Interview mit Sabrina Setlur "Die Beziehung mit Boris war eine Grenzerfahrung"

Die Frankfurter Musikerin Sabrina Setlur, 29, sprach mit SPIEGEL ONLINE über ihr neues Album "Sabs", ihre Teilnahme als Jury-Mitglied bei "Popstars", ihre Affäre mit Boris Becker und ihren neuen Umgang mit den Medien.


Musikerin Setlur: "Dass man mich versteht, ist nicht mein erster Gedanke"
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Musikerin Setlur: "Dass man mich versteht, ist nicht mein erster Gedanke"

SPIEGEL ONLINE:

Frau Setlur, zwischen Ihrer neuen und der letzten CD liegen vier Jahre. Hatten Sie Probleme, sich zu motivieren?

Setlur: Nein, ganz sicher nicht. Es gab so viele Gefühle in mir, die raus mussten. Mir geht's beim Schreiben oft so, dass ich mich vor meiner eigenen Ehrlichkeit erschrecke. Aber das ist ja mein Ventil, mich zu therapieren. Andere Menschen töpfern, ich schreibe. Und je ehrlicher ich bin, desto besser und freier fühle ich mich anschließend auch.

SPIEGEL ONLINE: Fühlen Sie sich mit Ihren Texten oft missverstanden?

Setlur: Ich weiß ja, wie ich es meine. Dass man mich versteht, ist nicht mein erster Gedanke und auch nicht meine Aufgabe. Sollen die Leute doch selbst meine Titel interpretieren. Gefühle sind etwas so Abstraktes. Das, was man fühlt, in Worte zu fassen, ist ungeheuer schwer, da wird man zwangsläufig auch oft missverstanden.

"Echo"-Gewinnerin Setlur (1999 in Hamburg): "Einfach direkt in die Fresse"
REUTERS

"Echo"-Gewinnerin Setlur (1999 in Hamburg): "Einfach direkt in die Fresse"

SPIEGEL ONLINE: Sie gelten als "Riot Girl" der deutschen Musik, also als jemand, der eine gewisse Wut braucht, um Musik zu machen. Das neue Album ist mit Ihrem Spitznamen "Sabs" betitelt. Wollen Sie dem Hörer zeigen, dass Sie auch eine sanfte Seite haben? Ein Spitzname ist immerhin etwas sehr Persönliches.

Setlur: Daran denkt man gar nicht, wenn man ein Album betitelt. Für mich gab es diesen Gedanken nicht, irgendwo hin zu wollen oder an etwas anzuknüpfen. In erster Linie mache ich meine Musik für mich selbst, und ich wusste, dass ich diese Platte machen muss, damit es mir wieder gut geht. Dieses Album ist schneller als das letzte und nicht mehr so verspielt, einfach direkt in die Fresse. Mit diesem Album ist eine Lebensphase für mich abgeschlossen, das spiegelt jeder Song darauf wider. Dafür steht "Sabs".

SPIEGEL ONLINE: Ist "Sabs" also so etwas wie eine Abrechnung?

Setlur: Nein, das wäre zu krass. Ich habe verschiedene Emotionen, die ich in den letzten Jahren hatte, aufgeschrieben und verarbeitet. Ich rechne ja nicht mit meinem Leben ab, ich lerne mit jedem Schritt, mit jeder Minute dazu. Ich bereue nichts, was ich gemacht habe, auch meine Fehler nicht. Denn wie hätte ich sonst meine Lehren für die Zukunft aus ihnen ziehen können? Ich denke, dass es gut ist und man nichts bereuen sollte, was man in seinem Leben getan hat, sondern versuchen muss, alles Positive wie Negative zu reflektieren und daraus etwas für sein Leben zu gewinnen.

SPIEGEL ONLINE: Was haben Sie beispielsweise aus Ihrer Beziehung mit Boris Becker für die Zukunft gelernt?

Liebespaar Becker, Setlur: "Eine Grenzerfahrung"
DPA

Liebespaar Becker, Setlur: "Eine Grenzerfahrung"

Setlur: Diese Beziehung war für mich eine Grenzerfahrung. Ich stand plötzlich in der Zeitung, und zwar nicht wegen meines Jobs, sondern nur, weil wir zusammen waren. Ich bin den Umgang mit den Medien gewohnt, aber diese Episode war eine völlig neue Erfahrung für mich. Auf einmal wurden Dinge über mich geschrieben, die nichts mit meinem Job zu tun hatten. Ich war auf Tour, ich habe mit tollen Künstlern zusammen gearbeitet - warum schreibt darüber niemand? Aber plötzlich sind Menschen gekommen, die in meinem Leben rumkramen, vor meiner Haustür lauern und die Freunde befragen - das hat mich in seinen Ausmaßen sehr erschreckt. Auch, wie unfair man plötzlich behandelt wird. Ich habe da richtig einen Hass auf diese Menschen entwickelt, ich meine, ich habe ja kein Kind umgebracht oder vergewaltigt oder so etwas. Das hatte nichts damit zu tun, an was man glaubt und wofür man lebt. Ich wollte nur noch meine Ruhe haben.

SPIEGEL ONLINE: Hat dieser Trubel um Ihre Person Auswirkungen auf die gemeinsame Beziehung gehabt?

Setlur: Im Nachhinein bin ich mir nicht mehr sicher. Damals hatte ich zuallererst nur einen unheimlich großen Brass auf diese Menschen, die diese Unfairness schüren. Mir ist schon klar, dass ich ein Mensch der Öffentlichkeit bin, aber mit diesem ungeheuren Hype habe ich nicht gerechnet und ich konnte damit nur schwer umgehen. Mir war diese Konsequenz, mit der die Medien mit uns umgegangen sind, nicht bewusst. Das hat einfach nur genervt, wenn du mal deine Ruhe haben wolltest. Aber jetzt bin ich auch schon mal in diesen Schuhen gelaufen, das ist jetzt ein Teil meiner Vergangenheit. Ich bin seit dieser Zeit zum Kioskbeobachter geworden. Ich brauche mir nur die Titel der Blätter angucken - ich kann das jetzt alles ganz gut einordnen und weiß, was stimmt und was nicht. Ich habe mich gefragt, wann der erste schreibt, ich sei eine Drag Queen oder gar ein Mann oder ein Transvestit.

SPIEGEL ONLINE: Wie groß war damals Ihre Ohnmacht?

Setlur: Sehr groß, das war erschreckend. Aber es fuckt dich auch ab. Am meisten hat mich gestört, dass meine Familie und meine Freunde darunter sehr gelitten haben. Ich kann damit noch umgehen, wenn auf mir herumgetreten wird, ich bin da nicht zimperlich. Aber meine Familie sollte man in Ruhe lassen, das war wirklich zu viel.

Partygäste Setlur, Becker, Xavier Naidoo (2000 in Monte Carlo): "Das hat einfach nur genervt, wenn du mal deine Ruhe haben wolltest"
DPA

Partygäste Setlur, Becker, Xavier Naidoo (2000 in Monte Carlo): "Das hat einfach nur genervt, wenn du mal deine Ruhe haben wolltest"

SPIEGEL ONLINE: Hat Ihre Selbstbeherrschung auch als Jury-Mitglied bei der TV-Castingshow "Popstars" gelitten?

Setlur: Ja, ganz enorm. Aber ohne Selbstbeherrschung hätte ich gar nicht in diese Show gehen brauchen, obwohl ich oft genug von vielen Casting-Teilnehmern an die Grenze der Belastbarkeit und des Zumutbaren geführt wurde. Da waren Typen dabei, das hatte nichts mehr mit der Realität zu tun. Da sitzt man hinter diesem Tisch und fragt sich: Hat der Typ keine Freunde oder ein Familie, die ihm davon abraten, sich hier jetzt lächerlich zu machen? Wir haben uns oft verarscht gefühlt, so schlecht waren manche. Meine Eltern hätten das jedenfalls nie zugelassen, mich mit solch einem zum Teil drastisch mangelnden Talent zu einer Talentshow zu schicken. Aber sicherlich muss man auch den Mut der Kandidaten respektieren, sich vor so viele Menschen und Kameras hinzustellen. Außerdem gab es auch einige, von deren Talent ich begeistert war, die dann auch weitergekommen sind.

SPIEGEL ONLINE: Dieter Bohlen hat da weniger Probleme gehabt als Sie.

Setlur: Das zeichnet ihn auch als Mensch aus, wie wir inzwischen ja alle wissen. Ich bin niemand, der jemanden grundlos fertig machen muss.

SPIEGEL ONLINE: Was hat Sie als etablierte Sängerin gereizt, an dieser Show als Juror teilzunehmen?

Setlur: Ich wollte mal wissen, wie die Mechanismen funktionieren, wenn man von der anderen Seite kommt. Wie es so ist, wenn man so eine Sendung im Fernsehen sieht und denkt, der andere hätte doch weiterkommen müssen. Ich habe das nie so erlebt, ich kenne das nicht. Das Schöne am Casting war, dass ich mich für Menschen, die aus meiner Sicht Talent besaßen, einsetzen konnte. Mir taten nur die Leute leid, die man sympathisch und nett findet, wochenlang begleitet und dann doch nach Wochen nach Hause schicken muss. Das ging mir sehr an die Nieren.

SPIEGEL ONLINE: Man sieht es. Auf dem Plattencover von "Sabs" sehen Sie fast ungesund dürr aus. Haben sie sich in Ihrer Haut unwohl gefühlt?

Setlur: Nein. Veränderungen tun manchmal not. Außerdem finde ich die Frage uncharmant. Sie tun jetzt gerade so, als sei ich vorher ein Teil der Weather Girls gewesen.

Interview: Stéfan P. Dressel


Das Album "Sabs" (3p) wird am 3. November 2003 veröffentlicht



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