Interview mit George Michael: "Ich war so naiv!"

In der Kino-Dokumentation "A Different Story" reflektiert der britische Popstar George Michael die turbulenten letzten Jahre seiner Karriere. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE erklärt er, wie eine Gitarre zum Phallussymbol werden kann und warum David Beckham an Unsicherheit leidet.

Vor George Michael sind etwa ein Dutzend Sonnenbrillen ausgebreitet, von denen er sich eine aussuchen soll. Er scheint unentschieden...

SPIEGEL ONLINE:

Fällt Ihnen die Wahl schwer?

Michael: Ja! Mittlerweile ist meine Sonnenbrille das Einzige, was ich noch gelegentlich an meinem Look verändere. Alles andere bleibt mehr oder weniger so wie es ist.

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George Michael: Bilder aus dem Film "A Different Story"
SPIEGEL ONLINE: Irgendwann haben Sie sogar aufgehört, Ohrringe zu tragen.

Michael: Stimmt, ich weiß auch nicht, wie das kam. Komisch irgendwie, es war nie eine bewusste Entscheidung. Vor 20 Jahren, zu Beginn meiner Karriere, hatte ich so dermaßen wenig Selbstbewusstsein, dass ich mir ein ganz bestimmtes Image zulegte, hinter dem ich mich verstecken konnte. Ich bildete mir ein, dass ich nur so mit den anderen Stars konkurrieren konnte.

SPIEGEL ONLINE: Und jetzt?

Michael: Jetzt ist mir das alles egal. Mir fallen einfach keine neuen Looks mehr ein. Ich bin jetzt 42 - also in einem Alter, in dem man als Mann wissen sollte, was gut an einem aussieht. Für eine Frau ist es okay, einen neuen Stil auszuprobieren - eine Frau kann sich auch mal nur für einen Abend komplett verwandeln, aber bei Männern... wenn ich mir zum Beispiel David Beckham anschaue - ein Mann der großartig aussieht, aber permanent seinen Look wechselt - dann sehe ich einfach nur Unsicherheit. Egal wie gut der aussieht, er ist trotzdem unsicher. Meiner Meinung nach muss das ab einem gewissen Alter aufhören.

SPIEGEL ONLINE: Können Sie sich darin selbst wieder erkennen?

Michael: In den achtziger und neunziger Jahren habe ich nie das Haus verlassen, wenn ich nicht tiptop gestylt war. Alles musste perfekt sein, alles war mir auf den Leib geschnitten. Mittlerweile sehe ich das alles wesentlich entspannter. Im Alltag sehe ich selten so aus, wie man sich das von George Michael vorstellt. Mein Haar ist von Natur aus lockig und ich müsste mich eigentlich zwei Mal am Tag rasieren... die meiste Zeit sehe ich einfach zum Fürchten aus! Ich muss eben nicht mehr den ganzen Tag lang George Michael sein. Und das ist eine wahnsinnige Erleichterung.

SPIEGEL ONLINE: Mit ihrem betont coolen und narzißtischen "Faith"-Image eroberten Sie Ende der Achtziger Amerika - haben Sie sich dabei vor etwas versteckt?

Michael: Damals hatte ich das Gefühl, den Boden unter den Füßen zu verlieren. Das war alles überwältigend für mich. Wissen Sie, Eitelkeit und Selbstbesessenheit verkauft sich wahnsinnig gut, besonders in Amerika. Und ich dachte mir: Wenn ich in Amerika erfolgreich sein will, dann muss ich noch eitler und egozentrischer sein als all die amerikanischen Stars. Wer sollte sich denn schon für den wahren George Michael interessieren? Ich war doch nur ein ganz normaler Londoner Vorstadtjunge. In Vergleich zu Prince oder Michael Jackson habe ich mich blass gefühlt. Aber ich hatte dann bald keinerlei Bezug mehr zu der Person, die ich da geschaffen hatte.

SPIEGEL ONLINE: Hatten Sie das Gefühl, die Kontrolle zu verlieren, als der große, internationale Erfolg einsetzte?

Michael: Total. Ich habe großes Selbstbewusstsein, was meine Musik anbelangt. Aber das steht im krassen Gegensatz zum Rest meiner Persönlichkeit, denn was meine Person angeht bin ich alles andere als selbstsicher. Doch auch mit allem Selbstvertrauen der Welt wird man nie wirklich kapieren, warum man plötzlich der erfolgreichste Musiker der Welt ist. Im Nachhinein kann ich's natürlich verstehen - ich hab einfach genau das gemacht, was MTV damals wollte. Und diese Gitarre, die ich im "Faith"-Video spiele, das ist einfach das ultimative amerikanische Symbol. Denn die Gitarre bedeutet: Das ist ein echter Mann!

SPIEGEL ONLINE: Die Gitarre als amerikanisches Phallussymbol?

Michael: Genau! Ähnlich wie Prince und sein Motorrad. Die Geschlechterrollen sind in Amerika viel stärker getrennt als in Europa. Als kleiner englischer Junge hab ich gar nicht kapiert, dass ich da ganz enorm meine Männlichkeit betone - einfach nur indem ich mir eine Gitarre umhänge. Dabei kann ich noch nicht einmal Gitarre spielen! Nicht die Bohne!

SPIEGEL ONLINE: Ihre frühere Band Wham! hatte ja immer schon ein wenig schwul gewirkt, aber niemand hatte darüber geredet. Doch dann wurden Sie von Amerika ausgerechnet zum Hetero-Sexsymbol erkoren.

Michael: Ja, und dadurch, dass ich mir die Gitarre umhängte, hatte ich das auch noch provoziert. Plötzlich war es auch für Männer okay, mich gut zu finden, ohne dass sie sich gleich Sorgen machen mussten, dass sie schwul waren. Das war alles sehr verwirrend für mich. Jemand wie Madonna, die gerne im Rampenlicht steht und sehr geschickt mit den Medien umgeht, spielt dieses Spiel heute noch. Sie scheint mir erstaunlich normal und im Besitz ihrer geistigen Kräfte zu sein. Wenn ich dieses Spiel weiter gespielt hätte, wäre ich verrückt geworden. Also bin ich dann ganz bewusst aus dem Rampenlicht getreten.

SPIEGEL ONLINE: Und als dann der Vorfall in Los Angeles passierte...

Michael: Die Festnahme meinen Sie? Bei mir zu Hause wird das nur "die Festnahme" genannt...

SPIEGEL ONLINE: Ja genau. 1999 wurden Sie beim Sex in einer öffentlichen Toilette erwischt und verhaftet. War das eine bewusste Provokation? Immerhin haben Sie sich danach öffentlich geoutet.

Michael: Absolut. Es war die totale Verneinung von allem, was ich bis daher erreicht hatte. Und wenn ich ehrlich bin, war ich damals noch in einem sehr selbstzerstörerischen Zustand. Meine Mutter war erst ein Jahr zuvor gestorben und mir war gar nicht bewusst, wie wütend ich innerlich war. Ich bin jemand, der es so lange wie möglich vermeidet, nach Hilfe zu fragen. Was mich im Nachhinein so wahnsinnig wundert an dieser ganzen Episode, ist, dass ich genau sehen kann, wie mein eigenes Unterbewusstsein gegen mich gearbeitet hat. Aber zu meinem großen Erstaunen hat der Musiker in mir nie daran gezweifelt, dass ich diese Geschichte überleben würde.

SPIEGEL ONLINE: Die Amerikaner fanden Ihre Single "Outside", die unter anderem knutschende Polizisten zeigte, gar nicht so witzig...

Michael: Ich war so naiv! Ich hatte keinerlei Vorstellung davon, wie schwulenfeindlich die Amerikaner doch sind. In Europa war die Single mein größter Erfolg seit Wham!, aber in den USA wurde der Song genau zwölf Mal im Radio gespielt! Zwölf Mal in einem Kontinent mit ungefähr 5000 Radiosendern! Die Einzigen, die zu mir gehalten haben, waren die Leute von MTV. Das sind die Einzigen in Amerika, die keine Angst vor den religiösen Rechten zu haben scheinen.

SPIEGEL ONLINE: Erzählen Sie doch einmal ein bisschen über "A Different Story": Was war der Gedanke dahinter, Ihre ganze Geschichte noch einmal in einer Kino-Dokumentation zu verarbeiten?

Michael: Erst einmal ist das ein Geschenk an meine Fans. Wer kein George-Michael-Fan ist, wird sich den Film höchstwahrscheinlich nicht anschauen. Da ich während meiner gesamten Karriere so wenige Interviews gegeben und so zurückgezogen gelebt habe, ist es meiner Meinung nach nur fair, dass ich meinen Fans etwas zurück gebe. Und außerdem dachte ich, wenn ich mich schon die letzten zwölf Jahre so elend gefühlt habe, dann sollte ich wenigstens versuchen, das Beste daraus zu machen und andere Leute damit zu unterhalten.

SPIEGEL ONLINE: Der Tod Ihrer Mutter und ihrer Jugendliebe Anselmo, der 1992 an Aids starb, während sie beim Freddie-Mercury-Tributkonzert auf der Bühne standen, der Konflikt mit der Plattenfirma Sony, der Prozess in Amerika - vom Glück gesegnet waren Sie wahrlich nicht...

Michael: Es war wie eine schlechte schwule Seifenoper! Es war, als hätte mich jemand verflucht. Meine Freunde waren schon besorgt, weil so viele Menschen um mich herum starben. Wenn ich im Film alles erzählt hätte, was mir in den letzten Jahren widerfahren ist, wäre das viel zu deprimierend gewesen. Aber der Film erklärt eben auch, warum ich in den letzten Jahren nur so wenige Alben veröffentlicht habe. Es war mir einfach unerklärlich, wie mir ständig ein Unglück nach dem nächsten passieren konnte.

SPIEGEL ONLINE: Und mit dem Film wollen Sie diese dunkle Episode Ihres Lebens endgültig abschließen?

Michael: Ja, genau. Für mich war das eine sehr kathartische Erfahrung. Nur mein armer Freund Kenny musste ganz schön viel aushalten, weil bei mir so viele Erinnerungen hochkamen. Es war anstrengend, mir täglich Bilder von Anselmo (Michaels an Aids verstorbener Freund, d. Red.) und von meiner Mutter anschauen zu müssen. Kenny und ich haben uns während dieser Zeit oft gestritten. Aber manchmal ist es gut, wenn man gezwungen wird, über Dinge nachzudenken, die man normalerweise vermeidet. So kann man seine Dämonen vertreiben.

Das Interview führte Katja Hofmann

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