SPIEGEL ONLINE: Mr Gibbons, Ihr Weihnachtsmannbart ist sehr schön. Er sorgt aber sicher auch dafür, dass Sie oft erkannt werden. Nervt Sie das?
Gibbons: Gerade habe ich erst mit meinem Lieblingsbassisten Dusty über dieses Thema gesprochen, der ja auch mit so einem Parade-Bart durchs Leben stolziert, und ebenfalls bei dieser Band namens ZZ Top an Bord ist. Der stellte jedenfalls neulich ganz richtig fest, dass wir zwei eigentlich nur in der Weihnachtszeit ungestört herumlaufen können. Denn da würdigt uns ausnahmsweise mal kein Mensch eines längeren Blickes. Deshalb liebe ich Weihnachten auch über alles. Es gibt sogar lustige Bilder von mir in einem roten Weihnachtsmannkostüm.
SPIEGEL ONLINE: Beneiden Sie manchmal Ihren bartlosen Schlagzeuger?
Gibbons: Frank Beard trägt den Bart ja immerhin in seinem Namen. Aber Sie haben wohl recht, er ist mindestens ein so großer Denker wie Musiker, denn den Stress, dem ich und Dusty ausgesetzt sind, umging er lässig, als er sich gegen die auffällige Haarpracht entschied. Seiner sehr umsichtigen Entscheidung verdankt er den Luxus, auch jenseits der Weihnachtsfeiertage unerkannt durch jede Shopping-Mall der Welt spazieren zu können.
SPIEGEL ONLINE: Verraten Sie uns doch bitte Ihr bestes Weihnachtsgeschenk.
Gibbons: Meine erste Gitarre, die ich bis heute besitze. Ich war dreizehn und hatte auf meinen Wunschzettel genau zwei Sachen geschrieben: Ein Schlagzeug und eine elektrische Gitarre. Der richtige Wunsch wurde erfüllt.
SPIEGEL ONLINE: Ihr Vater und Ihr Onkel arbeiteten erfolgreich als Musiker in Hollywood. Nun sind Sie selbst seit einiger Zeit in einer Dauergastrolle in der US-TV-Serie "Bones" zu sehen. Ist Schauspielerei Ihre heimliche Liebe?
Gibbons: Sie macht mir vor allem gute Laune. Der Erfinder von "Bones" ist ein großer Musikfan, der von Beginn an sagte, dass er probieren will, viele seiner Idole in seiner Serie unterzubringen. Das war nicht schwierig, denn letztlich will ja auch jeder Rocker mal ins Fernsehen. Wer weiß? Vielleicht übernehme ich sogar noch mal eine andere Rolle.
SPIEGEL ONLINE: Nach neun Jahren Auszeit ist vor kurzem Ihr aktuelles Album "La Futura" erschienen. Was haben Sie denn so lange gemacht?
Gibbons: Mit Interesse verfolgt, wie die Musikindustrie dem Abgrund entgegenstolpert. Die massiven Veränderungen unserer Branche haben wir als Band sozusagen von der Seitenlinie aus beobachtet. Es war ja keine Auszeit vom Musikmachen. Wir sind regelmäßig aufgetreten, es war nur nicht klar, ob sich noch die Mühe lohnt, eine neue Platte anzugehen. Aber nach fünf Jahren skeptischen Beobachtens wurde es mir zu langweilig, und ich freute mich richtig auf die Arbeit an dem neuen Album. Bei mir liegt immer noch so viel Material herum, dass ich damit locker vier Solo-Alben füllen könnte.
SPIEGEL ONLINE: Es wurde viel Wirbel um die Zusammenarbeit mit Rick Rubin gemacht. Wozu brauchen alte Profis wie ZZ Top überhaupt so einen Produzenten-Guru?
Gibbons: Ein Blick von außen kann manchmal Wunder wirken. Wenn wir im Studio vor uns hinspielen, und Rick Rubin lauscht und plötzlich sagt: "Das gefällt mir. Spielt das nochmal", ist das toll. Aber wenn er streng wird und uns auffordert: "Und noch mal. Und noch mal!", nervt das manchmal. Das Problem ist: Wir sind faul. Wenn ein neuer Song im Studio beim ersten Versuch okay klingt, sagen wir: "Weltklasse, oder?" Und Rick antwortet: "Geht so. Noch mal!" Leider hat er immer recht.
SPIEGEL ONLINE: Rubin hat sein Studio am Strand in Malibu, er ist begeisterter Surfer. Sie angeblich auch. Stimmt das?
SPIEGEL ONLINE: Die Musik von ZZ Top gilt als eine Art Soundtrack für Ihren Heimatbundesstaat Texas. Könnten Sie dieselben Songs schreiben, wenn Sie in Paris, Rom oder Berlin lebten?
Gibbons: Technisch gesehen wäre das kein Problem, aber etwas Entscheidendes würde fehlen. Sie müssen verstehen, dass Texas nicht irgendein amerikanischer Bundesstaat ist. Zumindest für Texaner ist Texas ein eigenständiges Land, ein sehr besonderes Fleckchen Erde, das sich - auch meines Erachtens! - vom Rest der USA massiv unterscheidet. Ich werde oft gefragt, was denn nun so toll an Texas ist - und ich kann es nie erklären. Ich weiß einfach nur, dass da etwas ist.
SPIEGEL ONLINE: Wie weiß sind eigentlich Weihnachten in Texas?
Gibbons: Natürlich gar nicht. Es gibt keinen Schnee in Texas. Als wir 1980 nach Deutschland kamen, sahen wir zum ersten Mal in unserem Leben Weihnachtsmärkte und waren schwer begeistert: Glühwein! Lebkuchen! Spekulatius! Ich liebe das alles. Und vor allem Weihnachtsteddybären in rosa sind der Hit. Zu Weihnachten hole ich seitdem immer meinen deutschen rosa Weihnachtsteddy aus dem Schrank!
SPIEGEL ONLINE: Auf Ihrer Webseite verkaufen Sie Ihre eigene Steaksauce. Zu Weihnachten tischen Sie also Steak auf.
Gibbons: Nein. Ich liebe Steak. Aber meine Weihnachtsspezialität sind Guacamole und Texmex-Enchiladas. Ich könnte Ewigkeiten mit dem Einkaufen frischer Zutaten verbringen. Kochen ist ja letztlich nicht viel anders als einen Song zu schreiben: Man braucht die richtigen Zutaten und ausreichend Zeit, um sie zusammenfügen zu können, damit am Ende etwas Brauchbares dabei herauskommt. Und für all solche feinen Dinge hat man Weihnachten endlich mal ausreichend Zeit.
Das Interview führte Christoph Dallach
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