SPIEGEL ONLINE: Mr. Bugg, Sie sind 18 und an der Spitze der britischen Charts - mit einem Debüt-Album, das klingt als sei es vor einem halben Jahrhundert in Liverpool entstanden. Hassen Sie moderne Musik wirklich?
Bugg: Das ist ein Gerücht, das mir untergeschoben wurde. Was sollte ich gegen moderne Musik haben? Andererseits entspricht es der Wahrheit, dass mir im Augenblick nichts Zeitgemäßes einfällt, das ich mag. Okay, bis auf das Album von Michael Kiwanuka. Toller Typ...
SPIEGEL ONLINE: ...dessen Musik so aus der Zeit gefallen klingt wie Ihre. Oder?
Bugg: Kann sein. Vielleicht war Musik früher einfach aufregender?
SPIEGEL ONLINE: Wundert es Sie, das Ihr altmodisches Mersey-Beat-Album an der Spitze der Charts landete?
Bugg: Als mein Manager mir die Nachricht am Telefon verkündete, war ich tatsächlich überrascht. Und geschockt. Schauen Sie sich die Charts doch mal an! Ein Wunder, dass ich überhaupt wahrgenommen werde - aber auch fein, dass ich diesen ganzen TV-Castingshow-Dreck weggefegt habe. Doch das ist nur eine Momentaufnahme. Die Chart-Realität sieht anders aus.
SPIEGEL ONLINE: Zahlreiche Hörer Ihrer Generation haben vermutlich nicht für Ihr Album bezahlt, sondern es illegal aus dem Netz geladen. Stört Sie das?
Bugg: Warum sollte es? Man muss die Welt nehmen, wie sie ist. Sich darüber zu ärgern, ist doch Quatsch. Wir leben in wirtschaftlich harten Zeiten. Ich bin mit wenig Geld aufgewachsen und weiß wie das ist. Wenn sich jemand meine Musik nicht leisten kann, soll er sie sich halt irgendwie besorgen. Sich mit Menschen zu streiten, die kein Geld haben, ist Zeitverschwendung. Solange meine Songs ein Publikum finden, bin ich froh. Das meine ich ernst.
SPIEGEL ONLINE: Ihr Old-School-Brit-Pop klingt nach Liverpool und London, Sie sind aber in der Provinz aufgewachsen. Erzählen Sie mal.
Bugg: Ich komme aus Clifton, einer Art Vorort von Nottingham. Working-Class-Siedlung, so um die 30.000 Einwohner und nicht viel zu tun. Einer dieser Orte, wo man entweder in einer Fabrik landet, kriminell wird, als Profisportler ganz groß rauskommt oder bereits als Kind seine Flucht plant. Ich wollte immer nur weg. Eigentlich will jeder, der dort geboren wird, so schnell wie möglich abhauen!
SPIEGEL ONLINE: Sie haben gerade eine Stadion-Tournee durch die USA mit Noel Gallagher und Snow Patrol absolviert. Wie surreal kam Ihnen das vor?
Bugg: Sehr surreal. In Los Angeles fühlte ich mich, als wäre ich in einer US-TV-Serie aufgewacht. Ich war vorher noch nie im Ausland, ich bin ja kaum aus Nottingham rausgekommen. Aber letztlich war alles so, wie ich es mir in meinen Träumen ausgemalt hatte.
SPIEGEL ONLINE: Sie gelten als Frühstarter. Seit wann schreiben Sie Songs?
Bugg: Ich spiele Gitarre, seit ich zwölf bin, ich schreibe Songs, seit ich 14 bin, ich gebe Konzerte, seit ich 15 bin und unterschrieb meinen Plattenvertrag mit 17. Meinem Onkel, der damals mit einer Gitarre bei uns daheim reinschneite, habe ich die ersten Basis-Akkorde zu verdanken. Danach begann ich, aufmerksamer Musik zu hören. Jede Platte zerlegte ich im Kopf in Akkorde und versuchte sie nachzuspielen. Mit 14 dämmerte mir, dass all die Musiker, die ich verehre, auch deswegen erfolgreich waren, weil sie eigene Songs schrieben.
SPIEGEL ONLINE: Wer waren Ihre Favoriten?
Bugg: Buddy Holly. The Weavers. Robert Johnson. Jimi Hendrix. Don McLean. Alles Ikonen.
Bugg: Vermutlich war ich ein sonderbares Kind. Das wird mir immer klarer, je älter ich werde. Letztlich sind die "Simpsons" an meinem Geschmack schuld. Da hörte ich in einer Episode mal den Don-McLean-Song "Vincent" und dachte: Wow! Was ist das denn?! Ich war zwölf und hatte mich davor nicht weiter für Musik begeistert. Aber dieser Song schlug ein wie ein Blitz. Er inspirierte mich, er weckte mein Verlangen nach mehr Musik von McLean. Ich wollte sogar seine Vorbilder hören - und kam so auf Buddy Holly. Und so weiter.
SPIEGEL ONLINE: Jetzt sind Sie ja selbst bekannt. Haben Sie einen Ihrer alten Helden dadurch einmal treffen können?
Bugg: Ich habe Don McLean schon mit 14 getroffen, nach einem Konzert. Er kam nach der Show vor die Bühne und gab Autogramme. Ich war sehr beeindruckt und auch eingeschüchtert - so sehr, dass ich kein Wort rausbrachte. Aber ich ziehe es eh vor, mir die Leute so vorzustellen, wie ich es gerne hätte. Fakten stören manchmal nur. Ich hasse die moderne Welt dafür, dass man heutzutage alles über jeden zu wissen glaubt. Fürchterlich.
SPIEGEL ONLINE: Waren Sie ein Außenseiter in der Schule?
Bugg: Überhaupt nicht. Ich war nur das einzige Kind weit und breit, das wusste, wer Buddy Holly und Don McLean sind. Natürlich hat das manche Mitschüler irritiert. Um mich herum hörten ja alle HipHop, Elektro oder Grime. Meine Kumpels fanden meine Favoriten zwar seltsam - aber cool. Es hat sie beeindruckt, dass ich mein eigenes Ding durchziehe.
SPIEGEL ONLINE: Vor Ihrer Erweckung war Ihr Leben also frei von Musik?
Bugg: Kann man so sagen. Das Einzige, was mich interessierte, war Fußball. Zeitweilig spielte ich in vier verschiedenen Teams. Meistens als Mittelfeldspieler, manchmal als Stürmer.
SPIEGEL ONLINE: Ihr Lieblingsteam?
Bugg: Notts County FC in Nottingham, das älteste Profiteam der Welt - seit 1862 aktiv, also seit gut 150 Jahren. Die haben mir neulich sogar ein Trikot geschenkt. Auf dem Rücken steht "Bugg Number One", mit den Unterschriften des ganzen Teams. Toll. Ich spielte ja mal mit dem Gedanken, Profi zu werden, aber im Profifußball ist der Wettbewerb sehr viel härter als im Musikgeschäft. Dreizehnjährige Kicker-Talente sind ein Haufen von egomanischen, Testosteron-befeuerten Alpha-Kindern. Ich war erleichtert, eine Alternative zu haben.
SPIEGEL ONLINE: Erinnern Sie sich noch an den Tag, an dem Sie sich gegen den Fußball entschieden haben - und für Musik?
Bugg: Ganz genau sogar. Es war der Tag, an dem mein Onkel mit der Gitarre vorbeikam. Ich wusste sofort, dass ich das besser kann als Fußball. Und damals wusste ich auch schon, dass ich mich in der Schule nicht wohl fühle. Ich passte da einfach nicht hin. Also habe ich mich verabschiedet, als ich sechzehn war. Das war natürlich riskant. Ich kann ja nichts außer Musik. Es gibt kein Sicherheitsnetz, das mich auffangen könnte, falls ich als Musiker eines Tages abschmieren sollte. Aber im Augenblick muss ich mir ja wohl keine Sorgen machen.
Das Interview führte Christoph Dallach
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