Violine und mehr Schubert in Bestform

Das Oktett von Franz Schubert funkelt unter Führung der Geigerin Isabelle Faust mit spröder Faszination, der russische Newcomer Daniel Lozakovich bewährt sich virtuos mit Bach. Exemplarische Violinenkunst.

Felix Bröde

Von


Eher selten wird Franz Schubert als Komponistentitan gehandelt. Sein Zeitgenosse Beethoven Anfang des 19. Jahrhunderts schon eher. Wie die beiden gegensätzlichen und doch verbundenen Geister dennoch musikalisch die Klingen kreuzten, zeigt Schuberts geniales Oktett D.803, mit dem er Beethoven sozusagen auf Bestellung eines musikliebenden Mäzens, des Grafen Troyer, die Stirn bieten sollte.

Mit längerer Spieldauer (satte 50 Minuten) versehen und acht Instrumenten opulent besetzt, trat Schuberts Geniestreich gegen Beethovens Septett von 1799 an und schlug sich nicht schlecht.

Ein Werk, das auch heute noch eine subtile wie kraftvolle Herausforderung für Ensembles darstellt - Kammermusik an der Schwelle zum Orchesterwerk. Das kann man virtuos ausreizen, aber auch feinsinnig auffalten, so wie es Isabelle Faust und ihr Ensemble demonstrieren.

Die Essenz von Schubert

Die 1972 in Esslingen geborene Violinistin, international gefragt und beständig erfolgreich, hat sich für die Ziele dieser Produktion ein perfektes Ensemble zusammengestellt. Wie Isabelle Faust verfügen sie über Erfahrung mit Originalinstrumenten und konnten ihre Leidenschaft für den authentischen Klang in dieser fein besetzten Runde bündeln.

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Die dezente Verführung, die im herben Beginn des Adagios im zweiten Satz liegt, bringt der italienische Klarinettist Lorenzo Coppola mit hinreißender Süße zum Klingen. Die von ihm bei dieser Aufnahme verwendeten Instrumente sind zwar keine Originale, aber originalgetreue Nachbauten. Und ihr trockener, betörender Sound fügt sich nahtlos mit den Streichern zusammen. Nie wird emotional forciert, der eher karge Klang der Instrumente arbeitete die Essenz von Schuberts Musik und Struktur dafür umso klarer heraus.

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Geigenkunst: Faust und Lozakovich - zwei Geigen, eine Klasse

Von Schlaf keine Spur

Auch Isabelle Fausts Zusammenspiel mit der zweiten Geigerin Anna Katharina Schreiber, seit 1988 federführend mit dem Freiburger Barockorchester verbunden, erfolgt auf Augenhöhe: Beide sind international erfahrene und vielfach aktive Solostinnen, die den Umgang mit historischen Instrumenten perfektioniert haben. Schreibers niederländische Violine von 1700 passt hervorragend zu Fausts Stradivari "Sleeping Beauty" (Dornröschen) - von Schlaf aber keine Spur.

Das übrige Personal - Danusha Waskiewicz (Viola), Kristin von der Goltz (Cello), James Munro (Kontrabass), Teunis van der Zwart (Horn) und Javier Zafra (Fagott) - gestaltet das vielseitig fordernde Oktett zu einem durchsichtig klaren Erlebnis der puren Strukturversessenheit. Man kann das alles auch ganz anders machen, orchestraler, dramatischer, effektsuchender. Intensiver und hypnotischer aber wohl kaum.

Auch der junge, in Russland geborene und in Schweden aufgewachsene Geiger Daniel Lozakovich gibt sich keinen vordergründig flackernden Effekten hin, wie man sie von übermütigen Talenten ja auch nicht ungern hört. Der gerade mal 17 Jahre alte Lozakovich präsentiert auf seiner CD denn auch Bekanntes von Johann Sebastian Bach, das Disziplin, zielsichere Gestaltung und souveräne Technik erfordert - genug für eine Reifeprüfung.

Reifeprüfung mit Bach

Für seine Interpretation der beiden Violinkonzerte E-Dur und a-Moll sicherte sich Daniel Lozakovich das Kammerorchester der Symphoniker vom Bayerischen Rundfunk, und die Musiker erweisen sich mit ihrer unaufgeregten, sattelfesten Handhabung der Ohrwurmkonzerte als verlässliche Partner. Lozakovich liebt Glenn Gould, wohl wegen dessen Klarheit und Konzentration, aber in den Konzerten interagieren Solist und Kammerorchester auch werkdienlich innig und so expressiv wie nötig.

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In der zweiten Partita, dem abschließenden Solostück auf Lozakovichs Debüt-CD, bündelt der junge Milde noch einmal seine frischen Talente: feine Grifftechnik, wundervoller Ton, musikalisch geschmackvolle Zurückhaltung und gezügelter Ausdruck. Enorm viel Können für einen 17-Jährigen, wie er auch im Februar dieses Jahres in Berlin bewies, als er Tschaikowskis Violinkonzert mit dem Orchester der Komischen Oper unter Jordan de Souza mit allen Finessen und der verblüffenden Sicherheit eines erfahrenen Könners darstellte.

Vielleicht ein Wunder, aber sicher kein Kind.



insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
kassadra 24.06.2018
1. Oh...wie ist das schöooon...
...solche Besprechungen sind der Grund dafür, daß ich mich von derart gutsituiertem und exaltiertem Publikum fernhalte. Mit Verlaub, aber die Frau spielt Geige und darüber hinaus auch nur Musikstücke nach, neudeutsch Coverversionen, wie sie jede zweit- und drittklassige Band auf Straßenfesten mit aktueller U-Musik bieten. Wie wäre es mal eigene Kompositionen zum Besten zu geben? Leider fehlt dafür das Können, bzw. die Inspiration, andernfalls es ja geschähe. Aber klassische Musik ist ja was ganz Besonderes. Ist sie auch. Aber es ist Zeit, neue Kompositionen auf klassischer Basis jenseits von Stockhausen und Hindemith zu erschaffen. Schon mal darüber nachgedacht? Der dritte und vierte Aufguß macht einen Tee nicht besser. Imho.
From7000islands 24.06.2018
2. Rosen kommen nie aus der Mode
So auch klassische Musik. Die moderne klassische Musik ist Krisen-Musik seit über 100 Jahren...oder wie soll man Musik bezeichnen, die nur Fachleute besuchen und Leute, die sich toll finden, wenn sie gegenüber der Mehrheit der Menschen die seit Bach gültigen Harmoniegesetze langweilig und elitär finden ? Auf den Harmonie Gesetzen früher Barockmusik ist übrigens unsere gesamte U Musik aufgebaut. Ausnahmen wie Schostakowitch und Bartok gibt es Gott sei Dank. Am besten sind Live Konzerte. Wieviele Aufnahmen habe ich schon gesammelt, aber höre mir nur ganz wenige von ihnen öfter an. Dagegen ist ein Live Konzert immer Aufregung - für die Spieler und den Zuhörer. Dabei ist es doch völlig egal, wer im Konzert neben mir sitzt, wenn er nicht ständig hustet @ Nr 1 Frau Faust hat schon länger Aufsehen auch auf youtube erregt. Eine tolle Geigerin auf höchstem Niveau. Ein Glücksfall für die Frau, diese Stradivari geliehen zu bekommen. Leider kommen sie und ähnlich gute Künstler nicht in die Provinz für Konzerte, denn Konzert Agenturen wollen auch nur verdienen. Also muss man sich ihre Aufnahmen kaufen - seufz. Danke für die Empfehlung !
elgar 24.06.2018
3.
Zitat von kassadra...solche Besprechungen sind der Grund dafür, daß ich mich von derart gutsituiertem und exaltiertem Publikum fernhalte. Mit Verlaub, aber die Frau spielt Geige und darüber hinaus auch nur Musikstücke nach, neudeutsch Coverversionen, wie sie jede zweit- und drittklassige Band auf Straßenfesten mit aktueller U-Musik bieten. Wie wäre es mal eigene Kompositionen zum Besten zu geben? Leider fehlt dafür das Können, bzw. die Inspiration, andernfalls es ja geschähe. Aber klassische Musik ist ja was ganz Besonderes. Ist sie auch. Aber es ist Zeit, neue Kompositionen auf klassischer Basis jenseits von Stockhausen und Hindemith zu erschaffen. Schon mal darüber nachgedacht? Der dritte und vierte Aufguß macht einen Tee nicht besser. Imho.
Also: Die Frau spielt Geige. Das ist der einzige Satz, den ich von Ihrem Post akzeptiere. Der Rest ist Informationsdefizit. Es gibt sehr viele Komponisten im Bereich der neuen Musik, man muss sich nur drum kümmern. Wer Komposition studiert hat, weiß auch, wie schwierig es ist, im Klassikmarkt Fuß zu fassen. Da braucht es keine Interpretinnen, die bedienen eben als Instrumentalistinnen das Metier, das sie jahrzehntelang gelernt haben - wenn es gut läuft, können sie damit ihr Leben fristen, wenn es sehr gut läuft, machen sie Karriere. Meistens läuft es nicht so toll, dann geben sie Unterricht und irgendwann mal auf. Ihre Behauptung, dass (wem? Frau Faust?) das Können und die Inspiration fehlen würde, ist barer Unfug und beweist nur, dass Sie vom Thema keine Ahnung haben. Musik auf diesem Level ist sch....schwierig zu spielen und offenbar auch zu verstehen. Das ist vielleicht der Unterschied zur drittklassigen Band auf Straßenfesten, da reicht allermeistens eine einzige Version eines Stücks. Aber halten Sie sich nur von der klassichen Musik fern, muss nicht unbedingt ein Verlust sein, weder für Sie noch für andere.
kassadra 24.06.2018
4. @ Nr. 3
Das klassische Musik zu studieren und ein Instrument auf dem Niveau zu spielen, extrem anspruchsvoll sind, habe ich auch nicht in Abrede gestellt. Auch danke ich herzlich für den Hinweis auf mein vermeintlich bestehendes Informationsdefizit. Geschenkt. Ihre Selbstkundgabe ist für mich ausreichend. Was ich bemängelte, war die Tatsache, daß fast ausschließlich immer wieder neu interpretierte Versionen alter Werke aufgeführt werden, was auf mich langweilig und kulturell überhöht wirkt. Nicht mehr und nicht weniger. Trotzdem danke für Ihre Nichtbeachtung.
madcostelloartist 24.06.2018
5. Tolle Künstlerin
Habe über Roger Willemsen erstmals Notiz von Isabelle Faust genommen, der mal von dieser Geigerin schwärmte - und mit ihr später ja auch eine gemeinsame CD "In aller Stille" aufgenommen hatte.
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