Ausnahmepianist Sokolov Nix für Feiglinge

Neue Aufnahmen des Pianisten Grigorij Sokolov sind echte Mangelware. Nur aus den Archiven gelangt ab und zu etwas ans Licht. Pünktlich zu seiner Tournee zum Beispiel die "Goldberg-Variationen" von Bach. Ein Hörgenuss.

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Ein Piano-Antistar wie vom Reißbrett: kaum Fotos, Interviews, neue Einspielungen - was zählt, ist einzig das Konzertpodium. Das Unerwartete ist die Domäne von Grigorij Sokolov. Wenn er sich ans Klavier setzt, weiß man vorher nie genau, wohin der Weg führen wird.

Immerhin finden manchmal ältere Aufnahmen, meist Konzertmitschnitte, den Weg zu Labels und Fans. Sie dokumentieren Sokolows Werdegang, seit er 1966 den Moskauer Tschaikowski-Wettbewerb gewann. Immer wieder hat er sich eingehend mit Johann Sebastian Bach beschäftigt, was meist zu blitzenden Ergebnissen führte. Natürlich konnte er auch an den bestens bekannten "Goldberg-Variationen" nicht vorübergehen: Die liegen nun in einer markanten Einspielung von 1982 vor.

Wer schnell wissen will, woran er bei Sokolovs Version von Bachs Wunderwerk ist, sollte zunächst zur zweiten CD dieses Doppelgebindes greifen. Da hört man gleich die Nummer 25, die komplexeste, tiefsinnigste, forderndste Variation des Zyklus. Und das nicht wegen der technischen Hürden: Bei Nummer 25 brillierte der junge Glenn Gould 1955 als frühreifer Klavierdenker. 1982, als Sokolovs Aufnahme entstand, war er zwar nicht wie Gould erst 23 Jahre alt, sondern schon 32, was aber für einen innovativen Pianisten durchaus noch als jung gelten kann.

Ein forsches Feuerwerk

Die vorliegende Sokolov-Version der "Variationen" entstand im Konzert. Der Saal in Sokolovs Geburtsstadt St. Petersburg bot eine leicht enge Akustik, und mit ein paar brutalen Hustern muss man sich abfinden. Aber das lohnt sich: Was der forsche und technisch souveräne Sokolov hier als Bach-Feuerwerk abbrennt, hat allemal die Individualität des jugendlichen Gould. Und weil er den exzentrischen Kanadier nie kopiert, gewinnt seine Sicht des gefürchteten Zyklus eine geschlossene Gestalt, die ihr Profil aus filigranem Feinschliff und sinnlicher Tanzfreude in den schnellen Stücken gewinnt. Sokolows mächtige linke Hand zeichnet die nötigen wuchtigen Akzente (die Basslinie ist Basis beinahe jeder Variation), während die fliegende Rechte jubilierend die Perlen aufs Band zieht. Sokolov kann sich wagemutig auch in heikle Stücke stürzen, denn schnell knüpft er ein harmonisch-melodisches Netz aus Bezügen und Hervorhebungen, auf dem er dann wie ein seiltanzender Artist wandelt und schwebt. Bach ist eben nichts für Feiglinge.

Klangliche Klarheit und wiegender Rhythmus

Diese singende, elastische Sogkraft, die Sokolov hier entfaltet, ließ er auch bei seinen Auftritten 2011 beispielhaft dem leidlich ausinterpretierten "Italienischen Konzert" Bachs angedeihen, das er nicht so rasend und leicht überheblich wie Glenn Gould exekutierte, sondern eher in delikate Momente und rhythmische Überraschungen zerlegte und so dem Italo-Flair des Stückes nachspürte: klangliche Klarheit mit wiegendem Rhythmus. So unerbittlich Gould analysiert, so konsequent entdeckt Sokolov eigene Klangfarben und Strömungen. In Ansätzen führte ihn diese Liebe zum überraschenden Detail auch 1982 durch die "Goldberg-Variationen": Seine Freude etwa an markanten Trillern (in Konzerten brilliert er heutzutage gern mit Rameau) führt Sokolov etwa in der Variation 16 vor, die ganze Innigkeit eines Bach-Kanons stellt er in Nummer 19 fast bescheiden und mit demütig-dezentem Anschlag dar.

Nach der meditativen 25. Variation, für die er sich fast zehn Minuten Zeit nimmt, startet Sokolov mit Nummer 27 wieder erdverbunden durch, um mit Nummer 28 einsame Höhen perlender Durchsichtigkeit und frisch-melodischer Kraft zu erklimmen. Wenn man sich nicht an einigen klanglichen Schwächen der Live-Aufnahme stört, erlebt man eine kleine Sternstunde aus dem Petersburger (damals Leningrader) Konservatorium. Interessant abgerundet werden die "Goldberg-Variationen" durch Bachs zweite Partita (BWV 826), die bereits 1975 eingespielt wurde, sowie die Englische Suite BWV 807 von 1989, ebenfalls am selben Ort aufgenommen.

Im Februar 2014 kommt Grigorij Sokolov wieder für einige Konzerte nach Deutschland, und sein Programm hat er wie so oft erst kurz vor Tourstart bekanntgegeben: Diesmal geht es um Chopin, dessen h-moll-Sonate und eine Handvoll Mazurken. Ob etwas hinzukommt, weiß derzeit nur Sokolov. Ebenso, was die Zugaben sein werden, von denen er manchmal gleich sechs gibt.


J. S. Bach: Goldberg Variations. Grigorij Sokolov, Klavier; 2 CDs, Melodya/Naxos; 17,99 Euro.
Konzerttermine 2014: 14.2. Bremen, 22.2. Düsseldorf, 24.2. Hamburg, 26.2. Frankfurt/Main. Infos.



insgesamt 3 Beiträge
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Seite 1
kumi-ori 09.02.2014
1. Nicht nur fürs Ohr ein Hörgenuss...
... wenn Tonaufnahmen ans Licht gelangen. Wie poetisch!
mash 09.02.2014
2. optional
Viele von seinen Aufnahmen gibt's gratis zum downloaden bei: http://muzofon.com/search/Григорий Соколов Den Suchnamen muss man aber auf kyrillisch eingeben, genau so wie im URL (Григорий Соколов).
vonwoderwestwindweht 09.02.2014
3. ***
Da der SPIEGEL offenbar grundsätzlich ausschließlich über russische bzw. ex-UdSSR-Pianisten berichtet, kann man zumindest froh sein, dass es diesmal Sokolov getroffen hat, da die deutsche Medienwelt in letzter Zeit geradezu überschwemmt wird mit Berichten über russische Pianisten und vor allem PianistINNEN, die zwar überfehlerfreie Technik verfügen - sofern man unter Technik das zuverlässig Treffen der Tasten versteht -, aber fast alles im fortissimo wegbrezeln und alle Komponisten, egal welcher Nationalität oder Epoche nach Rachmaninow-Muster einebnen. Die lyrische Phantasie Robert Schumanns geht dabei oft ebenso gnadenlos drauf wie die Melodien Franz Schuberts. Dieses Vakuum wird dann nicht selten durch ein besonders extrovertiertes Auftreten wettgemacht, tief geschlitzte Glitzergaderobe und vor allem durch Lautstärke (oft dann genannt "Leidenschaft") und einen besonders eifrigen (und leider nicht selten erfolgreichen) Kontakt zu deutschen Medien, wo fachfremde Journalisten dann schwer beeindruckt sind. Sokolov ist da einer der wenigen Ausnahmen - solche eher introvertieren Typen haben es generell ziemlich schwer, die verdiente Wertschätzung im Medienbereich zu erlangen. Deswegen war so ein Artikel über ihn - nach einer ganzen Reihe von Total-Flop-Artikeln zum Thema Pianisten - eine Art Lichtblick.
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