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Skandal-Band Frei.Wild: "Man wälzt beim Song-Schreiben ja nicht die Geschichtsbücher"

Ein Interview von

Skandal-Band Frei.Wild: In der Opposition Fotos
Getty Images

Konservativ oder rechtsextrem? Frei.Wild ist umstritten wie kaum eine andere deutschsprachige Band. Hier spricht Sänger und Texter Philipp Burger über das neue Album "Opposition", seine Skin-Vergangenheit und ein Goebbels-Zitat.

Zur Person
  • REUTERS
    Philipp Burger, 34, ist Sänger, Gitarrist und Songschreiber der 2001 gegründeten Südtiroler Rockband Frei.Wild. Zuvor war Burger Mitglied der Rechtsrockband Kaiserjäger. Die Band hat aufgrund ihrer Texte politische Kontroversen ausgelöst, viele Kritiker sehen in ihr ebenfalls eine Rechtsrockband. Die Band war mehrfach für den deutschen Musikpreis Echo nominiert - 2013 wurde Frei.Wild nach Protesten von der Nominierungsliste gestrichen, woraufhin die Band ein Jahr später die Veranstaltung trotz erneuter Nominierung boykottierte.

SPIEGEL ONLINE: Herr Burger, ist Frei.Wild eine Rechtsrockband?

Burger: Nein. Vor allem nicht so, wie man uns das unterstellt. Das sagt tausendprozentig jeder, der die Texte kennt. Was in Deutschland als "rechts" bezeichnet wird, schließt konservative Werte, aber auch Ultra-Nazis mit ein. Das ist das Problem: Es werden keine Unterschiede gemacht. Wir sind außerdem eine Südtiroler Band - und Südtirol ist nun mal nicht Deutschland. Südtirol ist die Vorzeigeautonomie weltweit - mit drei Sprachgruppen, die friedlich zusammenleben. Unsere Geschichte, in der Heimatliebe fundamental für die Erhaltung unserer Sprache und Kultur verantwortlich ist, kann man mit der deutschen einfach nicht vergleichen - wenn auch Südtirol bekennende Nazis hatte. Aber Geschichtsunterricht gehört nun mal in den Klassenraum, nicht auf die Bühne.

SPIEGEL ONLINE: Es gibt ja Argumente dafür, Frei.Wild in der rechten Ecke zu verorten: Sie haben früher in der Rechtsrockband Kaiserjäger gesungen. Und weil Sie gerade den Geschichtsunterricht erwähnt haben: Im Song "Für immer Anker und Flügel" singen Sie "Sturm, brich los". Wissen Sie, wen Sie damit zitieren?

Burger: Nein.

SPIEGEL ONLINE: Joseph Goebbels. "Sturm, brich los" sind die letzten Worte aus seiner Sportpalastrede, in der er den "Totalen Krieg" ausgerufen hat.

Burger: Die Geschichte ist mir neu. Was soll ich denn jetzt dazu sagen? "Sturm, brich los" ist ein allgegenwärtiger Slogan. Man wälzt beim Schreiben von Songs ja nicht jedes Mal die Geschichtsbücher. Überhaupt finde ich diese Frage wirklich kränkend, vor allem weil ich selbst Teil der rechten Skinheadszene war...

SPIEGEL ONLINE: ...von der Sie sich inzwischen distanziert haben...

Burger: Sie können sich sicher vorstellen, dass ich der Letzte wäre, der wissentlich einen solchen Slogan in die Lieder einbauen würde. Wenn man es unbedingt so ausreizen möchte, dann könnte man fast jedem deutschen Wort eine Nazi-Nähe unterstellen.

SPIEGEL ONLINE: Nach den politischen Diskussionen um Ihre Band etikettieren Sie sich im Titel Ihres neuen Albums selbst mit einem politischen Begriff. Wozu stehen Frei.Wild in Opposition?

Burger: "Opposition" ist in erster Linie ein Begriff, der ins Auge fallen soll und ohne Zweifel für neue Diskussionen sorgen wird. Ich bin mir sicher: Hätten wir nicht diesen Titel gewählt, würden sich weniger Menschen intensiv mit der Band befassen. Wenn man sich außerdem das Leben, die Natur, eigentlich alles, was auf der Welt passiert, ansieht, gibt es immer eine Position und eine Opposition. Die wechseln sich ständig ab. Das ist wie bei einem Spiel, in dem man mal nach vorne läuft, mal hinfällt, mal ausweicht. Es muss ja nicht immer alles in einem Kampf enden. Eine Opposition ist ein wichtiger Bestandteil jeder Diskussion.

SPIEGEL ONLINE: Sehen Sie sich als Opposition zu Ihren Kritikern, zum Beispiel im Musik-Business - zu Bands wie Kraftklub, The Boss Hoss oder Broilers?

Burger: Mittlerweile ist die Kritik ja fast verstummt. Und wir sind nicht nachtragend. Vieles davon war außerdem übertrieben. Wir haben mit Leuten aus dem Umfeld von Kraftklub, den Ärzten und den Toten Hosen gesprochen, und es hat sich gezeigt, dass nicht alles so war, wie es in den Medien stand. Darüber hinaus wissen wir, dass es in vielen Genres üblich ist, wenn Bands sich gegenseitig dissen. Wir haben da aber keinen Bock drauf, der Scheiß ist uns einfach zu blöd, wir machen unser Ding und lassen die anderen in Ruhe. Von unserer Seite ging jedenfalls noch nie etwas aus. Und auf Sachen, die lange zurückliegen, muss man nicht ständig herumreiten. Kurz: Es gibt Wichtigeres.

SPIEGEL ONLINE: Im Lied "Wir brechen eure Seelen" heißt es: "'Wichser united' passt am besten zu den ganzen Denunzianten, bei denen in erster Linie Menschen ohne Eier rumtanzen." Das liest sich wie eine Kampfansage an Ihre Kritiker.

Burger: Auch, sicher. Aber in dem Song geht's nicht nur darum. Wir möchten die Menschen dazu bewegen, unsere Textinhalte auf ihr Leben zu übertragen. Ich finde es viel schöner, interessanter und lyrischer, wenn Texte den Leuten diesen Freiraum lassen. Dann wird der Lehrling die Inhalte auf seinen Gesellen, der Jugendliche auf seine Eltern beziehen können - ja vielleicht sogar der Student auf seinen Universitätsprofessor, mit dem er nicht klarkommt.

SPIEGEL ONLINE: An wen haben Sie selbst gedacht, als Sie den Song geschrieben haben?

Burger: An niemanden explizit. Sonst hätte ich die Person da auch reingeschrieben. Aber mir fallen da in der Tat einige Menschen ein, die passen würden: aus dem privaten Umfeld oder sicher auch Leute Ihrer Berufsgruppe.

SPIEGEL ONLINE: Auf "Opposition" gerieren Sie sich auch als Verfechter der Wahrheit. Der Vorwurf der Lüge und Manipulation erinnert an die Symbolik der Pegida-Bewegung. Das Pegida-Logo zeigt eine Mülltonne, in der unter anderem ein Hakenkreuz und das Antifa-Symbol liegen. Dazu passend ist "Ganz weit rechts und ganz weit links, da stinkt's" eine Textzeile von Frei.Wild. Auf einer DVD der "Gold Edition" von "Feinde deiner Feinde" rufen Frei.Wild-Fans "Lügenpresse, auf die Fresse". Ist Frei.Wild der Soundtrack zu Pegida?

Burger: Dass die Fans das rufen, ist mir total neu. Und wenn sie das tun, dann kommt das nicht von uns. Wenn man übrigens andere Bands mit uns vergleicht - seien es die Toten Hosen, Broilers, die Ärzte oder Rammstein - zeigt sich, und das ist endlich auch wissenschaftlich erfasst, dass alle Bands sehr ähnliche Fans haben. Man kann nicht ankommen und sagen: Bei Frei.Wild sind übermäßig viele Leute dabei, die konservative oder gar politisch radikale Werte vertreten - und bei den anderen Bands nicht. Solche Fans gibt es überall. Wobei ich auch unterstreichen will, dass ich mit konservativen Werten alles andere als ein Problem habe. Und zu Pegida: Die gibt es in Südtirol nicht, wir kennen keinen, der dabei ist. Fakt bleibt, dass wir uns gegen jedes extreme Gedankengut richten. Es gibt einfach überall politisch Übermotivierte, die Sachen machen, die wir nicht gutheißen können.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind also gegen Pegida?

Burger: Kann ich nicht sagen, weil ich zu wenig darüber weiß. Ich denke, das kann man auch verstehen. Wir haben hier zwei Tageszeitungen, in denen explizit dieses Thema alles andere als ein großes Titelthema ist, so viel ist sicher. Grundsätzlich schreiben die Südtiroler Medien weniger über Deutschland, als es viele Deutsche vielleicht zu glauben scheinen.

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