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Interview mit David Bowie: "Ich will 300 Jahre alt werden"

Der britische Musiker David Bowie über seinen Zorn auf die Vergänglichkeit des Menschen, sein Leben in New York nach den Terroranschlägen auf das World Trade Center und den Einfluss des Komponisten Richard Strauss auf sein neues Album "Heathen".

Rockstar Bowie: "Die meisten jungen Menschen wissen nicht, was Tod bedeutet - sie haben keine Ahnung"
DPA

Rockstar Bowie: "Die meisten jungen Menschen wissen nicht, was Tod bedeutet - sie haben keine Ahnung"

SPIEGEL:

Mr. Bowie, die Welt kennt Sie als glamourösen Rockstar. Warum präsentieren Sie sich auf dem Cover Ihrer neuen CD "Heathen" reichlich düster und mit weißen Augäpfeln, als wären Sie blind?

Bowie: Das Cover ist eine Hommage an den Surrealismus der dreißiger Jahre. An Man Ray, Dalí und an Luis Buñuels Film "Ein andalusischer Hund". Ich dachte mir, ich sollte ein wenig Spaß mit dieser Periode haben.

SPIEGEL: "Heathen" heißt übersetzt so viel wie Barbar. Der gleichnamige Song wird von einer majestätischen Traurigkeit getragen. Woher rührt die?

Bowie: Der Song handelt von der Endlichkeit des menschlichen Daseins ­ und davon, wie sehr ich es bedaure, dass sich das Leben allmählich von mir verabschiedet.

SPIEGEL: Sie sind 55 Jahre alt und damit, wie man so sagt, im besten Mannesalter. Woher die Klagen? Sind Sie krank?

Bowie: Nein, ich liebe das Leben. Aber das Thema meiner Arbeit sind nun mal die düsteren Seiten des Daseins: Angst, Zweifel, Depression, Verlust, Enttäuschung. Der Zustand, mit dem ich mich hauptsächlich beschäftige, ist der des totalen Elends. (lacht)

SPIEGEL: Immerhin scheinen diese Themen Sie in Fröhlichkeit zu versetzen. Halten Sie es mit dem von Russell Crowe gespielten Helden des Oscar-gekrönten Films "Gladiator", der sagt: "Wenn der Tod auf dich herunterlächelt, was kannst du tun, außer zurücklächeln?"

"Im Alter von 55 Jahren finde ich es etwas problematisch, einen Song zu singen, der das Lebensgefühl eines 18-Jährigen beschreibt"


Bowie: Vielleicht. Aber ich habe mein ganzes Leben lang unter starken Ängsten gelitten. Dies ist das Hauptmotiv meiner Arbeit und meiner inneren Suche. Ich kreise eigentlich dauernd darum. Bei vielen Künstlern, die ich bewundere, ist es genauso: Sie kehren immer wieder zu ihrem einen großen Thema zurück.

SPIEGEL: Was ist mit denjenigen Ihrer Songs, die die schönen Seiten des Lebens feiern ­ mit Liedern wie "Rebel Rebel"? Ist es Ihnen heute peinlich, so etwas je geschrieben zu haben?

Bowie: Sagen wir mal so: Im Alter von 55 Jahren finde ich es etwas problematisch, einen Song zu singen, der das Lebensgefühl eines 18-Jährigen beschreibt. Zumindest ist es schwer, das mit Stil hinzukriegen.

SPIEGEL: Früher, vor allem in den Siebzigern, haben Sie mit dem Tod regelrecht gespielt. Damals wirkten Sie, als würde es Ihnen nichts ausmachen, wenn Sie die Dreißig nicht erleben würden. Frei nach der Rock'n'Roll-Devise: Stirb früh, und hinterlass eine gut aussehende Leiche. Warum hängen Sie auf einmal so am Leben?

Bowie: Dieses Spiel mit dem Tod war nicht mehr als eine romantisch-heroische Idee, mit der junge Leute nun mal gern herumtändeln. Es ist die Fortsetzung der Gedichte von Byron und Shelley, die man in diesem Alter liest; und dann stellt man sich schwärmerisch vor, als schöner Verlierer ein frühes Ende zu finden. Von heute aus betrachtet ist das alles großer Blödsinn. Die meisten jungen Menschen wissen nicht, was Tod bedeutet; sie haben keine Ahnung. Sie haben nie jemanden sterben sehen. Es fehlt ihnen an Tiefe und Erfahrung.

SPIEGEL: Klingt ungeheuer erwachsen.

Ehepaar Bowie, Iman: "Nimm' das Baby, und schau', dass du rauskommst"
AP

Ehepaar Bowie, Iman: "Nimm' das Baby, und schau', dass du rauskommst"

Bowie: Sehen Sie, ich habe einige meiner persönlichen Probleme gelöst. Zum Beispiel habe ich mich früher in Gesellschaft immer unwohl gefühlt. Ich hatte das Gefühl, nicht zu wissen, wie man sich benimmt und wie man sich unterhält ...

SPIEGEL: ... und schon deswegen haben Sie sich offenbar nur allein oder auf einer großen Bühne wirklich sicher gefühlt. Hat Ihre Frau, das Fotomodell Iman, mit der Sie seit zehn Jahren verheiratet sind, Sie von diesen Ängsten kuriert?

Bowie: Sicher hat sie dazu beigetragen. Früher war ich unsicher und hatte Angst vor Beziehungen. Ich habe niemandem jemals zugehört. Aber jetzt geht es. Allmählich gefällt es mir hier unten auf der Suche. Was für ein cooler Platz. (Mit Roboterstimme:) "Mir geht es gut in dieser Welt jetzt. Ich kann nun Verbindungen herstellen zu euch anderen Lebewesen." Auch deshalb nervt mich die Endlichkeit des Lebens. Jetzt, wo ich mich selbst und andere verstehe, soll ich sterben ­ was für ein Scheißspiel. Gibt es niemanden, mit dem man die Spielregeln noch einmal überarbeiten könnte? Ich würde gern 200 oder 300 Jahre alt werden.

SPIEGEL: Sie haben "Heathen" unter Anleitung von Tony Visconti, der auch schon vor über 20 Jahren Ihre legendären Melancholie- und Angst-Songs "Heroes" und "Scary Monsters" produzierte, in einem Studio in Woodstock aufgenommen ­ also inmitten einer ländlichen Idylle. Ist auch diese Arbeit auf dem Land eine Folge der neuen Lebenseinstellung des einstigen Stadtmenschen David Bowie?

"Für Eichhörnchen mag Woodstock eine tolle Gegend sein..."


Bowie: Das war eine Idee von Tony Visconti. Ich hatte, ehrlich gesagt, ziemliche Panik davor. Für Eichhörnchen mag Woodstock eine tolle Gegend sein ­ aber ich bevorzuge Orte, an denen mich ein Taxi schnell wieder abholen kann.

SPIEGEL: Was hat Sie überzeugt?

Bowie: Das Studio. Es war ein altes, düsteres, sehr elegantes Landhaus aus den zwanziger Jahren, in dem wir aufnahmen. Es lag auf der Spitze eines Bergs. Das ganze Ding erinnerte mich an eine alte Luxusyacht aus der Eisenhower-Ära. Und in der Tat stellte sich heraus, dass es ein Industrieller erbaut hatte, der mit dem Herstellen von Bootslacken reich geworden war. Wir waren also umgeben von dunklen monumentalen Holzmöbeln und diesem Bootsblau, das der Industrielle stolz und großzügig in seinem Haus hatte verstreichen lassen. Ein grandioses Statement, aber eben auch ein wenig modrig und alt. Eine Kulisse wie aus "Citizen Kane". Man konnte die zwanziger und dreißiger Jahre in Amerika darin spüren. Diese Zeitspanne, die von Überfluss und Dekadenz direkt in den Börsencrash und die Depression führte. Die Euphorie und der Niedergang ­ das alles war in diesem Haus.

SPIEGEL: Stimmt es, dass Sie sich während der Arbeit an "Heathen" durch die Musik des deutschen Komponisten Richard Strauss inspirieren ließen?

Bowie: Ja, es sind vor allem seine "Vier letzten Lieder", die für mich zum Schönsten und Fesselndsten zählen, was ich je gehört habe: ihre Gravität und Melancholie, die auf der Einsicht von Strauss beruhen, dass er sterben und loslassen muss. Entdeckt habe ich Strauss vor 30 Jahren, als ich zum ersten Mal den Kubrick-Film "2001: Odyssee im Weltraum" sah, mit dieser fabelhaften Einleitung, die ja heute wie ein Radiojingle benutzt wird. Ich dachte mir damals: Großartig ­ dies ist sicher einer, der Werbemusik schreibt. War aber dann, wie ich auf dem Soundtrack erkennen konnte, ein Typ namens Richard Strauss.

SPIEGEL: Angeblich haben Sie in Woodstock oft schon um sechs Uhr früh mit dem Komponieren begonnen. Ist das nicht eine merkwürdige Arbeitszeit für einen Rockstar?

Bowie: Ich stehe schon seit längerem früh auf, übrigens ebenso wie meine Frau Iman. Selbst wenn ich um drei Uhr nachts ins Bett gehe, stehe ich um fünf oder sechs wieder auf. Unser knapp zwei Jahre altes Baby schläft um diese Zeit noch. Manchmal finde ich das ein wenig erschreckend:

Schließlich ist es die Aufgabe des Babys, die Eltern aufzuwecken und nicht umgekehrt.

"Ich hatte das Gefühl, Richard Strauss säße neben mir im Zimmer"


SPIEGEL: Mussten sich Ihre Musiker Ihren neuen Gewohnheiten anpassen, oder durften die ausschlafen?

Bowie: Ich fing allein an, es herrschte oft ein unglaubliches, grandioses Licht um diese Tageszeit, ein High über Amerika, und ich hatte gleichzeitig das Gefühl, Richard Strauss säße neben mir im Zimmer. Wenn die anderen dann gegen elf Uhr vormittags angestolpert kamen, war ich schon fast fertig. Hier die Komposition, hier der Plan, hier die Texte und hier ­ ich hätte es fast vergessen ­ das Albumcover.

SPIEGEL: Die Songs von "Heathen" wurden im Juli und August vorigen Jahres aufgenommen und erzählen von Angst und Tod. Dokumentiert sich da die Vorahnung des Wahl-New-Yorkers David Bowie auf die Katastrophe vom 11. September?

Bowie: Nein, die Themen und Stimmungen, die dieses Album prägen, haben mit dem Haus und dem Studio zu tun. Zur selben Zeit wie ich hat auch die Musikerin Natalie Merchant dort oben Songs aufgenommen, darunter einen namens "This House Is on Fire". Das könnte man auch als Vorahnung auf den 11. September deuten. Hat nur nichts damit zu tun.

SPIEGEL: Sie wohnen nicht weit von der Stelle entfernt, an der früher das World Trade Center stand. Hatten Sie mit einer Attacke gerechnet?

"Heathen"-CD-Cover: "Angst ist mein Hauptmotiv"

"Heathen"-CD-Cover: "Angst ist mein Hauptmotiv"

Bowie: Nicht genau mit der Art, wie sie stattfand, aber mit einem katastrophalen terroristischen Anschlag ­ ja. Nach dem fehlgeschlagenen Versuch von 1993 war es klar, dass sie wiederkommen würden. Als Europäer nimmt man Terroristen anders wahr, als ernste, reale Bedrohung. Ich wusste schon aus London, dass Terroristen nicht nur davon reden, Bomben zu werfen, sondern es auch tatsächlich tun.

SPIEGEL: Wo waren Sie, als die Flugzeuge im World Trade Center einschlugen?

Bowie: Ich war oben in Woodstock und rief nach dem ersten Flugzeugeinschlag sofort meine Frau an. Ich hatte das Ganze im Fernsehen gesehen, sie auch vom Fenster unserer Küche aus, wo sie für unsere Tochter Frühstück machte. Sie sagte: "Was für eine Tragödie. Vielleicht ist der Pilot eingeschlafen. ­ O mein Gott, ein zweites Flugzeug hat gerade den anderen Turm getroffen!" Ich sagte: "Nimm das Baby, und schau, dass du rauskommst."

SPIEGEL: Hatten Sie Angst?

Bowie: Ich hatte schreckliche Angst.

SPIEGEL: Flüchtete Ihre Frau hinaus zu Ihnen nach Woodstock?

Bowie: Nein, das ist nicht die Art meiner Frau. Sie rannte 20 Blocks Richtung Uptown zu Freunden und blieb mit dem Baby zwei Tage dort. Ich bat sie, nach Woodstock zu kommen. Aber sie sagte: "Nein. Ich gehe zurück nach Hause. Dreimal schlägt es hier nicht ein. Sie kommen nicht noch mal. Es ist vorbei jetzt." Widerspruch zwecklos. Also habe ich mich auf den Weg zu ihr gemacht. Die Straßen waren abgeriegelt und voller Polizeibarrikaden. Ich hatte meinen Ausweis vergessen und wäre fast nicht durchgelassen worden. Ein Polizist erkannte mich und sagte: "Hi, Mr. Bowie, wo ist Ihr Pass?"

SPIEGEL: Seit ein paar Tagen wird vor neuen, möglicherweise sogar nuklearen Attacken auf New York gewarnt. Machen Sie sich Sorgen?

Bowie: Ich finde dies alles sehr merkwürdig. Lassen Sie es mich mal so sagen: Ich weiß nicht, was da wirklich los ist. Aber ich fürchte mich nicht.

"Ich lasse mich lieber von Plänen für einen Nuklearangriff nerven als von Paparazzi"


SPIEGEL: Haben Sie vor, in Manhattan wohnen zu bleiben?

Bowie: Mir gefällt es hier. Ich mag, was Don DeLillo "das dauernde Summen eines gewissen Stresspegels" nennt. Die Spannung treibt mich an wie ein Motor. Es ist keine glückliche Energie, eher eine, die mit Verzweiflung und Panik zu tun hat ­ aber ich gedeihe prächtig darin. Außerdem kümmern sich die Leute hier nicht groß um Berühmtheiten. Sie lassen einen in Ruhe. Ich lasse mich lieber von Plänen für einen Nuklearangriff nerven als von Paparazzi.

SPIEGEL: Wie kommt es, dass Sie sich neben Ihrer eigenen Karriere für andere Musiker einsetzen und nun als Kurator des Londoner Meltdown-Festivals auch kaum bekannte Künstler unter dem Motto "Outside Music" präsentieren?

Bowie: Viele der Typen, die dort auftreten, faszinieren mich ­ gerade weil ein traditionelles Rock'n'Roll-Publikum sie kaum ertragen würde. Zum Beispiel ein Mann namens Daniel Johnston, der in gewissen Kreisen eine Folkmusik-Legende ist, aber vor allem einer, der schwere psychische Probleme hatte. Er hat seit Anfang der achtziger Jahre wunderbare Songs geschrieben mit sehr berührenden Texten, die er zu Hause bei seinen Eltern aufnahm und zu denen er eher schlecht Gitarre und Klavier spielte. Seine kleinen Musikkassetten tauschte er dann in einem Laden gegen Comics ein. Diese Kassetten machten die Runde, der Mann wurde in Austin (Texas) ein wenig bekannt, aber er lebt bis heute bei seinen Eltern.

SPIEGEL: Woher rührt Ihre Leidenschaft für derart hoffnungslose Außenseiter?

Bowie: Ich hasse den Mainstream. Ich ersticke an seiner Mittelmäßigkeit und Berechenbarkeit. Ein Mann wie Daniel Johnston nimmt seine Songs nur für sich selbst auf, und genau diese fast primitive Integrität seiner Arbeit halte ich für etwas Wahres. Es macht mir bewusst, was ich an der Kunst ursprünglich einmal geliebt habe.

SPIEGEL: Hatten Sie nicht selbst oft so großen Erfolg, dass Sie ganz zu Recht zum Mainstream gezählt wurden?

Bowie: Ich habe während meiner Karriere immer wieder die Flucht weg von diesem verfluchten Ort angetreten. Sobald man zum Mainstream gehört, wird auf einmal alles leer und vollkommen hinfällig. In den Siebzigern bin ich aus Amerika abgehauen und in die Berliner Anonymität abgetaucht. Ich war bankrott, mein Freund Iggy Pop und ich fuhren mit einem Mercedes herum, der so verrostet war, dass man durch seinen Boden die Straße sehen konnte, und wir fühlten uns wieder wie Teenager. Ich hatte das Gefühl, dass damals in Berlin eine riesige Last von mir weggehoben wurde.

SPIEGEL: Trotz Ihrer Passion für das Außenseitertum konnten Sie es nicht verhindern, richtig reich zu werden. Fachleute schätzen Ihr Vermögen auf annähernd 800 Millionen Euro. Ist das eine Summe, bei der die Lebensangst allmählich abnimmt?

Bowie: Nicht wirklich. Aber für einen wie mich, der aus der Arbeiterklasse kommt, ist es ganz gut zu wissen, dass ihm und seiner Familie, zumindest was Geld angeht, nichts mehr passieren kann.

SPIEGEL: Mr. Bowie, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.




Das Gespräch führte Redakteur Thomas Hüetlin.

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