25 Jahre "Graceland" von Paul Simon: "Ich habe in einer Seifenblase gelebt"

Sie küssten und schlugen ihn - und machten ihn reich: Mit "Graceland" legte Paul Simon eines der erfolgreichsten Pop-Alben hin - und entfachte eine Kontroverse über den Umgang mit der Apartheid in Südafrika. Im Interview spricht der Musiker über Fehler, Anfeindungen und Bombendrohungen.

Paul Simons "Graceland": Unbedarfte Aufnahmen in Südafrika Fotos
AP

SPIEGEL ONLINE: Mr. Simon, vor 25 Jahren haben Sie sich mit Ihrem Album "Graceland" enormen Ärger eingehandelt. Es hieß, Sie hätten allen politischen Anstand missachtet, als Sie im geächteten Apartheidregime von Südafrika Ihre Songs einspielten. Hatten Sie das politische Konfliktpotential unterschätzt?

Simon: Ja, total! Ich war völlig unvorbereitet auf die Reaktionen. Ich spielte die Platte Ende 1985 in Südafrika ein, gemeinsam mit schwarzen afrikanischen Musikern wie Ladysmith Black Mambazo oder Youssou N'Dour. Als "Graceland" Ende 1986 erschien, gab es keinen Mucks. Erst als das Album ein Hit wurde, ging die Kontroverse los.

SPIEGEL ONLINE: Selbst der ANC, der African National Congress, setzte Sie auf eine schwarze Liste. Wie lautete der Vorwurf?

Simon: Ganz einfach: Südafrika wurde von bösen weißen Machthabern regiert, die die Schwarzen unterdrückten. Deshalb gab es seit 1980 einen offiziellen kulturellen Boykott der Uno gegen das Land. Und dann stolpert da der weiße, westliche, egozentrische Popstar Paul Simon rein und will Musik machen, ohne über die politischen Konsequenzen nachzudenken. Die politische Landschaft in Südafrika war damals sehr komplex. Wer sich kompetent dazu äußern will, muss sich wirklich auskennen. Der Dokumentarfilm "Under African Skies", der gerade in den USA in die Kinos kam, vertieft diese Geschichte zum ersten Mal angemessen.

SPIEGEL ONLINE: Der Film dokumentiert aber auch Ihre eigene politische Unbedarftheit. Warum haben Sie diesen erstaunlich offenen Dokumentarfilm über "Graceland" zugelassen?

Simon: Eigentlich sollte das nur ein harmloser Film zum "Graceland"-Jubiläum werden. Aber die Geschichte der Platte ist eben immer noch ungewöhnlich und nie richtig erzählt worden - weder der künstlerische Aspekt, und schon gar nicht der politische. All die Anfeindungen, all die Kontroversen wurden irgendwann vom gewaltigen kommerziellen Erfolg übertüncht.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie Ihre Entscheidung, in Südafrika zu arbeiten, je bereut?

Simon: Nie. Der Konflikt wurde ja auch von den Medien aufgeblasen. Wenn ich ein Konzert vor 5000 Menschen spielte und fünf aufgeregte Demonstranten hielten am Eingang "Simon Go Home"-Transparente hoch, wurden natürlich nur diese fünf Kritiker fotografiert. Auch wenn die vielleicht kurz danach die Plakate weglegten und ins Konzert gingen. Was um die Welt geht, sind die Bilder von den Demonstranten. Natürlich gab es da insgesamt eine lautstarke Gruppe von Kritikern, aber so groß, wie sie gemacht wurde, war sie eben auch nicht. Und in Europa waren es deutlich mehr als in den USA.

SPIEGEL ONLINE: Hier in Europa gab es angeblich sogar Bombendrohungen.

Simon: Unglaublich, aber wahr. Die Spannung, die in diesem Konflikt steckte, war für mich neu. Ich hatte keine Ahnung vom Ausmaß der Kämpfe und der Gewalt. Es ging tatsächlich die Angst um, auch wir könnten bei einem Konzert angegriffen werden. Damals habe ich in einer Seifenblase gelebt und nicht viel von den Ausschreitungen mitbekommen. Erst jetzt habe ich durch den Film verstanden, dass die südafrikanischen Musiker damals ahnten, es könnte Ärger geben, mir das aber nicht gesagt haben.

SPIEGEL ONLINE: Warum ließen sich die einheimischen Musiker überhaupt auf die Arbeit mit Ihnen ein? Des Geldes wegen?

Simon: Das glaube ich nicht. Einer sagte mir, er sehe endlich die Chance, die Musik seiner Heimat vom Nimbus der "Dritte-Welt-Entwicklungshilfemusik" zu befreien. Ein sehr guter Grund! Er wollte zeigen, dass in Afrika auch weltweit erfolgreicher Pop entstehen kann.

SPIEGEL ONLINE: In einer Filmszene erinnern Sie sich an rassistische Kommentare eines Toningenieurs.

Simon: In diesem Moment dachte ich mir schon, die ganze Sache könnte nach hinten losgehen. Es passierte zu Beginn der "Graceland"-Sessions, und ich wartete erst mal ab. Später kamen so viele tolle südafrikanische Musiker dazu, dass ich die wenigen negativen Momente während der Aufnahmen abhakte.

SPIEGEL ONLINE: Wäre Ihnen der ganze Ärger um "Graceland" nicht erspart geblieben, wenn Sie Mitglieder des ANC mit ins Boot geholt hätten?

Simon: Wahrscheinlich. Mein Freund Harry Belafonte hatte mich vorab gewarnt, aber letztlich ging damals alles zu schnell. Ich bot dann sogar an, ein Konzert für den ANC zu spielen, aber der lehnte ab mit der Begründung, ich hätte mir vorher deren Erlaubnis holen sollen. Worauf ich erwiderte, dass sie auch nicht besser seien als all die etablierten Politiker, zu denen sie eigentlich eine Alternative bieten wollten.

SPIEGEL ONLINE: War Ihre Reise nach Südafrika auch eine Art Flucht, weil Ihr vorangegangenes Album nicht so toll lief?

Simon: Vielleicht. "Hearts and Bones" war nicht unbedingt ein Hit von der Sorte, wie ich sie gewohnt war. Dazu kam, dass die Stimmung in der Musikwelt damals gegen mich war, nach dem Motto: Paul Simon ist ein Mann von gestern. Zumindest hatte das den Vorteil der Narrenfreiheit. Afrikanische Musik begeisterte mich damals; dorthin zu reisen und etwas Eigenes zu versuchen, schien mir ein Traum. Ob das kommerziell erfolgreich werden könnte, war mir egal.

SPIEGEL ONLINE: Dass Ihnen Hits einerlei waren, ist schwer vorstellbar. Vermutlich haben Sie sich sehr über den Grammy für "Graceland" gefreut.

Simon: Jeder Musiker möchte Hits landen. Es stimmt, auch ich wollte einen. Aber ich hatte damals bereits sehr viele Chart-Erfolge erlebt. Es ging mir tatsächlich vor allem darum, etwas Aufregendes zu machen.

SPIEGEL ONLINE: Hätten Sie in New York nicht mindestens ebenso tolle südafrikanische Studiomusiker finden können?

Simon: Ich wollte genau diese Musiker, die in Südafrika lebten. Und die wollten nicht nach New York reisen, nicht ihre vertraute Umgebung verlassen. Ich würde mich jederzeit wieder auf so ein Abenteuer einlassen. Aber ich würde es wohl ein wenig besser vorbereiten.

Das Interview führte Christoph Dallach


CD: Paul Simon: "Graceland - 25th Anniversary Edition" (Sony Music)

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insgesamt 25 Beiträge
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1. Einer der Allergrößten !
coyote38 10.06.2012
Mehr gibt's zu Paul Simon nicht zu sagen ... einer der Allergrößten !
2. Graceland ...
papene 10.06.2012
... kürzlich nach ewigen Zeiten wieder mal gehört. Erstaunlich gut gealtert. Doch, das bleibt im Archiv :)
3.
monckmann 10.06.2012
Graceland ist ein tolles Album, welches die Aufmerksamkeit bekommt, die es verdient. Man sollte, wenn man über Graceland spricht, aber auch Somewhere In Africa von Manfred Mann's Earth Band im Hinterkopf haben, welches sich schon drei Jahre vor Graceland mit der Situation in Südafrika auseinandergesetzt hat. Besonders interessanst ist dies, da Manfred Mann aus Südafrika stammt und erst mit ca. 20 Jahren nach England ging.
4.
warentrennstab 10.06.2012
Graceland ist eines der wenigen Alben, auf dem wirklich jedes Lied gelungen ist. Nach 25 Jahren immer noch genial.
5. Mehr als
allessollanderswerden 10.06.2012
Leider wird "das Besondere" am Werk Paul Simons hier in Deutschland viel zu wenig gesehen und beachtet. Er wird immer noch auf Simn & Garfunkel reduziert, obwohl alles, was danach kam, ganz ganz große Musik war und ist. Genau wie bei Graceland hatte Simon mit seinem hervorragenden Musical "The Capeman" gegen Political Correctness anzukämpfen. Eine Story über einen jugendlichen Mörder, der im Gefängnis zum beachteten Schriftsteller wurde - das war das letzte, was man am Broadway hören wollte. Leider. Paul Simon ist nicht "Feuerzeuge im Central Park", sondern ganz große Musik.
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Zur Person
  • DPA
    Paul Simon, 1941 in New Jersey geboren, ist einer der erfolgreichsten Songschreiber der Musikgeschichte. Als Teil des Duos Simon & Garfunkel gelang ihm 1965 mit dem Song "The Sound of Silence" der Durchbruch. Seit der Trennung 1970 verfolgt Simon Solopfade und beschäftigte sich unter anderem mit Weltmusik. Insgesamt gewann er im Verlauf seiner Karriere zwölf Grammys. Zuletzt erschien im April 2011 sein Album "So Beautiful or So What".

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