ONLINE: Auch wenn man selber zum Gegenstand davon wird?
SPIEGEL ONLINE: Sind Sie immer noch die gleiche Person wie 2008, als Sie die Frau des Präsidenten wurden?
Bruni: Ich bin die gleiche Person seit 1967, da bin ich geboren.
SPIEGEL ONLINE: Aber die Menschen sehen Sie jetzt anders.
Bruni: Ich habe begonnen mit dem Bild von mir zu arbeiten, als ich sehr jung war. Ich wurde mit 18 Jahren Model. Ich weiß sehr genau, dass ich nicht mein Bild bin. Ich habe einen Avatar, der Carla Bruni heißt und der Dinge macht, die ich nicht gemacht habe und der Dinge sagt, die ich nie gesagt habe. So entfernt sich das Bild immer weiter von mir. Aber das sind narzisstische Probleme, keine echten.
SPIEGEL ONLINE: Wer sind Sie also wirklich?
Bruni: Niemand. Ich bin, was man in mir sehen will. Was glauben Sie denn, wer ich bin?
SPIEGEL ONLINE: Das weiß ich nicht. Ich kenne Sie nicht.
Bruni: Ich bin schwatzhaft, ich bin Italienerin. Ich liebe es sehr, zu lachen, Scherze zu machen. Und ja, damit war ich die letzten fünf Jahre vorsichtig! Manchmal wollte ich gerne, habe es aber gelassen, damit ich weder meinen Mann in Verlegenheit bringe noch mein Land. Das Problem ist auch: Wenn Sie einen Scherz machen, kann ich Sie aufnehmen (zeigt auf ihr iPhone), und ich kann das ins Netz stellen. Es ist, als ob überall Kameras wären, als ob jeder ein Paparazzo wäre. So ist unsere Epoche. Man kann keinen Widerstand gegen seine Epoche leisten.
SPIEGEL ONLINE: Warum tun Sie sich das eigentlich an? Wieder als Sängerin zu arbeiten?
Bruni: Weil es mein Beruf ist. Weil ich fünf Jahre nicht gearbeitet habe. Weil ich arbeiten muss.
SPIEGEL ONLINE: Sie machen sich auch angreifbar.
Bruni: Die greifen mich doch ohnehin an, dann sollen sie es wenigstens für etwas tun, das ich liebe.
SPIEGEL ONLINE: Planen Sie eine große Tournee? Freuen Sie jetzt sich auf Ihre Konzerte?
Bruni: Sehr. Aber ich bin nicht so eine Performerin. Und ich mag es auch nicht so sehr, die Kinder allein zu lassen, eine große Tournee würde mir das Herz zerreißen. Vielleicht werde ich das begrenzt halten, die Kinder mitbringen, wenn Ferien sind. Wenn eines von ihnen Künstler werden will, dann kann es sehen, was für ein Leben das ist. Ich möchte auch sehr gerne eine kleine Tour in Deutschland machen. Seit meinem ersten Album weiß ich, dass viele Leute hier meine Arbeit kennen, und ich habe große Lust, sie zu treffen.
Das Interview führte Mathieu von Rohr
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