Interviewband über die Hamburger Schule Klassenkeile von den Mädchen

Die Hamburger Schule - das sind doch vor allem "Jungsbands" wie Tocotronic oder Blumfeld. Oder etwa doch nicht? Ein Interviewband zeigt den Anteil, den Musikerinnen an der Szene hatten. Eine späte, aber wichtige Würdigung der Frauen in der legendären Hamburger Szene.

Von Kendra Eckhorst


Deutsch singen ohne in die kitschige Welt des Schlagers oder ins Pathos des Deutschrock abzudriften - das war die Idee einer Gruppe junger Wilder, die Anfang der neunziger Jahre von der Elbe aus neue musikalische Akzente setzte und später "Hamburger Schule" genannt werden sollte. Alltagsbeobachtungen und Gesellschaftskritik gingen hier eine teils ironische, teils wütende Verbindung ein.

"Was nehm ich mit, wenn es Krieg gibt", hieß zum Beispiel ein Song der Frauenband Die Braut haut ins Auge aus dem Jahr 1995, in dem mal eben die existentielle Frage nach dem richtigen Leben gestellt wurde.

Neben der "Braut" musizierten, feierten und diskutierten noch viele Frauen in der Hamburger Schule mit. Doch im Rückblick verschwinden sie meist hinter den tonangebenden "Jungsbands" wie Tocotronic, den Sternen oder Blumfeld. Diesen Missstand versucht die Interviewsammlung "Lass uns von der Hamburger Schule reden" (Ventil-Verlag) nun zu beheben und breitet die vergessene Geschichte der Musikerinnen in der Szene aus.

Entstanden ist der kleine Band im Rahmen eines Seminars an der Universität Bremen. Die späteren Herausgeber Jochen Bonz, Juliane Rytz und Johannes Springer näherten sich mit ihren Studierenden der Hamburger Schule als popkulturellem Phänomen. Sie schreiben, wie es im Untertitel heißt, "Eine Kulturgeschichte aus der Sicht weiblicher Beteiligter" und lassen zehn Protagonistinnen dieser Zeit zu Wort kommen: Almut Klotz von den Lassie Singers, die verschmitzt als Mutter der Hamburger Schule eingeführt wird, Bernadette La Hengst, früher Sängerin von Die Braut haut ins Auge oder Ebba Durstewitz von JaKönigJa. Aber auch die Frauen hinter den Kulissen, die die Geschicke der Szene als Bookerinnen, Labelbetreiberinnen oder Journalistinnen maßgeblich mitbestimmt haben, erzählen von ihrem Verhältnis zum Klüngel Hamburger Schule.

Männer reden lieber mit Männern

Wie war das damals in Hamburg Anfang der neunziger Jahre? Zwischen Golden-Pudel-Club und Heinz Karmers Tanzcafé fand man sich zusammen und brachte eine eigene Sprache hervor, die auf Konzerten, Partys und bei Thekengesprächen geschliffen wurde. Oder wie die journalistische Begleiterin der Szene Katha Schulte es formuliert: "Abends auszugehen und einen draufzumachen war die Hauptbetätigung. Außerdem die Auseinandersetzung mit Sachen, bei mir waren das Filme und Musik, und die Frage was hat das mit mir zu tun."

Arbeit, Freizeit und eigener Anspruch lagen dicht beieinander und bestimmten das Lebensgefühl, wie auch die Geschichte von Charlotte Goltermann zeigt. "Du kannst die Promo-Tussi werden", krächzt es nach einer durchfeierten Nacht durch ihr Telefon. Sie zog nach Hamburg, stieg in das Label Ladomat 2000 ein, das zugleich ein Treffpunkt war, an dem Bands ihre Postfächer hatten und abhingen. Weniger kommerzielle Verwertbarkeit denn alternative musikalische und ästhetische Ausdrucksformen standen im Vordergrund und schweißten ein Szenenetz.

So malen viele der Interviewten ein diskussionsfreudiges, enges und auch offenes Bild der Hamburger Schule. Dieser Eindruck verschiebt sich aber, sobald Fragen nach Anerkennung, Wahrnehmung und Unterstützung des eigenen Schaffens gestellt werden. Die ehemalige Mitstreiterin des Szenelabels L'Age D'Or Myriam Brüger bemerkt lapidar, "dass es in der Hamburger Subkultur Männer gibt, die eher mit Männern reden als mit Frauen, ist keine besondere Sache". Bei der ehemaligen "Braut"-Sängerin Bernadette La Hengst klingt es verärgerter: "Die meisten haben uns einfach ignoriert, kamen nicht auf die Konzerte und haben sich die Platten gar nicht erst angehört."

Für Gejammer ist allerdings kein Platz in dieser weiblichen Kulturgeschichte. Vielmehr dokumentiert sie Geschichten, die die Fülle, Breite und das Aufregende dieser Zeit beschreiben. Daneben ergänzen sie die offizielle Chronik der Hamburger Schule und thematisieren die verschiedenen Strategien von Frauen in der Szene. Vehement und laut "hier" zu schreien, war für einige ein gangbarer Weg, andere zogen sich eher zurück.

Dennoch blieben alle Protagonistinnen der Szene verbunden. In den persönlichen Interviews erinnern sie sich mal ironisch, mal kämpferisch an ein Stück Zeitgeschichte, in der Popmusik sich politisierte und schreiben sich hinein - in die Hamburger Schule, die mehr als ein "Problem des dezidierten Geschmacks" war, so wie es Ebba Durstewitz' Ja König Ja in einem Song formulierten.



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rastapopulos 08.11.2011
1. jungs/mächden
Die Spiegel-Rezensentin unterstellt einer der Protagonistinnen aus einem -hoffentlich redigiertem - Text heraus eine lapidare Haltung. Ressentiment No 1 die Überschrift: "Klassenkeile von den Mädchen". Hier werden komplexe und sicherlich ausformulierte Positionen heruntergedimmt auf Mädchen die Jungs und Jungs die Mädchen. Peinlich: Fotostrecke. Fotos von Frauen? Ham wer nich, nehmen wir noch welche von gängigen den "Jungsbands". Das Tocotronic-Foto ist von Myriam Brüger und nicht von Gianni Occhipinti.
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