Abgehört - neue Musik Das aufrührerische Potenzial eines CDU-Ministeriums

Post-Punk-Chansons mit Opiumeffekt: Isolation Berlin finden auf ihrem neuen Album viel Stärke im Schwächeln. Außerdem: Biederer Revoluzzer-Rock von Vizediktator und Kinderlieder von Erdmöbel.

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Isolation Berlin - "Vergifte dich"
(Staatsakt/Caroline, ab 23. Februar)

"Mir ist alles zu viel, mir ist alles zu viel, mir ist alles zu viel", singt Tobi Bamborschke im schönsten Stück des neuen Isolation-Berlin-Albums, erst noch angetäuscht energisch, beim dritten Aufsagen dann aber schon ganz kraftlos. "Wunschlos unglücklich, rastlos… ohne Ziel", schleppt er sich durch den Anti-Sermon von "Wenn ich eins hasse, dann ist das mein Leben", und seine Band spielt dazu einen quietschenden, knarrenden Autounfall - kreischendes, sich zerdehnendes Metall in Zeitlupe. Hach, ist das alles wieder trostlos hier.

Für Isolation Berlin, inzwischen vor allem live eine kleine, aber feste Größe im deutschen Indie-Rock (der natürlich nicht so heißen darf), ist "Vergifte dich" eine Bewährungsprobe. Auf ihrem Quasidebüt "Aus den Wolken tropft die Zeit" waren laute und latentere Momente noch etwas unbalanciert, man hatte das Gefühl, dass die grobporige Wundheit früher Songs wie "Körper", "Prinzessin Borderline" oder "Isolation Berlin" ein wenig vom Dusel der eigenen Kunstseligkeit vernebelt worden war. Was sollte das denn nun eigentlich sein? Ton Steine Scherben by way of Joy Division und Element of Crime? Schon allein diese Reihung verwirrt.

Zum Glück fand Bamborschke, der seine charmante Nihilistenlyrik inzwischen auch in Schriftform veröffentlicht hat, aus dem Quark heraus - zurück zu jener rohen Eigenartigkeit, die man sich von dieser Band ja immer schon versprochen hat. Tatsächlich ist es schwer zu benennen, was diese Musik ist. Rock, klar, manchmal auch ganz schön konventioneller ("Marie", "Die Leute"), aber in den besten Momenten ("Vergeben heißt nicht vergessen", "In deinen Armen") gelingt Isolation Berlin etwas, was man Post-Punk-Chanson nennen könnte, wobei dafür eher die Modern Lovers Pate standen als die Television Personalities.

Dennoch bleibt die musikalische Exegese das Langweiligste bei dieser Band. Zum Ereignis werden Isolation Berlin erst durch Bamborschkes Texte, die er mit unwiderstehlich verächtlicher Ambivalenz vorträgt: Sein lyrisches Ich ist ein notorischer Misanthrop, der depressiv im Späti beim Bier sitzt ("Mir träumte") oder sein Recht auf Entgelt (für all das Elend und die Zumutungen) am Pfandautomaten verteidigt ("Serotonin"). Der Wahnsinn krabbelt ihm, dem Großstadtvampir, "den Rücken hoch und beißt sich im Gehirnlappen fest". Da hilft dann wohl wirklich nur noch Rausch: "Sei doch nicht traurig", singt er im stürmisch-suizidalen Titelstück, "Nein! Vergifte dich".

Andreas Borcholtes Playlist KW 8
SPIEGEL ONLINE

1. Gianni Bell: Questo amore non si tocca

2. Fishbach: Eternité

3. Antje Schomaker: Bis mich jemand findet

4. U.S. Girls: Rosebud

5. Ravyn Lenae: Sticky

6. Ab-Soul, Anderson.Paak, James Blake: Bloody Waters (Black Panther O.S.T.)

7. Emel Mathlouthi: Thamlaton (Karim Attoumane Rework)

8. Batsheva - The Young Ensemble: Echad Mi Yodea

9. Juju: Winter in Berlin

10. Isolation Berlin: Wenn ich eins hasse, dann ist das mein Leben

Schon dabei. Denn die Sorge (um den früher schwer depressiven Bamborschke), die Angst (vor diesen Abgründen aus Frust, Einsamkeit und Seelenpein), diese seltsame Angefasstheit, die man um 2015 schon bei frühen Konzerten und den EPs spürte, dieser ganze faszinierend nihilistische Sog entfaltet sich hier noch einmal neu - sinistrer und wirkungsvoller als bisher: Folgt man der Band in ihr suggestives, balladeskes Noir, braucht es am Ende einen Adrenalintritt wie "Kicks", um einem die Opiumblässe aus den Wangen zu treiben. Atmen! Weitermachen! Leben! Och, dabei war es doch schon so schön, so dunkel und gemütlich dort unten im Unbehagen. (8.0) Andreas Borcholte

Erdmöbel - "Hinweise zum Gebrauch"
(Yippie!/Rough Trade, ab 23. Februar)

Erdmöbel, das ist eine Band, die bisher in etwa so klang wie sich Leben in Nordrhein-Westfalen anfühlt. Wer zum Beispiel noch nie in Münster war, höre "Altes Gasthaus Love" oder "Das Ende der Diät" und setze sich damit quasi direkt auf eines der zahllosen Fahrräder im Kreuzviertel. Markus Berges Gesang ist westfälisch trocken, seine Texte Straßenverkehrslyrik. Poetisch ja, aber nie glanzvoll, nie nass. Die Musik dazu war Easy Listening, häufig mit Bläsern aufgeblasen.

"Hinweise zum Gebrauch" heißt nun ihr zwölftes Album. Es gibt ein Liebeslied, das "Rasenmäher" heißt, und Barack Obama auf dem Cover. Denn das letzte Lied der Platte heißt eben auch so, "Barack Obama", ist dann aber ein Song über den jüngst verstorbenen Jazz-Sänger Al Jarreau. Das ist natürlich nett versponnen, im Grunde kann man aber Barack, den PR-Beipackzettel, in dem über das Private und das Politische geschwafelt wird, und den Rasenmäher vergessen. Erst dann wird das Album zu dem, was es wohl eigentlich werden sollte: Eine Hommage an Rolf Zuckowski. Und damit Kinder- und Jugendmusik für Kinder und Jugendliche, wie sie sich ein schütterer Programmverantwortlicher beim WDR vorstellt.

Das musikalisch unattraktivste Lied dieser Gattung ist "Party deines Lebens": Berges Krümel-Schubladen-Metaphorik kann leider nicht verhindern, dass man sich beim Hören von Glöckchenbeat und Klatsch-Refrain unwillkürlich Herrn Zuckowski "auf dem Dancefloor" vorstellt, wie er mit Kindern tanzt, die eigentlich lieber YouTube gucken würden.

Aber verzagt nicht, Kinder, es gibt ja auch noch ein YouTube-Lied! Es heißt "Tutorial" und ist eine Anleitung zum Weinen. Es endet im chorischen Countdown, und zwar - wie bei einem echten YouTube-Tutorial - erst nach fast neun Minuten. Nur eben ohne Bild. Am deutlichsten tritt das Zuckowski-Thema aber in "Svenja und Raul" hervor: "Heute soll es regnen, stürmen oder scheinen", zitiert Berges hier aus Zuckowskis großem Geburtstagshit: "Wie schön, dass du geboren bist".

Die Vorab-Single "Hoffnungsmaschine" mit Judith Holofernes war der Öko-Elternabend zum Album. Irgendwie ist man musikalisch also doch noch immer in Münster. Man sitzt nur nicht mehr in Bussen und trinkt Bier, sondern bastelt irgendwas Kurioses und schreibt "Hinweise zum Gebrauch" dazu. ( 3.0) Julia Friese

Vizediktator - "Kinder der Revolution"
(Sportklub Rotter Damm/Indigo, seit 16. Februar)

Man kann dieser Jungsband noch nicht mal böse sein. Nicht wegen ihres dämlichen Namens, nicht wegen des nervtötenden Bumsfalleras in ihrer Musik, bei dem man sofort an Bier in Plastikbechern und braungetrampelten Rasen denken muss, und auch nicht, weil der Sänger einen immerzu anschreit, als arbeite er an der Kreissäge. Denn bei aller Grobschlächtigkeit meinen Vizediktator es eigentlich gut.

Diesen Eindruck hinterließ Ende 2016 zumindest die Single "Stadt aus Gold", die zwar wie Mark Forster mit verrutschtem Gitarrenverzerrungsregler klang, aber eben auch einen je nach Intoxikationsgrad leicht mitschreib- oder -grölbaren Refrain enthielt: "Tod der Gier auf den Besitz/ Oder auch die Hinterlist." Keine Weltformel, klar. Konnte man aber ohne Bauchschmerzen unterschreiben.

Gegen Klassismus, Ausgrenzung und Eigensinn richtet sich nun auch "Kinder der Revolution", das Debütalbum der Band. Das ist lobenswert, wird aber von einer mit jedem der 12 Songs drängender werdenden Frage überschattet: Wann sind Revolutionen eigentlich so sterbenslangweilig geworden? Unbeirrt schrubben Vizediktator 32 Minuten lang ihre so schmissige wie dröge Mischung aus Turbostaat, The Hives und anderen gestrigen Gitarrenbands herunter, garniert mit Texten, die mit aller Macht "authentisch" sein wollen.

Abgehört im Radio
Mittwochs um 23 Uhr gibt es beim Hamburger Web-Radio ByteFM ein Abgehört-Mixtape mit vielen Songs aus den besprochenen Platten und Highlights aus der persönlichen Playlist von Andreas Borcholte.

Dafür wühlt das Quartett eifrig im angestaubten Parolenkasten, verbiegt Rio Reiser ("Wir sind geboren, um kaputt zu sein"), schmettert Allgemeinplätze ("Jede Nacht tragen eure Taten Früchte") - und schmalzt Helene Fischer die "Herzbeben"-Butter vom Brot ("Halleluja, liebe Sünde/ Ich bin dein Kind" oder "Angst ist ein Wort/ Benannt nach meinem Herzen").

"Kinder der Revolution" hat also so ungefähr das aufrührerische Potenzial eines CDU-Ministeriums. Das Album sei eine verdammte Ansage, die einen aus der Bahn werfen könne, jubelt der Pressetext. Stimmt, aber eher in Sachen Zeitdiagnostik: Wir haben offenbar schon einige Jahre des Lebensgefühls zwischen "Geht so" und "Weiter so" zu viel hinter uns, wenn selbsternannter "Straßenpop" so staatstragend zahm ist wie bei Vizediktator. Aber hey, sie meinen es ja gut. (2.5) Dennis Pohl

Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
schacko 20.02.2018
1. Münster
Schöne Grüße an den neuzugezogenen, maskulinen GROßSTÄDTER Borcholte, dessen Texte immer noch nach der Provinz müffeln, aus der er einst aufbrach, um unangenehm arrogant die musikalische Welt zu missionieren, -aus dem beschaulichen Münster...(Fahrrad YEAH, Kreuzviertel WOW!!)
sekundo 20.02.2018
2. Tobi Bamborschke
oder war es Eugen Klafuzke, der den "schönsten" Song der neuen CD von Isolation Berlin singt. Wobei in diesem Fall Begriffe wie "schön" und "singen" keine Gültigkeit haben! Der Autor dieser Rezension weiss nämlich nicht, wie man schönen Gesang definiert woran man den festmacht und welche Kriterien dafür eine Rolle spielen. Deshalb sollte der Autor richtigerweise sagen, dass ihm das depressive Genöhle der Isolierten gut gefällt und kein Urteil fällen. Denn das wiederum steht ihm als Soziologen nicht zu!!
steppenrocker 21.02.2018
3. @schacko
Sie haben aber schon gemerkt, dass die Kritik zum Album der Erdmöbel nicht von Andreas Borcholte geschrieben worden ist, sondern von Julia Friese.
JaWeb 21.02.2018
4. Vizediktator
Schönes Album vom Vizediktator, das hier zwar verrissen wird, aber für diejenigen, die sich im weitesten Sinne für politische Rockmusik interessieren, durchaus beglückende Momente bereithält (sowohl textlich als auch musikalisch). Dass Herr Pohl offenbar mit Helene Fischer vertrauter ist als mit Jean Genet oder R.W. Fassbinder, bezeugt das Elend hiesiger Musikkritik Vielleicht sollte er es mal als Pressereferent in einem CDU-Ministerium versuchen. Da fliegt man bisweilen auch ziemlich tief um seine Elaborate an Frau und Mann zu bringen.
Papazaca 22.02.2018
5. Wie freue ich mich, keine Kritiken schreiben zu müssen ...
Erstmal: Wie ein braver Deutsche habe ich mir wirklich alles angehört. Und es hat mir nichts gefallen. Und so alte Vorurteile wiederbelebt: Deutsche Schwermütigkeit, Problem beladen, kaum tanzbar - und musikalisch, na ja. Aber es ist auch schön, wenn man weiß, was man nicht braucht, das wertet das Gute, das man hat, auf. Das hat mich also inspiriert, mir per Zufallsgenerator ein paar Sachen raus zu suchen: Elliot Smith, Randy Newman, The Streets, Blues von Burnside, Nightmare on Wax, Amy Winehouse, Arto Lindsay. Und zwei deutsche CD's Einstürzende Neubauten und Notwist (Motto: Ist deutsche Musik wirklich so ...). Nochmals Danke für die Idee, meinen alten Kram zu hören, mir geht es wieder besser ...
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