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Rock-Entdeckung Isolation Berlin: Pose der defensiven Ignoranz

Von und (Video)

SPIEGEL ONLINE

Zwischen dumpf und Diskurs gibt's nicht viel im deutschen Rock. Der jungen Hauptstadt-Band Isolation Berlin gelingt nun das Unwahrscheinliche: große, sehnsuchtsvolle, traurige und wütende Gefühlsmusik, die sich jedem Trend entzieht.

Auch schon mal drüber nachgedacht, einfach Schluss zu machen? Alles absagen, einfach abhauen? Tobias Bamborschke, Sänger und Songschreiber der Band Isolation Berlin, hat genau das vor einigen Jahren gemacht. Dem aus Köln zugezogenen Schauspielschüler wurde alles zu viel: die Erwartungen, der Druck, das Gelaber, die Ratlosigkeit, die Normalität, die Freundin, das ganze Elend halt.

Trotzig und verletzt fuhr er durch Berlin, mit dem Fahrrad, mit dem Bus, der U-Bahn. "Alles grau, alles kalt, kalt, kalt", sang er darüber in einem frühen Song. Aber der Wahnsinn, so geht es weiter in dem Lied, hielt ihn warm, und dann kam der Teufel um die Ecke und nahm ihn in den Arm.

Nein, ganz so war es nicht. Aber eine entscheidende Begegnung hatte Bamborschke tatsächlich am Abend jenes Tages, an dem er Schluss gemacht hatte: In einer Kneipe wurde ihm der Gitarrist Max Bauer vorgestellt. Die beiden jungen Männer, beide Anfang 20, kamen ins Gespräch, verstanden sich gut, und waren bald unzertrennlich.

Rockband Isolation Berlin: "Wir haben kein Konzept, Konzepte schränken ein" Zur Großansicht
Noel Richter

Rockband Isolation Berlin: "Wir haben kein Konzept, Konzepte schränken ein"

"Ich hatte eine Wohnung mit meiner Freundin zusammen, hab' die dann aber rausgeworfen", sagt Bamborschke. "Ich war aber meistens bei Max, weil ich es alleine nicht ausgehalten habe. Dann haben wir zusammen eine Wohnung gesucht. Seitdem haben wir fast jeden Tag miteinander verbracht." Das sei übertrieben, interveniert Bauer, aber andere Freunde, da sind sich beide einig, habe es erst mal nicht gegeben. Ein, zwei Jahre ging das so in der Jungsbude im westlichen Prenzlauer Berg: Sie spielten Songs der Angsthymnen-Band The Jesus And Mary Chain auf der Westerngitarre, guckten Filme, lasen Bücher, hörten Musik.

Und irgendwann entstanden daraus dann Songs zu den Texten, die Bamborschke aufgeschrieben hatte. Texte, die zwischen Euphorie und Absturz taumeln, zwischen Depression und Aufbegehren, Trauer und Sehnsucht; Texte, die jeder sofort fühlt und versteht, sobald er sie hört.

Isolation Berlin nannten sie die Band, zu der bald auch Schlagzeuger Simeon Cöster, Bassist David Specht gehörten, und irgendwie auch der junge Berliner Künstler Yannick Riemer, der die Videos der Band und das Cover-Artwork der beiden Alben gestaltet hat, die jetzt erscheinen: "Und aus den Wolken tropft die Zeit" heißt das Debüt, zeitgleich erscheint mit "Berliner Schule/Protopop" eine Zusammenstellung der ersten Singles und EPs.

Isolation Berlin: "In manchen Nächten"

In manchen Nächten von Isolation Berlin auf tape.tv.

Protopop, was soll das denn sein? Das wissen Bamborschke und Bauer auch nicht so genau, aber irgendwie muss man es ja benennen, was man macht. Ältere fühlen sich von der nicht pathosscheuen Musik und Bamborschkes fiebrigem Gesangsduktus an Rio Reiser und Ton Steine Scherben erinnert, Jüngere an Joy Division, den kalten Wave-Pop der Achtziger und was danach an disparatem Gitarrensound so kam. Sich nun ständig erklären zu müssen, ständig von Journalisten mit den ewig gleichen Referenzen und herausgehörten Einflüssen konfrontiert zu werden, quittieren die beiden mit Lakonie und Schulterzucken: Kann man nichts machen.

Dabei ist das Begeisternde an Isolation Berlin ja gerade, dass sie keiner Schule, keinem Trend folgen: "Wir haben kein Konzept, Konzepte schränken ein." Und was ist mit den Elbsegler-Mützchen, die beide auf dem Kopf tragen? Ist das etwa kein Indierock-Statement? Zitiert das dann nicht doch eine Fülle an Popkultur-Verweisen, vom Folk-Sänger Woody Guthrie bis zur Nouvelle Vague? Nee, die habe Bamborschke irgendwann mal in einem Laden gesehen und gedacht, "sieht cool aus", sagt Bauer. "Ganz ohne Hintergedanken."

Bandmitglieder Bamborschke, Bauer, Cöster: "Unglaublich dringlich" Zur Großansicht
Noel Richter

Bandmitglieder Bamborschke, Bauer, Cöster: "Unglaublich dringlich"

Wahrscheinlich bleibt einem als Rockband der Postmoderne, wenn alles schon dreimal gesagt, gesungen und gemacht wurde, gar nichts anderes übrig, als so eine Pose der defensiven Ignoranz. Solche Überlegungen führen aber nur an der eigentlichen Sensation vorbei: Denn ausgerechnet Isolation Berlin haben mit dem erschöpftesten aller Pop-Stile, dem alternativen Gitarrenrock, etwas Absolutes geschaffen. Musik wie diese gibt es sonst nicht im jungen deutschen Rock, der entweder diskursiv-politisch sein will oder dumpf.

Auf dem Album, dessen zwölf neue Songs in den letzten Monaten entstanden, klingt das allerdings nicht mehr ganz so wütend, wie noch auf den Frust-Eruptionen "Prinzessin Borderline" oder "Bus der stillen Hoffnung" von der letztjährigen "Körper"-EP, als Bamborschke noch trotzig Fassbinder zitierte: "Schlafen kann ich auch noch, wenn ich tot bin, bis dahin ist noch jede Menge Zeit." Die neuen Lieder wirken gemäßigter, durchdachter, besinnlich. Doch Bamborschke protestiert: "Ich empfinde die Themen des Albums als unglaublich dringlich! "Körper" war nur Wut, Wut, Wut, das Album hat nun aber ganz viele Phasen, die zusammenspielen: Es gibt wütende, melancholische, sehnsuchtsvolle, verzweifelte. Ohne Dringlichkeit schreibe ich keinen Song."

Isolation Berlin: "Berliner Schule/Protopop"

Isolation Berlin: Berliner Schule/Protopop auf tape.tv.

Tatsächlich ist das Spektrum der Emotionen enorm: "Produkt" sinniert zwischen Velvet Underground und Hilde Knef über den eigenen Marktwert, "Fahr weg" und "Aufstehn, Losfahrn" tarnen ihre Tieftraurigkeit mit burlesk-beschwingten Orgelklängen und trügerischer Euphorie. "Verschließe Dein Herz" vermählt Disco mit Kriminaltango, "Ich küss Dich", der Song mit dem bejahenden Titel, enthält die eisigsten Abgründe; Explosion ist Programm in "Wahn", während süße Melancholie "Du hast mich nie geliebt" und "Schlachtensee" beherrscht, in dem Bamborschke, mit kraftloser Stimme, erneut sein zentrales Thema beschreibt: "Es ist so schwer, aufzustehen, wenn man einfach nicht mehr weiß, wofür. Und es ist so schwer, aus dem Haus zu gehen, wenn man weiß, kein Weg führt mehr zurück zu Dir."

"From Despair to Where?", dieses Credo der Hoffnungslosen, formulierten einst schon die Manic Street Preachers. Kein Ausweg aus der Tristesse? Bamborschke lässt inzwischen hin und wieder einen Hoffnungsschimmer erkennen: "Der Schlachtensee ist lang, und auch ohne Dich ganz schön", singt er. Allerdings so zweideutig, dass man sich fragen muss, ob er sich und den ganzen Kummer nicht doch lieber gleich im beliebten Berliner Ausflugsgewässer versenken will.

Aber dann geht er doch weiter. "Wege sind wichtig, unterwegs zu sein", sagt der Songwriter Bamborschke, der sich lieber als Dichter bezeichnet und seinen Schreibprozess mit den Worten der Lyrikerin Mascha Kaléko illustriert: "Mein schönstes Gedicht, ich schrieb es nicht, aus tiefsten Tiefen stieg es, ich schwieg es. Das ist genau die Art, wie ich schreibe: Ich warte ab, was kommt, und damit gehe ich um." Jeder Song, sagt er, "ist eine Collage aus ganz vielen Sätzen und Worten, die zusammen ein Gefühl ergeben."

Und wo findet man diese ganzen Sätze und Wörter, wenn nicht allein und isoliert in diesem großen, verdammten Berlin, das so grau und kalt und fremd sein kann? Hoffentlich macht er damit noch lange nicht Schluss.

Isolation Berlin: "Fahr Weg"

Fahr Weg von Isolation Berlin auf tape.tv.

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insgesamt 8 Beiträge
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1. Vergleiche
Abel Frühstück 20.02.2016
Reiser gern, Joy Division auf keinen Fall. Dann eher schon Fehlfarben. Bestimmt 'ne coole Band, wenn man noch richtig jung ist.
2.
pb-sonntag 20.02.2016
Ein abgedroschen und unmotiviert Geschrei eines Möchtegern. Grauenvoll. Soll das die musikalische Zukunft sein? Gott sei Dank, habe ich jede Menge an Vinyl und CD, um auf bessere Zeiten zu warten.
3.
planist79 20.02.2016
Hab mir gerade mal einige Beispiele angehört.. musikalisch ist das ja leider sehr biedere Kost.. 0815 Harmonien und dazu peinliche Möchtegern-Texte der Marke ".. ich hab schon so viel erlebt..." .. > also alles in allem unglaubwürdig und handwerklich bescheiden.
4. na ja
angst+money 20.02.2016
Klingt für mich bißchen wie "Ja, Panik" für Arme. Wobei die Körper-EP noch ganz ok klingt. Aber nach 25 Jahren Schrammel-Indie sollte irgendwann mal gut sein.
5.
hjakob 20.02.2016
Zitat von pb-sonntagEin abgedroschen und unmotiviert Geschrei eines Möchtegern. Grauenvoll. Soll das die musikalische Zukunft sein? Gott sei Dank, habe ich jede Menge an Vinyl und CD, um auf bessere Zeiten zu warten.
na dann...angenehmes warten auf bessere Zeiten.Wenn man nichts zu sagen hat, einfach F..... halten !
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