Prefab-Sprout-Chef Paddy McAloon "Nennen Sie mich zwanghaft"

Seine neue Platte wurde geleakt, dabei sollte sie doch eine Überraschung sein: Im Interview berichtet Paddy McAloon von Prefab Sprout über seine Kontrollsucht, seine Sehnsucht nach der Jugend und die Gründe für seine Internet-Abstinenz.

DPA

SPIEGEL ONLINE: Mr. McAloon, Sie gelten als Kontroll-Fanatiker. Nun landete "Crimson Red", das neue Album Ihrer Band Prefab Sprout, Monate vor dem geplanten Veröffentlichungstermin illegal im Internet. Waren Sie geschockt?

McAloon: Ja, ich bekam einen Wutanfall. Das war eben kein "PR-Coup", sondern ein sehr ärgerlicher Unfall. Jemand ahnungsloses bei der Plattenfirma hat einen Fehler gemacht. Das war auch deshalb unangenehm, weil ich die Platte als große Überraschung und ohne Ankündigung veröffentlichen wollte, so aus dem Nichts heraus. Bis zu dem "Leak" war die Platte auf keiner Veröffentlichungsliste. Unter meinen Fans und bei Journalisten wird immer wieder viel Wind um meine Veröffentlichungsstrategien gemacht, um all meine "legendären" unveröffentlichten Werke. Da wollte ich mir einen Spaß erlauben und alle mit einem neuen Album überraschen. Dass daraus nichts wurde ist bedauerlich.

SPIEGEL ONLINE: Ärgern Sie sich auch über entgangene Umsätze?

McAloon: Natürlich gab es schon immer Menschen die umsonst Musik kopiert haben. Früher machte man das mit Kassetten. Kein Problem. Aber diese "Alles-Ist-Umsonst-Kultur" des Internets finde ich trotzdem befremdlich. Ich bestreite meinen Lebensunterhalt mit dem Verkauf meiner Musik. Konzerte kann ich aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr geben, denn ich habe Probleme mit meinem Gehör und meinen Augen. Immerhin hatte ich durch diese ungeplante Veröffentlichung früh ein positives Echo auf meine Musik.

SPIEGEL ONLINE: In einigen Blogs, die Ihr Album unautorisiert anboten, wurde von Fans heftig darüber debattiert, ob man "Crimson Red" nun illegal runterladen darf oder nicht, weil Ihren Anhängern klar war, dass Sie das hassen würden. Beeindruckt Sie das ein wenig?

McAloon: Die Debatte belegt immerhin, das einige Fans doch ein Bewusstsein für meine Position als Künstler haben. Das Bizarre ist, dass ich nie, wirklich nie, das Internet nutze. Meine Augen sind so empfindlich, dass ich mich mit vielen elektronischen Geräten schwer tue. Mit allerlei Hilfsmitteln kann ich moderne Technik im Studio nutzen. Aber durch das Internet zu surfen bietet mir zu viele Hürden. Die Faszination des Internets verstehe ich selbstverständlich, gleichzeitig ahne ich, dass da vieles geboten wird, das mir ärgerlich erscheint. Mich quält außerdem die Vorstellung, all den Quatsch, den ich da über mich lesen würde, korrigieren zu müssen. Menschen, die mir vor dreißig Jahren kurz über den Weg liefen, plustern sich online als Prefab-Sprout-Insider auf. Schrecklich. Aber weil ich auch nicht als böser alter Mann rüberkommen will, mache ich von vornherein einen Bogen um die Online-Welt.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie überhaupt erfahren, dass "Crimson Red" da gelandet ist?

McAloon: Wendy Smith, die mal bei Prefab Sprout war, informierte mich darüber. Sie bekam die große Aufregung in den Fan-Foren mit. Zu Beginn gab es ja Zweifel, ob die Songs authentisch sind. Sie wusste sofort, dass die von mir sind.

SPIEGEL ONLINE: Wie wichtig ist Ihnen kommerzieller Erfolg?

McAloon: Nur so wichtig, dass er es mir ermöglicht, eine weitere Platte aufnehmen zu können. Davon mal abgesehen, glaube ich, dass ein massiver Hit mehr Probleme als Glück mit sich bringt. Wenn man einen Bestseller hat, ist es danach viel schwieriger, etwas anderes zu machen, weil viele erwarten, dass man seinen Erfolg kopiert. Ich habe tatsächlich oft darüber gegrübelt, was Erfolg mit sich bringt und ich glaube, dass er avantgardistisches Denken verhindert. Natürlich wünsche ich mir ein großes Publikum für meine Musik, aber die Sehnsucht danach raubt mir schon lange nicht mehr den Schlaf.

SPIEGEL ONLINE: Wie ertragen Sie als Perfektionist, was Kollegen wie Kylie Minogue oder Cher aus Ihren Songs machten?

McAloon: Ich habe mit den Jahren gelernt, mich von jeder Interpretation meiner Musik geehrt zu fühlen. Zum Beispiel würde ich mich gerne bei Kylie Minogue bedanken, mit der ich noch nie ein Wort gewechselt habe. Die spielt meinen Song "If You don't love me" bei jeder Gelegenheit. Merkwürdig finde ich daran nur, das diese Melodie meiner Ansicht nach gar kein Hit-Potential hat. Aber Kylie Minogue muss den Song sehr mögen - und nur darum geht es letztlich.

SPIEGEL ONLINE: Hören Sie sich als Perfektionist Ihre alten Platten an?

McAloon: Meine alte Musik anzuhören macht mich melancholisch. Vermutlich, weil es mir eine Ahnung davon vermittelt, wie viel Lebenszeit ich bereits verbraucht habe. So ein Gefühl, wie es einen überkommt, wenn man sich alte Fotos anschaut - der Verdacht, dass etwas für immer vorüber ist. Aber dass ich beständig neue Songs schreibe, gibt mir auch das Gefühl, am Leben zu sein. Ich probiere immer, die Dinge wie Miles Davis anzugehen...

SPIEGEL ONLINE: ...also sich immer wieder neu zu erfinden?

McAloon: Genau. Das hilft, mit dem Verdacht klarzukommen, dass man seine besten Arbeiten vermutlich vor langer Zeit als junger Mann abgeliefert hat. Ich tue mein Bestes, solche Gedanken immer wieder zu verscheuchen und mir zu sagen, dass die Vergangenheit abgehakt ist und man für jeden neuen Song dankbar sein muss.

SPIEGEL ONLINE: "Crimson Red" klingt ehrlich gesagt nicht radikal anders als die Musik, die Sie vor zwanzig Jahren gemacht haben. Oder sehen Sie das anders?

McAloon: Das liegt nur daran, dass ich mich so beeilen musste mit der Platte. Deshalb habe ich nur Songs aus meinem Archiv ausgewählt, die eher traditionell klingen, die problemlos auf einer akustischen Gitarre gespielt werden könnten. Das Album bietet deshalb nicht meine abenteuerlichste Musik, sondern eher die direkteste.

SPIEGEL ONLINE: Warum mussten Sie sich beeilen? Sie nehmen sich doch alle Zeit der Welt für Ihre Alben?

McAloon: Ich habe der Firma "Icebreaker" vor einigen Jahren eine Platte versprochen. Aus allerlei langweiligen Gründen, von denen einige mit meiner Gesundheit zu tun haben, verzögerte sich die Arbeit daran. Im Oktober letzten Jahres erinnerten die mich dann daran, dass ich den Abgabetermin verpasst hätte. Um die Sache endlich voran zu bringen, griff ich auf einen Satz, nun ja, "klassischer" Prefab Sprout Songs zurück.

SPIEGEL ONLINE: Hilft es, eine Deadline zu haben?

McAloon: Über diese Frage habe ich mir auch ausgiebig den Kopf zerbrochen. Der Termindruck trieb mich an, diese Platte abzugeben. Aber genauso weiß ich, dass ich nie wieder in meinem Leben so arbeiten will. Ich habe mit der Firma, die "Crimson Red" rausbringt, keinen weiteren Vertrag. Und ich will niemals wieder in meinem ganzen Leben von einer Deadline getrieben werden. Das war eine entwürdigende Situation. Aber ich weiß auch, dass das Problem mit Leuten wie mir darin besteht, dass ich immer unbegrenzte Möglichkeiten haben will - was einen letztlich aber lähmt.

SPIEGEL ONLINE: Wie wichtig ist Ihnen Kontrolle?

McAloon: Unbeschreiblich wichtig. Und sie wird mir immer wichtiger, je älter ich werde. Nennen sie mich zwanghaft, aber so ist es leider. Das bereitet mir auch zunehmend Probleme. Ich will alles kontrollieren, und das ist natürlich ein Ding der Unmöglichkeit.

SPIEGEL ONLINE: Veröffentlichen Sie deshalb seit der Jahrtausendwende immer weniger Platten?

McAloon: Mein Rückzug begann 1997. Da war unser Vertrag mit Sony erfüllt und ich wollte nicht mehr weiterarbeiten. Dummerweise fehlte mir das Geld dazu. Aber eine Lebenskrise hatte ich trotzdem. Ich sehnte mich nach meiner Jugend, wollte diese unbeschwerten Tage zurück. Und wusste gleichzeitig, dass das nicht funktioniert. Ich vermisste trotzdem das Gefühl, Musik einfach nur aus Freude heraus zu machen, ohne dass irgendwelche Erwartungen damit verbunden sind. Mir war das alles zu viel. Das war auch die Zeit, in der ich Vater wurde, was mich auch sehr beschäftigte. Ich war nicht die Sorte "Rockstar", der seine Familie sitzen lässt und durch die Welt rauscht - und mit vierzig sowieso ein später Vater. Aber ich hatte ein massives Schlafdefizit und wollte einfach nur noch meine Ruhe.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es die Band Prefab Sprout noch oder ist das nun Ihre Solo-Platte?

McAloon: Schwierig zu beantworten. Theoretisch gibt es die Band noch, aber aus gesundheitlichen und finanziellen Erwägungen heraus nutze ich den Namen zur Zeit alleine. Aber lange bevor es die Band gab, produzierte ich bereits auf eigene Faust Tapes unter dem Namen Prefab Sprout. So schließt sich also der Kreis und ich bin mit dem neuen Album wieder bei meinem Teenager-Alter-Ego angekommen.

SPIEGEL ONLINE: Beeindruckt Sie die Musik, die Sie aus den Zimmern Ihrer drei Töchter hören?

McAloon: Ich staune da immer wieder. Die Produktion der meisten Hip-Hop und R&B Platten ist beeindruckend und macht mich neugierig. Wenn ich Gangster-Rap höre, probiere ich immer, etwas zu lernen. Aber so faszinierend ich Hip Hop und Dance Musik finde, kommt meine Musik doch aus einer ganz anderen Ecke und wird auch immer so klingen.

SPIEGEL ONLINE: Einige Ihrer Fans sind wirklich besessen von Ihnen als mythenumrankter Figur. Lauern Ihnen die vor der Haustür auf?

McAloon: Das kommt schon mal vor. Vor einiger Zeit folgte mir ein Auto, bremste neben mir, zwei junge Männer aus Dänemark stiegen aus und fragten mich, ob ich Paddy McAloon sei. Ja, antwortete ich. Was wollt ihr von mir, wonach sucht ihr? "Wir suchen nach dir." Ich lachte , fand es aber auch unheimlich. Die fotografierten mich dann und rasten davon. Aber als ich jung war, träumte ich auch davon, meine Idole zu treffen.

SPIEGEL ONLINE: Welchen Ihrer Idole sind Sie später begegnet?

McAloon: David Bowie, Steve Winwood, Jimmy Webb und Paul McCartney. Vor langer Zeit hatte ich McCartney mal gebeten, etwas zu einem Prefab Sprout Album beizutragen, aber er lehnte freundlich ab. Als sein Musikverlag mal eine Buddy Holly Party schmiss, ging ich hin. Ich sah McCartney dort, nahm all meinen Mut zusammen, und sprach ihn an: "Ich bin Paddy McAloon von Prefab Sprout und kann hier nicht entspannt essen oder trinken, bevor ich mich ihnen vorgestellt habe." Ich stotterte wie ein Schuljunge vor Aufregung. McCartney war nett, an aufgeregte Verehrer gewöhnt, und sagte: "Oha, mit ihrem neuen Bart hätte ich sie nie erkannt. Aber ich freue mich, dass sie da sind, das muss wohl bedeuten, dass ich noch hip bin". Ich beneide Paul McCartney um seine Coolness!

Das Interview führte Christoph Dallach



insgesamt 10 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
glen13 15.10.2013
1.
Zitat von sysopDPASeine neue Platte wurde geleakt, dabei sollte sie doch eine Überraschung sein: Im Interview berichtet Paddy McAloon von Prefab Sprout über seine Kontrollsucht, seine Sehnsucht nach der Jugend und die Gründe für seine Internet-Abstinenz. http://www.spiegel.de/kultur/musik/interview-mit-paddy-mcaloon-von-prefab-sprout-a-926693.html
Wahrscheinlich werden mich jetzt alle Fans dieses Pop Weihnachtsmannes hassen, aber die 3 Musikschnipsel vom neuen Album klingen wie Robbie Williams.......
grafreak 15.10.2013
2. Typisch...
Wie immer bei seinen Platten: 3 Nummern hauen direkt rein, der Rest braucht etwas...manchmal sehr lange. Trotzdem empfinde ich jede Neuveröffentlichung von ihm als tolles Erlebnis und liebe jedesmal die Entdeckungsreise. Ach ja, kaufen tue ich sie auch, sogar im Laden.
championsleague2011 15.10.2013
3. @glen13
Ich hasse Sie lediglich für Ihre despektierliche Bezeichnung "Weihnachtsmann" :-) Wahrscheinlich sind Sie ja aus der Generation "RW", denn ansonsten würden Sie wissen das Prefab Sprout, zumindest Anfang der 80er, zu den absoluten Hipster-Stars gehörten, welche von Dietrich Diederichsen und anderen Pop-Theoretikern zu den innovativsten Bands erhoben wurden. Tja, da ist aber RW noch mit der Trommel um den Baum gelaufen. Und da Paddy auch sagt er hätte altes Material verwendet, klingt das für Anfang der 80er ganz schön innovativ. Ich habe Sie geliebt. Championsleague
ambulans 15.10.2013
4. >championsleague2011,
nur eine einzige, klitzekleine frage zu ihrem beitrag: wer - zum teufel - ist (soll sein) diese ominöse "generation RW"? never heard of this, my friend, what are you meaning? es gibt älteres, aber auch (selbstverständlich) "jüngeres" kulturgut (z.b. prefab sprout, u.a.). und - D.D. (SPEX - damals!!) hat zweifellos einige ziemlich kluge/instinktiv richtige/geschmacklich passende ansichten von sich gegeben, die den meisten heutigen zeigen, wieweit sie ihm keinerlei wasser reichen können (übrigens: quatsch hat er auch von sich gegeben, mehr aber noch fr. int'veen!). trotzdem - eine geile zeit!!
championsleague2011 15.10.2013
5. @ambulans
Generation Robbie Williams :-)
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.