Interview mit Tom Waits: "Ich bin ein Rätsel"

Der amerikanische Sänger und Komponist Tom Waits, 52, über seine beiden neuen Alben, sein Image als melancholischer Trunkenbold und das Geheimnis seiner rauen Stimme

Musiker Waits: "An manche Songs muss man sich anschleichen wie ein Vogel"
DPA

Musiker Waits: "An manche Songs muss man sich anschleichen wie ein Vogel"

SPIEGEL:

Mr. Waits, Sie bringen nun gleich zwei Alben auf einen Schlag heraus ­ "Alice" und "Blood Money". Ist das nicht gegen alle ökonomische Vernunft?

Waits: Wieso? Das eine ist Huhn, das andere Fisch. Beide sind jetzt fertig, und bei beiden ist es wie in der Küche: Was gar ist, muss raus aus dem Ofen.

SPIEGEL: "Alice" dürfte schon ziemlich weich gekocht sein. Das Album geht auf das gleichnamige Musical zurück, das Sie vor zehn Jahren mit dem Regisseur Robert Wilson im Hamburger Thalia Theater uraufgeführt haben.

Waits: Die Songs stammen aus jenen Tagen, aber ich war nie im Studio mit ihnen. Meine Frau hat mich immer bedrängt, "Alice" aufzunehmen, und irgendwann habe ich nachgegeben. Es war ein wenig so, wie wenn man eine alte Kiste mit abgelegten Kleidern aufmacht, von der man nicht wusste, dass sie noch existiert. So hören sie sich auch an: wie ausgegraben.

SPIEGEL: Sie gelten als Perfektionist. Was passiert, wenn Sie sich wie jetzt im Studio über altes Material hermachen?

Waits: Songs verändern sich dauernd. Manche Songs möchten nicht aufgenommen werden, manche sind wirklich gemein. Das merkt man aber erst, wenn man dabei ist, sie im Studio einzufangen. An manche muss man sich anschleichen wie an einen Vogel. Manche Songs bringt man um während der Aufnahme, und was man dann hört, ist eine Leiche. Man muss einfach sehr vorsichtig sein.

SPIEGEL: "Alice" war damals bereits Ihre zweite Produktion in Hamburg. Gefällt Ihnen die Stadt so gut?

Waits: Regen. Kirchenglocken. Tauben. Alte Häuser. Züge. Ich bin nach Hamburg gekommen wegen Wilson. Mit ihm wäre ich auch nach Rumänien oder Korea gegangen.

Waits-CD "Alice": "Irgendwann habe ich nachgegeben"

Waits-CD "Alice": "Irgendwann habe ich nachgegeben"

SPIEGEL: Auch "Blood Money" basiert auf einer Produktion mit Wilson, der Musical-Version von Georg Büchners "Woyzeck", die vor anderthalb Jahren in Kopenhagen herauskam. Beide Alben sind fast durchweg akustisch instrumentiert und erinnern an die Theatermusik von Kurt Weill ...

Waits: Als ich diesen Vergleich das erste Mal hörte, habe ich Weills Musik gar nicht gekannt. Aber ich habe sie angehört, um herauszufinden, was die Leute meinen. Was ich an ihm mag, ist dieses: Er nimmt eine schöne Melodie und erzählt dir furchtbare Dinge. Ich hoffe, dass mir das auch gelingt.

SPIEGEL: An Düsternis herrscht in Ihren Songtexten sicher kein Mangel. Woher kommt diese dunkle Phantasie?

Waits: Wissen Sie: Ich bin ein Rätsel. Ich verstehe selbst nicht, was manche Songs bedeuten. Das ist der Trick beim Songschreiben: Du musst etwas in den Song einbauen, was dich auch selber später noch überrascht. Wenn es zu einfach ist, dann langweile ich mich damit. Es ist dasselbe wie mit Leuten.

SPIEGEL: Stört es Sie, dass Sie bis heute das Image des melancholischen Trinkers haben?

Waits: Viele Leute glauben, ich schlafe auf dem Billardtisch, stehe um drei Uhr mittags auf, schütte Whiskey in meine Cornflakes, habe keine Zähne im Mund und immer Laub im Haar. Was soll ich dazu sagen? Das ist eine Geschichte und nicht mehr. Es verletzt mich nicht.

SPIEGEL: Sie haben dieses Image ja auch selbst kreiert.

Theatermacher Wilson, Waits in Dänemark: "Mit ihm wäre ich auch nach Korea gegangen"
AP

Theatermacher Wilson, Waits in Dänemark: "Mit ihm wäre ich auch nach Korea gegangen"

Waits: Man braucht schließlich eins. Fast alle Images sind erfunden und kultiviert, und das meiste dabei ist heiße Luft. Diese Zerrspiegel und Kartenspielertricks sind reine Ablenkungsmanöver. Ich nehme das nicht so wichtig. Ich bin kein Kinostar, der sein neues Gebiss und sein neues Gesicht alle drei Wochen auf den Titelbildern herumzeigt. Ich mache Musik und arbeite nicht dauernd an meinem Image.

SPIEGEL: Und wie viel an Ihrem Image ist nun echt?

Waits: Was weiß ich? Ich habe jedenfalls seit neun Jahren keinen Drink angerührt.

SPIEGEL: War es schwer aufzuhören?

Waits: Das war ein Klacks. Zu trinken war viel schwerer.

SPIEGEL: Damals sangen Sie "I don't have a drinking problem, except when I can't get a drink".

Waits: Ach, das habe ich irgendwo auf dem Klo gelesen.

SPIEGEL: Wie ist es mit Zigaretten?

Waits: Auch da kommen Sie viel zu spät: Ich rauche schon eine Ewigkeit nicht mehr.

SPIEGEL: Tut es weh, so zu singen wie Sie?

Waits: Nein.

SPIEGEL: Woher hat Ihre Stimme diesen kratzigen, rauen Klang?

Wilson/Waits-Musical "Woyzeck" in Kopenhagen: "Schöne Melodien, furchtbare Dinge"
DPA

Wilson/Waits-Musical "Woyzeck" in Kopenhagen: "Schöne Melodien, furchtbare Dinge"

Waits: Ich habe in die Kissen geschrien. Im Ernst: Deine Stimme ist deine Stimme. Ab 40 hast du das Gesicht, das du verdienst, und die Stimme, die du verdienst.

SPIEGEL: Sie schreiben seit einiger Zeit fast alle Songs zusammen mit Kathleen Brennan, die seit über 20 Jahren Ihre Ehefrau ist. Wie funktioniert das?

Waits: So, wie man alles miteinander teilt: Einer macht den Abwasch, der andere trocknet ab. Ich kratze ihren Rücken, sie meinen. Wir sind wie zwei Messer, die sich gegenseitig wetzen. Viele Leute sagen: Du bist verrückt. Ihr lebt zusammen, ihr liebt euch, ihr habt drei Kinder, und dann arbeitet ihr auch noch zusammen. Aber für mich ist das ganz natürlich. Kathleen hat großartige Ideen, und ich vertraue ihr grenzenlos. Sie ist eine phantastische Songschreiberin.

SPIEGEL: Ist es nicht ein Widerspruch, dass Sie in einem Familienidyll auf dem Land leben und trotzdem Songs über unerfüllte Liebe, Sehnsucht und Verzweiflung schreiben?

Waits-CD "Blood Money": "Ich verstehe selbst nicht, was manche Songs bedeuten"

Waits-CD "Blood Money": "Ich verstehe selbst nicht, was manche Songs bedeuten"

Waits: Ich finde das nicht seltsamer, als wenn jemand in der Stadt lebt und Country-Songs singt. Wenn man Musik macht, ist die innere Landschaft mindestens so wichtig wie die äußere.

SPIEGEL: Zwei Ihrer Kinder sind Teenager. Mögen sie die Musik ihres Vaters?

Waits: Meine Musik ist nicht ihre. Das darf auch nicht anders sein. Wenn meine Kinder dauernd meine Musik hören würden, würde ich sofort den Psychiater rufen. Für Teenager ist Musik ähnlich wichtig wie Kleidung, und ich bin für sie eher so was wie ein Rollkragenpulli.

SPIEGEL: Mögen Sie die Musik Ihrer Kinder?

Waits: Ich finde sie okay. Ich mag HipHop, Rap ­ alles, was mit Worten zu tun hat. Ich liebe Worte.

SPIEGEL: Hören wenigstens Sie sich manchmal Ihre alten Songs an?

Waits: Nein. Es ist dasselbe, wie wenn man sich alte Fotos von sich anschaut. Mögen Sie das? Man erschrickt: Hey, meine Ohren waren ja viel größer, als ich je gedacht hätte.

SPIEGEL: Ihre Fans lieben Sie gerade für die sanften, brüchigen Balladen, von denen auch Ihre neuen Alben bei aller Wildheit und Düsternis ein paar präsentieren. Fällt es Ihnen schwer, zwischen Liebes- und Schreckensliedern zu wechseln?

Waits: Überhaupt nicht. Mein Gehirn funktioniert einfach so. Ich habe immer schon das Erhabene neben das Irrsinnige gesetzt. Das ist Teil meiner Grundstörung ­ mal bin ich zynisch, mal klinisch.

Das Interview führte Marco Evers

Die Alben "Blood Money" und "Alice" (Anti/Epitaph Records) werden am 6. Mai 2002 veröffentlicht

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Musik
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2002
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Zur Startseite