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24. Juni 2018, 09:21 Uhr

Violine und mehr

Schubert in Bestform

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Das Oktett von Franz Schubert funkelt unter Führung der Geigerin Isabelle Faust mit spröder Faszination, der russische Newcomer Daniel Lozakovich bewährt sich virtuos mit Bach. Exemplarische Violinenkunst.

Eher selten wird Franz Schubert als Komponistentitan gehandelt. Sein Zeitgenosse Beethoven Anfang des 19. Jahrhunderts schon eher. Wie die beiden gegensätzlichen und doch verbundenen Geister dennoch musikalisch die Klingen kreuzten, zeigt Schuberts geniales Oktett D.803, mit dem er Beethoven sozusagen auf Bestellung eines musikliebenden Mäzens, des Grafen Troyer, die Stirn bieten sollte.

Mit längerer Spieldauer (satte 50 Minuten) versehen und acht Instrumenten opulent besetzt, trat Schuberts Geniestreich gegen Beethovens Septett von 1799 an und schlug sich nicht schlecht.

Ein Werk, das auch heute noch eine subtile wie kraftvolle Herausforderung für Ensembles darstellt - Kammermusik an der Schwelle zum Orchesterwerk. Das kann man virtuos ausreizen, aber auch feinsinnig auffalten, so wie es Isabelle Faust und ihr Ensemble demonstrieren.

Die Essenz von Schubert

Die 1972 in Esslingen geborene Violinistin, international gefragt und beständig erfolgreich, hat sich für die Ziele dieser Produktion ein perfektes Ensemble zusammengestellt. Wie Isabelle Faust verfügen sie über Erfahrung mit Originalinstrumenten und konnten ihre Leidenschaft für den authentischen Klang in dieser fein besetzten Runde bündeln.

Die dezente Verführung, die im herben Beginn des Adagios im zweiten Satz liegt, bringt der italienische Klarinettist Lorenzo Coppola mit hinreißender Süße zum Klingen. Die von ihm bei dieser Aufnahme verwendeten Instrumente sind zwar keine Originale, aber originalgetreue Nachbauten. Und ihr trockener, betörender Sound fügt sich nahtlos mit den Streichern zusammen. Nie wird emotional forciert, der eher karge Klang der Instrumente arbeitete die Essenz von Schuberts Musik und Struktur dafür umso klarer heraus.

Von Schlaf keine Spur

Auch Isabelle Fausts Zusammenspiel mit der zweiten Geigerin Anna Katharina Schreiber, seit 1988 federführend mit dem Freiburger Barockorchester verbunden, erfolgt auf Augenhöhe: Beide sind international erfahrene und vielfach aktive Solostinnen, die den Umgang mit historischen Instrumenten perfektioniert haben. Schreibers niederländische Violine von 1700 passt hervorragend zu Fausts Stradivari "Sleeping Beauty" (Dornröschen) - von Schlaf aber keine Spur.

Das übrige Personal - Danusha Waskiewicz (Viola), Kristin von der Goltz (Cello), James Munro (Kontrabass), Teunis van der Zwart (Horn) und Javier Zafra (Fagott) - gestaltet das vielseitig fordernde Oktett zu einem durchsichtig klaren Erlebnis der puren Strukturversessenheit. Man kann das alles auch ganz anders machen, orchestraler, dramatischer, effektsuchender. Intensiver und hypnotischer aber wohl kaum.

Auch der junge, in Russland geborene und in Schweden aufgewachsene Geiger Daniel Lozakovich gibt sich keinen vordergründig flackernden Effekten hin, wie man sie von übermütigen Talenten ja auch nicht ungern hört. Der gerade mal 17 Jahre alte Lozakovich präsentiert auf seiner CD denn auch Bekanntes von Johann Sebastian Bach, das Disziplin, zielsichere Gestaltung und souveräne Technik erfordert - genug für eine Reifeprüfung.

Reifeprüfung mit Bach

Für seine Interpretation der beiden Violinkonzerte E-Dur und a-Moll sicherte sich Daniel Lozakovich das Kammerorchester der Symphoniker vom Bayerischen Rundfunk, und die Musiker erweisen sich mit ihrer unaufgeregten, sattelfesten Handhabung der Ohrwurmkonzerte als verlässliche Partner. Lozakovich liebt Glenn Gould, wohl wegen dessen Klarheit und Konzentration, aber in den Konzerten interagieren Solist und Kammerorchester auch werkdienlich innig und so expressiv wie nötig.

In der zweiten Partita, dem abschließenden Solostück auf Lozakovichs Debüt-CD, bündelt der junge Milde noch einmal seine frischen Talente: feine Grifftechnik, wundervoller Ton, musikalisch geschmackvolle Zurückhaltung und gezügelter Ausdruck. Enorm viel Können für einen 17-Jährigen, wie er auch im Februar dieses Jahres in Berlin bewies, als er Tschaikowskis Violinkonzert mit dem Orchester der Komischen Oper unter Jordan de Souza mit allen Finessen und der verblüffenden Sicherheit eines erfahrenen Könners darstellte.

Vielleicht ein Wunder, aber sicher kein Kind.

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