Interview mit den Dixie Chicks: "Gute Mädchen, böse Mädchen"

Seit die erfolgreichen Dixie Chicks sich im Frühjahr öffentlich gegen die Irak-Politik George W. Bushs äußerten, gelten die drei Musikerinnen als geschmähte Außenseiter im konservativen Country&Western-Genre. MIt SPIEGEL ONLINE sprach Chicks-Geigerin Martie Maguire über die Folgen des politischen Seitensprungs.

Country-Bestseller Dixie Chicks, Geigerin Maguire (r.): "Wir haben keine Angst"
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Country-Bestseller Dixie Chicks, Geigerin Maguire (r.): "Wir haben keine Angst"

SPIEGEL ONLINE:

Miss Maguire, wann genau fiel der inzwischen berühmte Satz "Ich schäme mich, aus demselben Staat zu kommen wie der Präsident der USA" - und warum?

Martie Maguire: Das war bei einem Konzert in London im März, der Irak-Krieg schien unmittelbar bevorzustehen - und da schien es uns albern, nicht darauf einzugehen. Vielleicht war die Wortwahl von Natalie Baines, unserer Sängerin, ein wenig unglücklich, aber es kam vom Herzen. Ich hätte es so nicht gesagt, aber ich stehe voll dahinter. Das Publikum hat gejubelt.

SPIEGEL ONLINE: Konnten Sie die heftigen Reaktionen in den USA nachvollziehen?

Maguire: Unglücklicherweise habe ich dadurch vor allem besser verstanden, wie unser Genre funktioniert. Country-Musik gilt in den USA immer noch als sehr, sehr konservativ. Deswegen hat es uns härter getroffen als andere Künstler, die gegen den Krieg waren. Bei Rockmusikern oder Schauspielern erwartet die Öffentlichkeit anscheinend ohnehin, dass sie eher liberal eingestellt sind, bei uns hat man das offenbar für undenkbar gehalten. Aber warum sollten wir ausgerechnet über ein so wichtiges Thema keine eigene Meinung haben? Es ist alles ziemlich frustrierend und entmutigend.

SPIEGEL ONLINE: Was hat Sie am härtesten getroffen?

Maguire: Am schlimmsten waren die Morddrohungen, das ist doch völlig verrückt! Auf unserer US-Tour hatten wir deswegen extreme Sicherheitsvorkehrungen. Ich finde es aber auch sehr unamerikanisch, dass einige Radiostationen unsere Platten aus ihrem Programm verbannt haben. Die USA sind das Land, in dem das Recht auf freie Meinungsäußerung mehr gilt als irgendwo anders - dachten wir zumindest, aber die Atmosphäre war so aufgeheizt, dass es den Leuten in den Radiostationen offenbar egal war.

SPIEGEL ONLINE: Man hat ja gerade Ihnen vorgeworfen, dass Ihre Äußerungen antiamerikanisch gewesen seien.

Aufsehen erregender "Entertainment Weekly"-Titel: "Wir waren ja nicht ganz nackt"

Aufsehen erregender "Entertainment Weekly"-Titel: "Wir waren ja nicht ganz nackt"

Maguire: Wie können sie einem vorwerfen, man sei unpatriotisch, wenn man seine Soldaten nicht ins Blutbad eines Krieges schicken will? Ich liebe Texas, ich liebe die USA. Aber das beste, was man für sein Land tun kann, ist, denen, die an der Macht sind, nicht blindlings zu folgen. Davon abgesehen: Als unsere Soldaten im Irak waren, haben wir sie unterstützt. Wir sind hundertprozentig auf ihrer Seite. Aber das ist etwas anderes. Trotzdem kann ich der Meinung sein, dass die Regierung nicht alle Mittel für eine friedliche Lösung ausgeschöpft hat.

SPIEGEL ONLINE: Das war für viele Leute wohl einfach zu viel, schließlich hatten die Dixie Chicks nun mal das Image einer sauberen, netten, weißen Mädchenband.

Maguire: Ja, was für ein Klischee! Dabei haben wir schon lange viele Songs im Repertoire, die sich auch kritisch mit Krieg und Soldaten auseinander setzen - wie zum Beispiel "Travelin' Soldier". Wir sind sicher keine ausgesprochen politische Band. Aber wir sehen, wo man etwas tun kann, und unterstützen jetzt zum Beispiel die "Rock the vote"-Kampagne, die junge Leute animieren soll, sich in die Wählerlisten einzutragen und zur Wahl zu gehen.

SPIEGEL ONLINE: Akzeptieren Ihre Fans denn inzwischen, dass Sie zumindest eine Band mit eigener Meinung sind?

Maguire: Oh, die meisten unserer Fans haben das schon lange verstanden. Wir hatten ja trotz aller Boykottaufrufe ein sehr erfolgreiches Jahr mit einer ausverkauften Tournee. Auch die neue CD "Home" hat sich gut verkauft.

SPIEGEL ONLINE: Spielen denn inzwischen wieder alle Radiostationen Ihre Lieder?

Maguire: Aber nein, keinesfalls! Viele spielen uns gar nicht, andere spielen nur die alten Sachen.

SPIEGEL ONLINE: Aus der Zeit, als Sie noch die lieben Mädchen waren?

Maguire: Ja, reiten Sie nur auf dem Klischee herum. Aber leider haben Sie Recht, die Leute bei diesen Radiostationen, vor allem im Süden der USA, denken genauso. Gute Mädchen, böse Mädchen. Das hilft uns natürlich wenig, wenn wir eine neue CD promoten wollen.

SPIEGEL ONLINE: Dagegen war es sicher eine gute Werbung, sich nackt auf dem Cover der Zeitschrift "Entertainment Weekly" ablichten zu lassen?

Maguire: Wir waren ja nicht ganz nackt. Auf unsere Haut haben wir all diese Slogans malen lassen, die über uns gesagt und geschrieben wurden bis hin zu "Dixie-Schlampen" oder "Verräterinnen". Und das alles wegen eines Satzes. Es war völlig absurd, und diese Fotos waren eine künstlerische Aktion, um die ganze Absurdität dieser Situation deutlich zu machen.

SPIEGEL ONLINE: Haben sich angesichts der Hetze gegen Sie andere Musiker mit Ihnen solidarisiert?

Maguire: In der Country-Szene so gut wie niemand. Diese Leute verschwinden alle schnell in den Bergen, wenn es Ärger gibt, sie stehen nicht füreinander ein. Das war sehr enttäuschend. Naja, vor ein paar Wochen hat Merle Haggard ein paar nette Worte über uns verloren, aber das war es dann auch. Unterstützung haben wir nur aus anderen Bereichen bekommen, von Bruce Springsteen zum Beispiel.

SPIEGEL ONLINE: Sie hören sich verbittert an, wenn Sie über ihre Country-Kollegen sprechen...

Maguire: Ja, ich denke, wir fühlen uns auch nicht länger als ein Teil dieser Country-Szene, das kann nicht mehr unser Zuhause sein. Sehen Sie, wir hatten in diesem Jahr in den USA die erfolgreichste Tournee im Country&Western-Genre, das bestverkaufte Album auch. Der Song "Travelin' Soldier" war an der Spitze der Billboard Charts. Trotzdem sind wir für den nächsten Country Award nur in zwei Kategorien nominiert. In diesem Jahr haben wir keinen einzigen bekommen, bei der Preisverleihung sind wir ausgebuht worden. Das sagt doch alles. Dafür haben wir gegen viel größere Konkurrenz drei Grammys gewonnen. Nein, wir sehen uns jetzt eher als ein Teil der großen Rock'n'Roll-Familie.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie nach all den unerfreulichen Ereignissen dieses Jahres froh, jetzt nach Europa zu dürfen?

Maguire: Nein, wir wollen ja nicht aus den USA fliehen, und unsere Konzerte dort waren sehr schön, die Fans haben uns sehr unterstützt.. Aber es ist schon seltsam, dass die Stimmung hier, was den Irak-Krieg betrifft, komplett anders war als in den USA. Vielleicht sind die Menschen hier kritischer.

SPIEGEL ONLINE: Werden Sie sich denn auf der Bühne erneut zu politischen Äußerungen hinreißen lassen?

Maguire: Ja, vielleicht. Das entscheiden wir aus der Situation heraus, da gibt es vorher keine Absprachen. Angst haben wir jedenfalls nicht.

Das Interview führte Jörg Schallenberg


Die Dixie Chicks auf Tournee in Deutschland: Sonntag, 21. September 2003 in München (Olympiahalle); Montag, 22. September 2003 in Frankfurt (Jahrhunderthalle)

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