Interview mit Wir sind Helden "Wir wollen neben dem System spazieren"

Wir sind Helden gelten als Blaupause für erfolgreiche deutsche Nachwuchsbands. Nach dem erfolgreichen Debüt veröffentlicht die Berliner Formation nun ihr zweites Album "Von hier an blind". Frontfrau Judith Holofernes sprach mit SPIEGEL ONLINE über Todesängste, Interviews in Frauenzeitschriften und Epigonen wie Silbermond.


Popband Wir sind Helden: "Wir wollen nicht die Alpha-Männchen sein"

Popband Wir sind Helden: "Wir wollen nicht die Alpha-Männchen sein"

SPIEGEL ONLINE:

Frau Holofernes, in einer Presse-Erklärung zu Ihrem neuen Album weisen Sie darauf hin, dass die neue Platte "Von hier an blind" keine Konsumkritik enthält. Warum mussten Sie das extra betonen?

Holofernes: Das hat mit den Reaktionen auf unsere erste Platte zu tun. Wir wurden sehr stark über den Bezug Konsum- und Medienkritik wahrgenommen. Und es stimmt: Bei der letzten Platte habe ich mich dafür interessiert, wie vorgegaukelte Glücksversprechen uns unfrei machen. Das interessiert mich immer noch, aber der Blickwinkel hat sich verschoben.

SPIEGEL ONLINE: Was ist denn stattdessen in den Vordergrund gerückt?

Holofernes: Ich habe mich gefragt, was mich tief im Inneren davon abhält, glücklich zu sein.

SPIEGEL ONLINE: Und zu welchem Ergebnis sind Sie gekommen?

Holofernes: Das sind Ängste - im Kern ist das die Todesangst. Alle Zukunftssorgen haben die Funktion, sich selbst in die Zukunft zu projizieren. Man verbreitet ein geschäftiges Summen um sich und schreibt so die eigene Existenz fest.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt jetzt aber sehr morbide. Angesichts des enormen Erfolgs Ihres Debüt-Albums "Die Reklamation" könnten Sie doch eigentlich gelassen in die Zukunft sehen.

Wir sind Helden, Sängerin Holofernes, r.: "Wir rücken von überhaupt nichts ab"
DPA

Wir sind Helden, Sängerin Holofernes, r.: "Wir rücken von überhaupt nichts ab"

Holofernes: Wir genießen den Erfolg - aber eben unter der Voraussetzung, dass er vergänglich ist. Er bewegt sich in einem Spektrum, das wir nicht kontrollieren können. Die einzige Sicherheit, die uns alle verbindet, ist der Tod. Egal wie wichtig ich mich mache, heute Abend kann mir ein Ziegelstein auf den Kopf fallen.

SPIEGEL ONLINE: Bisher feierte man Wir sind Helden vor allem als Vertreter einer neuen, kritischen Linken. Rücken Sie mit dem aktuellen Album, das mehr von privaten Befindlichkeiten handelt, bewusst davon ab?

Holofernes: Wir rücken von überhaupt nichts ab. Wir sind glücklich mit allem, was wir zur letzten Platte sagen konnten. Aber wir müssen uns auch mit anderen Dingen beschäftigen dürfen.

SPIEGEL ONLINE: Spielt Politik denn für Wir sind Helden überhaupt noch eine Rolle?

Frontfrau Holofernes: "Wir haben ein Schnupper-Praktikum absolviert"
DDP

Frontfrau Holofernes: "Wir haben ein Schnupper-Praktikum absolviert"

Holofernes: Ja. In einer Zeitschrift habe ich vor kurzem einen Artikel gelesen, in dem das Ende der Globalisierungskritik ausgerufen wurde. Ich war einen Moment erschrocken, habe das überprüft und festgestellt, dass es nicht stimmt.

SPIEGEL ONLINE: Woran haben Sie das denn gemerkt?

Holofernes: Alle Menschen, die ich kenne, sehen die Kritik als lebensbegleitende Selbstverständlichkeit. Man weiß, woher die Sachen stammen, die man kauft. Man hat einen skeptischen Blick auf Medien und deren Glücksversprechen. Man spürt eine Sehnsucht nach Glück - und weiß, wo es nicht zu finden ist.

SPIEGEL ONLINE: Im vergangenen Jahr haben Sie die von Ihnen gerne kritisierten Massenmedien ja etwas besser kennen gelernt.

Holofernes: Wir haben ein Schnupper-Praktikum absolviert. Wir werden uns jetzt aber dank des beinahe versehentlichen Erfolges nicht formatkonform gebärden. Natürlich stoßen auch wir auf Ecken und Enden. Das ist natürlich frustrierend, zum Teil aber auch erheiternd.

SPIEGEL ONLINE: Was hat Sie frustriert?

Neue Helden-CD "Von hier an blind": "Wir müssen uns auch mit anderen Dingen beschäftigen dürfen"

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Holofernes: Man erkennt die Charts als System, das sich an allen Enden gegenseitig füttert. Sie bilden Verkaufszahlen ab, die belegen, dass es nur noch einen Bruchteil der Bevölkerung interessiert, Platten zu kaufen. Das Ergebnis wird aber für eine Viva-Rotation wichtig und steuert weitere Platzierungen. Da erscheinen die Promotion-Zwänge als völlig nichtig. Wir wollen glücklich neben diesem System spazieren - aber ohne Berührungsängste.

SPIEGEL ONLINE: Ist Ihnen das auch noch gelungen, als Sie nach drei gewonnenen Echos im vergangenen Jahr von Moderatorinnen des Klatsch- und Tratschfernsehens umschwärmt wurden?

Holofernes: Das war eine schwierige Situation. Irgendwie war es vage 'Bäh', aber ich kann nicht genau sagen, warum. Aber ich will mich auch nicht verhärten. Eine Glorifizierung des Indie-Chic kommt für uns nicht in Frage. Wir wägen aber zum Beispiel lange darüber ab, ob wir Frauenzeitschriften Interviews geben. Oder der Teenie-Presse. Wir können alles nicht leiden, was eine deutliche Glamour-Boulevard-Konnotation besitzt. Leider gibt es in fast allen Zeitschriften heute so einen Aspekt

Popband Juli (im Februar beim Bundesvision Song Contest): "Wir greifen niemanden an"
DPA

Popband Juli (im Februar beim Bundesvision Song Contest): "Wir greifen niemanden an"

SPIEGEL ONLINE: Mit der Fülle neuer Bands, die auf Deutsch singen, wird auch ein neuer Pop-Patriotismus propagiert. Wie stehen Sie dazu?

Holofernes: Das ist nicht unser Bezugsfeld. Wir definieren uns verblüffend wenig über die deutsche Sprache, geschweige denn über die deutsche Identität. Ich schreibe auf Deutsch, weil ich es einfach besser kann. Punkt.

SPIEGEL ONLINE: Wie bewerten Sie denn die aktuellen Versuche, eine neue deutsche Pop-Identität zu stiften?

Holofernes: Wir sehen das Naive und manchmal Dumme daran. Da bekommen Bands das Feedback, das sie sich aufgebürdet haben. Auf der anderen Seite sehen wir die Hysterie der Presse - die sich die Sandale ausgezogen hat und auf eine Band wie Mia einkloppt, als hätten sie eine Kakerlake in der Küche gefunden.

SPIEGEL ONLINE: Und was halten Sie von jungen Bands wie Silbermond und Juli, die nach Ihrem Erfolg das Konzept "Rockband mit Sängerin" kopieren?

Holofernes: Wir greifen niemanden an, weil vielleicht eine Ähnlichkeit vorhanden ist. Es ist genug Platz für alle da. Wir empfinden uns selbst noch als Newcomer und wollen nicht die Alpha-Männchen sein, die den Nachwuchs totbeißen.

Das Interview führte Ulf Lippitz



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