Nine-Inch-Nails-Kopf Trent Reznor: "Plötzlich küssten mir alle den Hintern"

Trent Reznor: Spaßeshalber drogenfrei Fotos
AFP

Vom Koks zu den Kids: Früher hat er sich mit Drogen berauscht, heute ist Trent Reznor süchtig nach Kindern. Doch auch als Familienvater versucht der Nine-Inch-Nails-Kopf und Oscar-Gewinner, sich selbst und seiner Musik treu zu bleiben, wie er im Interview beteuert. Obwohl er 263 Jahre alt ist.

SPIEGEL ONLINE: Herr Reznor, für Ihren Soundtrack zu "The Social Network" haben Sie einen Oscar gewonnen. Was bedeuten Ihnen solche Preise?

Trent Reznor: Ich dachte nicht, dass sie mir etwas bedeuten würden, aber der Oscar hat mich doch berührt. Einfach, weil er so aus heiterem Himmel kam. Plötzlich sah es aus, als hätte ich da eine parallele Karriere - und plötzlich küssten mir alle den Hintern. Interessant zu sehen, wie viel dieser Preis den Leuten in der Filmindustrie bedeutet. In der Musik gibt es nur den Grammy, und der bedeutet einen Scheißdreck. Was soll das? Eigentlich schauen da nur ein paar Idioten, wer die meisten Platten verkauft hat, das war's.

SPIEGEL ONLINE: Noch vor zehn Jahren sagten Sie, Sie würden niemals für die Filmindustrie arbeiten wollen. Es wäre Ihnen zuwider, die Ideen anderer Leute auszuführen.

Reznor: Ja, das klingt wie etwas, das ich damals gesagt haben könnte.

SPIEGEL ONLINE: Warum haben Sie es doch getan?

Reznor: Weil ich dabei so viel lernen konnte. Das Level der Professionalität und das Level der Exzellenz der Leute, mit denen "Social Network"-Regisseur David Fincher sich umgeben hat, war einschüchternd. Ich musste mich da durchmogeln und so tun, als wüsste ich, was ich tue. Mein Partner Atticus Ross und ich, wir waren ja eben keine Profis. Also setzte ich mich erst einmal mit Hans Zimmer zusammen.

SPIEGEL ONLINE: Mit dem Filmmusiker?

Reznor: Er kann, was ich noch nicht konnte, also verbrachte ich Monate in seinem Studio. Wie hätte ich sonst etwas lernen sollen?

SPIEGEL ONLINE: Früher galten Sie ja als eher morbide Gestalt - Alkohol, Kokain, Exzesse. Heute sind Sie zweifacher Vater, haben eine Familie.

Reznor: Und ich bin gelassener als früher. Zuerst musste ich mir klarmachen: Okay, ich bin ein Süchtiger. Mein Hirn ist nicht so verkabelt wie das anderer Leute. Dann dachte ich eine Weile: Hey, ich mache das auf meine Weise. Das klappte natürlich nicht. Also Entzug und dieser Mist, und Entzug ist alles andere als eine angenehme Erfahrung. Das hat mich gedemütigt, aber auf eine gute Weise. Ich lernte als Vater erst mal zuzuhören, statt selbst zu reden. Und dass meine Karriere nicht ganz so wichtig ist wie, beispielsweise, am Leben zu bleiben.

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SPIEGEL ONLINE: Hat Sie das auch als Künstler verändert?

Reznor: Der kreative Prozess ist mir immer ungeheuer schwergefallen. Als mir dann meine schöpferische Seite nicht mehr so wichtig war, habe ich irgendwann versucht, spaßeshalber mal ohne Drogen kreativ zu sein. Wider Erwarten hat das hervorragend geklappt. Heute kann ich Musik veröffentlichen, und es ist mir völlig egal, was die Leute davon denken - weil es eben Wichtigeres gibt.

SPIEGEL ONLINE: Und das ist die Familie?

Reznor: Ich muss mich immer zurückhalten, wenn es um dieses Thema geht.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Reznor: Weil alles, was aus meinem Mund kommt, wahrscheinlich so schrecklich klingt wie das, was mir die Leute mit Kindern früher immer erzählt haben. Ich habe dann gelangweilt abgewunken: "Interessiert mich nicht, Mann, Kinder stinken!" Nun habe ich selbst so kleine Stinker und liebe sie auf eine Weise, zu der ich vorher niemals fähig war. Plötzlich geht es nicht mehr um mich. Sondern um diese Kinder. Das ist neu. Und vielleicht hat das mit einer gewissen Reife zu tun, mit dem Erwachsenwerden, keine Ahnung. Ich weiß jetzt, wie kostbar unsere knappe Zeit ist. Wir dürfen sie nicht vertrödeln.

SPIEGEL ONLINE: Klingt fast nach Altersweisheit. Sie sind jetzt wie alt genau? 48, 49?

Reznor: 263.

SPIEGEL ONLINE: Spüren Sie das schon?

Reznor: Bevor ich diese Platte aufnahm und auf Tour ging, hatte ich mich selbst gefragt: Soll ich versuchen, mich in mein Outfit vom letzten Mal zu zwängen? Soll ich so tun, als wäre ich noch 28? Werde ich gerade zu Gene Simmons von Kiss?

SPIEGEL ONLINE: Und?

Reznor: Ich habe erkannt, was die einzige Sache ist, in der ich jemals wirklich gut war: Integrität. Ich war immer, wenn man so will, ehrlich in meiner Musik, beim Schreiben. Als Person kann man mich schrecklich finden, klar. Aber ich habe niemals versucht, eine andere Person zu sein. Ich bin ich. Diese Platte, das bin ich. Und so lange sich das gut anfühlt, so lange fühle ich mich noch nicht zu alt für den Scheiß.

SPIEGEL ONLINE: Kennen Sie Simon Reynolds' Buch "Retromania"?

Reznor: Ich habe es nicht gelesen, aber davon gehört.

SPIEGEL ONLINE: Darin beklagt der Autor, Musik heute wäre nur ein Aufguss früherer Musik.

Reznor: Und woran liegt das? Irgendein gesellschaftliches Phänomen, ein Unbehagen? Nostalgie? Ein Mangel an eigener Identität, weil wirklich prägende Eindrücke schon Jahrzehnte zurückliegen?

SPIEGEL ONLINE: Sie haben das Buch doch gelesen!

Reznor: Nein, aber ich verstehe das. Ich weiß nicht. Ich höre etwas in meinem Kopf und versuche, es in Ihren Kopf hineinzubekommen.

SPIEGEL ONLINE: Kann Virtuosität dabei helfen?

Reznor: Heute ist Technik ein Werkzeug, keine Notwendigkeit. Es ist toll, wenn jemand ein Instrument exzellent spielen kann. Aber wen interessiert das? Es war ein intellektuelles Vergnügen, einen Gitarristen wie Lindsay Buckingham zu engagieren und ihm zuzuhören. Aber jemand, der sein Instrument "phantastisch beherrscht"? Das interessiert mich einen Scheißdreck. Ich sitze lieber am Rechner, löse Klangsteinchen aus dem Kontext und setze sie woanders wieder ein.

SPIEGEL ONLINE: Wann wissen Sie, dass die Arbeit getan ist, dass es jetzt gut ist?

Reznor: Als ich anfing, war das eine der härtesten Fragen. Ich glaube, es hat mit Selbstvertrauen zu tun. Es ist eben nicht Mathematik, wo ich nach längeren Kalkulationen zu einem Ergebnis und damit zu einem Ende komme - das so lange gilt, bis das Ergebnis widerlegt ist. Die Reinheit dieses Vorgangs hat mich immer begeistert. In der Kunst geht das nicht: "Gut, aber… Könnte es nicht besser sein?" Wahrscheinlich könnte es das. Trotzdem: Fertig ist es dann, wenn es sich so anfühlt. Und wenn alle Alternativen erforscht und verworfen sind.

SPIEGEL ONLINE: Macht es noch Freude, jeden Abend auf der Bühne zu stehen?

Reznor: Neulich spielten wir beim Pukkelpop-Festival in Belgien vor Eminem. Naja. Und da standen wir, es war noch nicht ganz dunkel, vor einem Meer aus Eminem-T-Shirts und völlig leeren, ratlosen Gesichtern. Es hat natürlich nicht funktioniert, und das merkte ich bereits auf der Bühne. Und da fragte ich mich schon: Warum tue ich mir das eigentlich an? Das muss nicht mehr sein. Die Leute müssen nicht mögen, was ich mache, auch wenn das jetzt elitär klingt.

SPIEGEL ONLINE: Aber wie bringt man mit 263 Jahren noch Songs rüber, die man als Twentysomething geschrieben hat?

Reznor: Ich habe vor der Tour eine Liste von Songs gemacht, von denen ich mir vorstellen konnte, sie noch zu singen. Bei anderen Songs war klar, dass ich das nicht mehr bringe. Bei den Proben stellte sich dann heraus, dass ich beim Singen mancher Titel darüber nachdachte, was ich vor zwei Tagen zu Mittag gegessen hatte. Das ging also auch nicht. Andere Songs veränderten sich wie von selbst, so dass ich sie wieder singen konnte. Abgesehen davon macht sich mein Alter natürlich bemerkbar. Also war ich oft im Kraftraum, damit mich die physischen Einschränkungen nicht allzu sehr behindern.

SPIEGEL ONLINE: Und psychisch? Wie viel Schauspielerei ist nötig?

Reznor: Es tut mir immer noch weh, "Hurt" zu spielen. Wäre ich mir selbst überlassen, ich würde mich mit diesem Text und der Haltung dahinter nicht auseinandersetzen. Auf der Bühne muss ich es tun, und ich wachse in den Song hinein, während der Song wiederum Besitz von mir ergreift. So gesehen - vielleicht ist das Schauspielerei. Aber immerhin ist es Method-Acting.

Das Interview führte Arno Frank

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insgesamt 6 Beiträge
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    Seite 1    
1. Fazit?
GSYBE 14.09.2013
Der Mensch TR ist nun sympathischer und das neue Werk - zumindest was hier angespielt werden konnte - ist auf dem Weg zur Beliebigkeit. Auch `How To Destroy Angels´ (Projekt mit seiner Frau) kommt nicht so richtig vom Fleck. Aber im Angesicht seines musikalischen Schaffens per dato kann ihm eh niemand an´s Bein pinkeln.
2. selten
Martinaalanya 14.09.2013
so ein interessantes Interview gelesen. Obwohl ich Interviews eigentlich gar nicht mag. Weder schreiben noch lesen. Gute Fragen, interessante Antworten.
3. ständiger Wandel
nuthgeb 14.09.2013
Bin seit laaangem NIN Fan. Mich hat Trents Introvertiertheit und Nachdenklichkeit immer fasziniert ... erfrischend gegenüber der teilweise doch recht deutlichen leeren Extrovertiertheit seiner Zöglinge wie Marilyn Manson. Seine Musik ist zwar nicht mehr ganz so innovativ klanggewaltig wie früher. Aber der Mensch hinter dem klanggewordenen Schmerz ist immer noch ein Faszinosum!
4. Sehr aufschlussreich
cybernic 14.09.2013
so werden sie also, die wilden Jungs, wenn sie eine Familie gründen. Bitter und verlogen auf den ersten Blick, dann aber auch wieder ganz natürlich. Übrigens war TSN nicht der erste Score, den TR fertigte. Unvergessen ist seine Zusammenarbeit mit Oliver Stone für "Natural Born Killers".
5. The Downward Spiral
doppelpost123 14.09.2013
Zitat von sysopVom Koks zu den Kids: Früher hat er sich mit Drogen berauscht, heute ist Trent Reznor süchtig nach Kindern. Doch auch als Familienvater versucht der "Nine Inch Nails"-Kopf und Oscar-Gewinner sich selbst und seiner Musik treu zu bleiben, wie er im Interview beteuert. Obwohl er 263 Jahre alt ist. Interview mit Trent Reznor von Nine Inch Nails - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/musik/interview-mit-trent-reznor-von-nine-inch-nails-a-919584.html)
Ich würde so gerne mal The Downward Spiral an einem Stück live sehen. Die DVD ist der absolute Hammer! Viele andere Alben sind mir dann doch zu "elektronisch".
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Zur Person
  • AP
    Er ist ein Rock-Idol, reüssiert auch als Soundtrack-Komponist (Oscar für "The Social Network") - und tourt mit dem neuen Album "Hesitation Marks": Trent Reznor, selbstquälerischer Kopf des Industrial-Projekts Nine Inch Nails. In den Neunzigern vertrieb er Platten des legendären Warp-Labels in den USA. "Ich komme aus dem ländlichen Pennsylvania und hatte nie etwas von Neu! oder so gehört. Mich hat die Synthie-Pop-Explosion der Achtziger voll erwischt, Human League, Thompson Twins." Für die Idee, elektronische Musik einem breiten Publikum schmackhaft zu machen, "wurden wir zuerst von der Bühne gebuht, auch damals, als wir hier in Deutschland im Vorprogramm von Guns N' Roses spielten. Die Leute warfen uns vor, Schwulenmusik zu spielen, was immer das sein soll - nur weil wir einen Synthesizer auf der Bühne stehen hatten."