Interview mit EMI-Boss Udo Lange "Moralische Appelle an den Verbraucher nützen nichts"

Der deutsche Geschäftsführer der Plattenfirma EMI, Udo Lange, sprach mit SPIEGEL ONLINE über die Brennpunkte der kriselnden Musikbranche, zukünftige Tonträgerformate und die Häme der Medien.


Musikmanager Lange: "Eine gewisse Dickfelligkeit ist da"

Musikmanager Lange: "Eine gewisse Dickfelligkeit ist da"

SPIEGEL ONLINE:

Herr Lange, am 1. September feiert der deutsche Ableger der Plattenfirma Virgin Records, den Sie aufgebaut und als Chef begleitet haben, seinen 20. Geburtstag. Würden Sie heute noch eine Plattenfirma gründen, oder wären Ihnen die Erfolgsaussichten im Jahr 2002 zu minimal?

Udo Lange: Die waren schon vor 20 Jahren nicht sonderlich groß. 1982 war eine Zeit, als es der Industrie nicht sonderlich gut ging. Die Absatzsituation war ähnlich wie heute, die Einführung der CD stand kurz bevor, und niemand wusste, was wird. Auch heute geht's uns allen nicht gut, das brauche ich nicht zu beschönigen. Ähnlich wie in den achtziger Jahren gibt es dafür derzeit ein paar Lösungsansätze. Aber wo es wirklich hingeht, weiß niemand von uns. Wenn sich die Problematik die nächsten Jahre zum Positiven ändern sollte, wenn der Gesetzgeber die Rechte der Musikschaffenden besser schützt, dann hat man gute Chancen, eine neue Firma aufzubauen.

SPIEGEL ONLINE: Macht Ihnen Ihre Arbeit als Musikmanager überhaupt noch Spaß, wenn Sie an jedem Kiosk Zeitungen kaufen können, die Artikel oder kostenlose Programme zur Umgehung des CD-Kopierschutzes anbieten?

Lange: Ich könnte sagen, dass ich mich daran gewöhnt hätte, wie ich mich an schlechtes Wetter gewöhnt habe. Eine gewisse Dickfelligkeit ist da. Wir müssen nur aufpassen, dass wir nicht zu dickfellig werden, denn das nimmt uns tatsächlich das Geschäft weg, wenn wir das nicht eingrenzen oder regeln können. Es gibt ja Initiativen, unter anderem einen Entwurf der Bundesregierung, der jetzt durch den Bundestag gehen soll, der explizit verbietet, dass solche Anleitungen, die einen Kopierschutz umgehen, offen verbreitet werden dürfen. Das sind für mich sehr gute Ansätze.

Aber wissen Sie, was mich die ganze Zeit über sehr geärgert hat? Das ist die Häme, die von den Medien über uns ausgeschüttet wurde. Ich weiß gar nicht, was wir gemacht haben, dass alle geschrieben haben, die Musikbranche hätte einen schlechten Ruf und wir hätten es verdient, dass es uns so schlecht geht. Das Verhalten der Medien hat sich erst in den letzten Monaten wieder verändert. Wir finden jetzt zunehmend Verständnis für unsere Kopierschutzmaßnahmen.

SPIEGEL ONLINE: Früher haben die Leute Vinyl auf Kassette aufgenommen, heute werden CDs gebrannt. Wie wollen Sie beim Konsumenten das Bewusstsein wecken, dass er etwas Unrechtes tut?

EMI-Zugpferd Robbie Williams: "Bei uns ist Musik nur Unterhaltung"
AP

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Lange: Das mit den Kassetten früher haben wir alle gemacht, das war nicht so stark ausgeprägt wie das Brennen von CDs heutzutage. Was ja auch qualitativ hochwertiger ist. Im letzten Jahr sind 192 Millionen Rohlinge in Deutschland überspielt worden. Das ist eine enorme Zahl und mehr, als wir verkauft haben. Das ist mehr als ein Alarmzeichen. Das einzig Positive daran ist, dass diese Zahl anzeigt, wie groß das Interesse an Musik ist. Da ist der Gesetzgeber gefragt, die Rechte der Musikwirtschaft zu schützen. Moralische Appelle an die Verbraucher nützen leider gar nichts.

SPIEGEL ONLINE: Warum senken Sie nicht die CD-Preise, um für das größte Brenner-Klientel, die Schüler, Kaufanreize zu schaffen?

Lange: Theoretisch eine gute Idee, praktisch ist das jedoch nicht ausführbar. Wir können uns das wirtschaftlich gar nicht erlauben. Wenn wir die Preise in der jetzigen Situation senken, haben wir bald gar keine Basis mehr, denn in Deutschland kostet die CD immer noch weniger als in anderen europäischen Ländern. Schauen Sie sich Frankreich oder England an: Die Preise sind höher als bei uns - und dennoch kennen beide Länder nicht das Phänomen des CD-Brennens. England beispielsweise ist ein steigender Markt, obwohl die Tonträger wesentlich teurer sind als hier. Da gehört Musik mehr zum Lifestyle wie bei uns das Handy, teure Klamotten und Turnschuhe. Bei uns ist Musik nur Unterhaltung. Ich habe keine andere Erklärung dafür.

SPIEGEL ONLINE: Die Universal Music Group hat kürzlich mit der Plattform popfile.de ein Portal zum legalen Downloaden eingerichtet. Werden diese Portale die CD ablösen?

Lange: Ich denke ja, zumindest auf Einzeltitel bezogen. Aber das wird noch einige Zeit dauern. Denn wir müssen den Leuten klar machen, dass sie das bei uns legal kaufen können, auch wenn sie es unter anderem in Tauschbörsen umsonst bekommen können. Universal geht in die richtige Richtung, aber es wäre besser gewesen, das mit allen anderen Firmen zusammen zu machen. Denn die Leute gehen nicht ins Netz, um nur bei Universal einen Titel downzuloaden, sondern weil sie einen ganz bestimmten Titel wollen, der vielleicht bei Sony oder uns veröffentlicht wurde. Der Ansatz der Preisgestaltung, einen Song für 99 Cent zu bekommen, ist dagegen gut.

SPIEGEL ONLINE: Planen Sie bei EMI etwas Ähnliches?

Lange: Ja, aber wir haben einen anderen Ansatz. Die Leute werden sich meiner Meinung nach künftig weniger ganze Alben runterladen, sondern verstärkt auf einzelne Titel gehen, die sie haben wollen. Wir können uns vorstellen, künftig Alben, die wir veröffentlichen, einen gewissen Zeitraum vor Veröffentlichung der CD zum kostenpflichtigen Download ins Netz zu stellen. Von einem Song für 99 Cent bis zum ganzen Album. Wobei dann abzuwarten bleibt, ob die Leute tatsächlich ein ganzes Album herunterladen.

SPIEGEL ONLINE: Ist so ein Angebot nicht der Tod der Langspielplatte?

EMI-Star Kylie Minogue: "Die großen Bands werden nach wie vor eine große Bedeutung haben"
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Lange: Wir werden einzelne Titel, Singles, Remixe und auch ganze Alben anbieten, und dann schauen wir mal, was die Leute haben wollen. Ich glaube aber, dass die Leute auf einzelne Titel gehen werden. Wenn das eintrifft, haben Sie recht, dann wird das zu einer Veränderung der Musikszene führen. Das wird auch die Arbeit der Kreativen, der Künstler, der Studios und Musikschaffenden verändern.

SPIEGEL ONLINE: Mit anderen Worten, wir haben statt einem langfristigen Künstleraufbau künftig noch mehr Eintagsfliegen und One-Hit-Wonder als bisher?

Lange: Die großen Bands werden nach wie vor eine große Bedeutung haben. Die Leute haben ganz früher übrigens mehr Singles als Alben gekauft. Daraus hat sich dann eine Menge entwickelt. Genau das wird jetzt auch passieren. Vielleicht sagt man in ein paar Jahren wieder: "Huch, wie langweilig, ich will lieber wieder ganze Alben hören." Sehen Sie das doch auch mal regulierend: Alben, die inhaltlich und vom Konzept her gut sind, wird man auch weiterhin hören und kaufen wollen. Aber Künstler, die einen Hit haben und dann noch einen halben zweiten und dann irgendwie ein Album zusammenstöpseln, die wird es künftig nicht mehr geben, zumindest werden solche Künstler keine Alben verkaufen.

SPIEGEL ONLINE: Hat die CD dann als Musikträger ganz ausgedient?

Lange: Nein, es wird weiterhin CDs geben, nur ihre Bedeutung lässt nach. Ich jedenfalls bin nicht so ein Technikfreak wie andere, die sich so ein Ding in der Größe einer Zigarettenpackung zulegen, wo 6000 Titel draufgehen. Ich möchte weiterhin physische Tonträger sammeln.

SPIEGEL ONLINE: Betroffen von der Umsatzmisere in der Plattenindustrie ist auch der Einzelhandel. Mit Ihren Plänen, was das Downloadgeschäft angeht, sind Entlassungen und Schließungen bei den Händlern demnächst wohl unausweichlich. Lässt Sie deren Situation kalt?

Lange: Ich denke da anders. Wir versuchen, dieses digitale Downloadgeschäft mit dem Einzelhandel zusammen zu machen. Dass man zum Beispiel über die Portale des Einzelhandels jede CD vor Veröffentlichung zum kostenpflichtigen Download ins Netz stellt. Und wenn jemand die Titel vorher haben will, um sie vor allen anderen zu hören, muss er dafür zahlen. Mit dem Download bekommt man eine Art Voucher, mit dem man, wenn man möchte, später in einen Laden gehen und sich die CD noch mal verbilligt holen kann. Zuerst hole ich mir das Album digital, und später lege ich noch ein paar Euro drauf und hole mir die CD. Das wäre mein Traum und ist sicher ein besserer Lösungsvorschlag, als wenn die CD später ganz verschwindet.

SPIEGEL ONLINE: Kurz noch mal zurück zur Politik: Ihr Kollege Thomas Stein von BMG Ariola hat der Bundesregierung kürzlich in einem offenen Brief Nichtstun vorgeworfen. Ist seine Kritik gerechtfertigt?

Lange: Die Kritik ist gerechtfertigt, einzig der Zeitpunkt war falsch, der Aufschrei von Stein und sein Schreiben kamen zu spät. Denn die Bundesregierung macht ja im Augenblick etwas und ist bemüht, die Rechtesituation unter Berücksichtigung der EU-Richtlinien klarzustellen und zu verbessern. Die Politik hat sich uns gegenüber erstmals seit Jahren geöffnet, nimmt uns als Industrie und Kulturträger wahr und weiß, dass da was geschehen muss. Die Umsatzeinbrüche liegen derzeit bei 14 Prozent. Das ist existenzbedrohend und kann so nicht weitergehen. Jedes Pornoheft ist Kulturgut, Musik ist es nicht. Das habe ich noch nie verstanden.

SPIEGEL ONLINE: Der EU-Wettbewerbskommissar Mario Monti will nach langem Abwägen nun doch das Kartellrecht in der europäischen Union lockern. Sind die Fusionspläne zwischen EMI und der Bertelsmann-Tochter BMG Ariola damit wieder aktuell geworden?

Lange: Ich kenne keine Pläne in dieser Richtung. Als einziger Major sind wir ein reines Musikunternehmen ohne Anbindung an Hardwarehersteller, Internetdienste, et cetera. Wir fühlen uns in dieser Rolle zunehmen wohler. Die Fusion zwischen EMI und BMG wurde vor 18 Monaten nur andiskutiert, ist aber nie offiziell eingereicht worden, weil vorab signalisiert wurde, dass das nicht genehmigt wird.

SPIEGEL ONLINE: EMI hat vor kurzem das Independent-Label Mute übernommen. Haben kleine Firmen im Schatten der Großen überhaupt noch Platz und Gelegenheit, ihre Unabhängigkeit wahren?

Lange: Die Eigenständigkeit von Mute ist hundertprozentig gewährleistet. Als Virgin-Geschäftsführer war ich doch in derselben Lage, als wir vor zehn Jahren von der EMI gekauft wurden. Das war kein Freudentag, ich wusste ja, dass die Gespräche laufen. Und als der Anruf kam, war ich doch ziemlich platt. Ich erinnere mich genau daran, es war der Vorabend meines Geburtstages. Und am nächsten Tag, meinem 40. Geburtstag also, hat mir meine Frau, völlig unwissend, was sie erworben hat, ein Geschenk gemacht - Nipper, diesen berühmten EMI-Hund, der vor dem Grammophon sitzt, als Emailleschild. Solche Emailleschilder habe ich damals gesammelt, und dieses war ein belgisches Schild von einem Radiosender. Und meine Frau schenkt mir das, sechs Stunden nachdem die Virgin verkauft worden ist. Da habe ich mich bedankt und sie gefragt, ob sie mich verarschen will. Heute hängt das Schild bei uns in der Küche. Und wir lachen immer noch, wenn wir es ansehen.

Das Interview führte Stéfan Picker-Dressel



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