Solowerk von Irmin Schmidt Blaupausen für Bowie

David Bowie, Joy Division, Portishead: Irmin Schmidt beeinflusste mit seiner Krautrock-Band Can die moderne Popmusik. Seine ebenso aufregenden Solowerke wurden jetzt neu veröffentlicht.

Von

Mute Records

Irmin Schmidt liebt die Stille. Als Kind saß er stundenlang an Bachläufen und lauschte dem Glucksen des Wassers. In die Stille hinein zu horchen sei immer inspirierend gewesen: "Ich glaube, dass man diese Sehnsucht nach Stille in meiner Musik auch wieder findet", sagt der 78-Jährige. "Mit Can saßen wir oft lange beisammen ohne miteinander zu sprechen. Wir rauchten vielleicht einen Joint und hörten in den Raum hinein, als wäre der Raum eine Klanginstallation, der man Klänge ablauschen kann. Aus diesem Gefühl heraus ist viel Can-Musik entstanden aber auch in meinen Solo-Arbeiten ist es gegenwärtig".

Ohne Irmin Schmidt klänge die moderne Musik anders, meint auch der Regisseur Wim Wenders; Künstler wie Sonic Youth, David Bowie, Radiohead, King Crimson, Portishead oder Joy Division seien ohne den Einfluss Schmidts "nicht denkbar", schreibt Wenders, mit Schmidt befreundet, im Booklet zu einem CD-Kästchen mit dessen Soloarbeiten. Das ist natürlich recht hoch gehängt - aber auch nicht völlig übertrieben.

Denn die von Schmidt 1968 mit Holger Czukay, Jaki Liebezeit und Michael Karoli gestartete Avantgarde-Rockband Can hatte einen enormen Einfluss auf inzwischen zwei Generationen junger abenteuerlustiger Musiker auf der ganzen Welt - was seltsamerweise nur in Deutschland bis heute nicht angemessen gewürdigt wird. "Krautrock" tauften Briten den so radikalen wie erfrischenden Can-Sound der in den Siebzigerjahren Maßstäbe setze. Can-Alben wie "Monster Movie", "Ege Bamyasi" und insbesondere "Tago Mago" gelten als Klassiker und sind in jedem gut sortierten Plattenladen zu finden. Gegen Ende der Siebziger war dann aber erstmal Schluss mit Can. Seitdem ist Irmin Schmidt als Solo-Künstler erfolgreich.

Can statt Klassik

Er schrieb Musik für Wenders-Filme wie "Lisbon Story", "Bis ans Ende der Welt" und "Palermo Shooting", experimentierte mit Elektronik und Pop und komponierte eine Oper. Das meiste davon ist nun gesammelt in der 12-CD-Box "Electro Violet" wieder erhältlich. Schmidts erster Soundtrack, zu Reinhard Hauffs "Messer im Kopf" (1978) ist ebenso dabei wie das Solo-Debut "Toy Planet", die Elektro-Platten mit Kumo sowie die Oper "Gormenghast". Dazu kommen sechs "Volumes" mit Filmmusik.

Für Can schlug der 1937 in Berlin geborene Irmin Schmidt eine vielversprechende Karriere als Dirigent aus. Eine durchaus radikale Entscheidung, die sicher auch dem Geist der späten Sechziger geschuldet war. Zuvor hatte Schmidt bei Karlheinz Stockhausen studiert. Der Komponist vermittelte seinem Schüler ein Gefühl für die Formen von Musik im Allgemeinen und ein Interesse für Elektronische Musik im Besonderen. Danach hätte Schmidt, ein Verehrer der Neuen Musik, im klassischen Kulturbetrieb groß rauskommen können, aber er gründete lieber eine Rockband. Weil ihn auch die Genres jenseits der Klassik faszinierten. Bereits zu Can-Zeiten versuchte sich Schmidt mit der Musik zu "Messer im Kopf" als Solist: "Da habe ich mich Nachts ins Studio gesetzt und alles allein gemacht, um mir zu beweisen, dass das geht und das ich etwas Anständiges zusammen kriege."

Soundtracks waren für Schmidt zu Can-Zeiten und später als Solist eine zuverlässige Einnahmequelle. Bei einigen dieser Filmmusiken sind Schmidts ehemalige Can-Kollegen mit dabei, Michael Karoli und Jaki Liebezeit waren obendrein an zwei der in der Box enthaltenen Soloalben beteiligt. Aber nach Can klingt das meiste hier nur selten. Als Solist ließ es Irmin Schmidt etwas weniger wuselig angehen. Er jonglierte zwar mit allerlei Genres, von Jazz, Elektronik und Rock bis zu Klassik, aber meistens wirkte das Resultat deutlich reduzierter.

Auf die Frage, ob es einen originären Irmin-Schmidt-Sound gäbe, antwortet der Künstler, dass ihm ein Hang zur Melancholie nachgesagt werde. Der ist in dieser fein kuratierten Solo-Box tatsächlich allgegenwärtig; Ein wundersamer Klang, der mitunter auch an in der Stille des Waldes glucksende Bäche erinnert.

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