Abgehört - neue Musik Weißer Rocker, 42, verunsichert, sucht seinen Sound

Der Retter des Rock'n'Rolls verliert sich im Sample-Wahn - das neue Album von Jack White lässt viele Fragen offen. Außerdem: Neo-Soul aus Südafrika, Dystopie-Techno aus Montreal und verlässlicher Post-Punk aus Holland.

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Jack White - "Boarding House Reach"
(XL Recordings/Beggars, ab 23. März)

Schwer zu sagen, was man sich von einem wie Jack White heute erwartet. Vielen Fans wäre es wahrscheinlich völlig ausreichend, der glorifizierte Analog-Freak würde alle paar Jahre ein Album voller Banger raushauen, die man bei Konzerten, in Stadien oder auf politischen Kundgebungen mitnicken und -grölen kann. "Seven Nation Army", der wohl notorischste Rocksong der letzten 15 Jahre, 2003 noch mit den White Stripes und Drummerin Meg aufgenommen und veröffentlicht, ist so etwas wie Jack Whites "Satisfaction" geworden, der signature song, den jeder kennt und sich aufs T-Shirt schreibt, auch wenn's Trump-Unterstützer sind. So ist's halt, wenn man Rock'n'Roll-Superstar und -Millionär ist (und davon gibt es aus Whites Generation nur wenige): Dinge geraten aus dem Ruder, verselbständigen sich. Und das kann ein Kontrollfreak wie Jack White, 42, gar nicht gut haben.

"Over And Over And Over" ist der einzige Song auf "Boarding House Reach", dem dritten Soloalbum Whites nach "Blunderbuss" (2012) und "Lazaretto" (2014), der an den ruppigen, griffigen Stil der White-Stripes-Ära erinnert; er wirkt, wie der gelangweilte Titel schon andeutet, eilig hingehauen. Ein Zugeständnis, mehr nicht. Konzessionen sind auch das orgelschmissige "Connected By Love" und die zart verstolperte Countryballade "What's Done is Done", aber das war's dann auch mit geradlinigen Songstrukturen. Der Großteil des Albums ist so experimentell wie das Cover-Artwork, das ein gewitterumwölktes Gesicht zeigt, oben White, unten weiblich.

Ist das Whites Kommentar zur #MeToo-Debatte oder schlicht die Entdeckung seiner feminineren Seite, nachdem er jahrelang in archetypisch-verteufelnden Blues-Topoi über das andere Geschlecht sang? Der "Atlantic" widmete Whites "women problem" einst einen ganzen Artikel. Im elektronisch-verknuspelten "Respect Commander" stilisiert er sich jedenfalls erneut zum Opfer weiblicher Verführungsmacht, diesmal aber plakativ mit dem zeitgeistigen Respekt-Wort verbrämt: "And she's stringin' me along/ I'm 'bout to break, it's strong, so I can't detect it", singt er, während er die Gitarrenfeedbacks zu einem Brutalo-Blues anschwellen lässt. Die Verunsicherung des weißen Rockers in 12 Takten.

Abseits der Inhalte ergibt sich auch kein klareres Bild. Für die Produktion zog sich White mehrere Monate lang in eine Mietwohnung in Nashville zurück und regredierte zusammen mit einem Vier-Spur-Aufnahmegerät in jenen seligen Teenager-Zustand seiner Anfangsjahre. Entgegen seiner üblichen Praxis, stopfte er alle analogen Samples, die er selbst einspielte oder von einem erlesenen Kreis von Studiomusikern aus Rock und R&B erstellen ließ, sodann in einen Pro-Tools-Prozessor, um sie quasi unter Hip-Hop-Bedingungen abzumischen. "Boarding House Reach" ist also das erste digital zusammengebastelte Album Whites, der Rap gerne als Punkrock von heute bezeichnet. Fair enough.

Einige dieser Collagen, anders kann man sie nicht bezeichnen, haben aufregende Momente: das Stevie-Wonder-Funkriff in "Corporation", die Klavier-Moog-Gitarre-Dialoge in "Hypermisophoniac", der fast schon klassische Breakbeat-Flow von "Ice Station Zebra". Letztlich aber kommt White mit dieser augenscheinlich noch nicht abgeschlossenen Hybridisierung seines Sounds an einen Punkt, den Hip-Hop-Visionäre wie DJ Shadow oder die Beastie Boys (spätestens mit "Hello Nasty") bereits vor 20 Jahren erreicht hatten. Dass er mit diesem unbefriedigenden Zwischenwerk immer noch frischer klingt als viele seiner aktuellen Genre-Gefährten, wirft mal wieder viele Fragen über den Zustand des Rock'n'Rolls im 21. Jahrhundert auf. (6.0) Andreas Borcholte

The Ex - "27 Passports"
(Ex Records/Cargo, ab 23. März)

Pop ist eine marktförmige Kunst, und doch geschehen in seinen Nischen Dinge, die von einem unverwüstlichen Eigensinn zeugen. The Ex aus Holland sind so ein Ding, seit fast 40 Jahren. Ihre Wurzeln hat die Band im Punk, klingt aber heute wie losgelöst von allen Zwängen, die Genres, Fan-Erwartungen und Gelderwerb ansonsten mit sich bringen. Heißt in Bezug auf "27 Passports": Man macht einfach weiter wie auf dem vor acht Jahren erschienenen Vorgänger "Catch My Shoe" und differenziert die eigene Ästhetik weiter aus, unbelastet von allem, was den Energiefluss beeinträchtigen könnte.

In den Songs von The Ex finden Improvisation und Diszipliniertheit aus freien Stücken zusammen. Das gelingt nur einer Band, die ihre Mittel genau kennt, und die wären: dissonante Kratzgitarren, das komplexe, präzise Schlagzeugspiel von Katherina Bornefeld und immer wieder Noise-Ausbrüche, die seit der Auflösung von Sonic Youth in dieser Form niemand mehr hinkriegt. Die Musik ist für Einflüsse aus der Impro-Szene und der afrikanischen Musiktradition (zwei Platten, die The Ex mit dem äthiopischen Saxofonisten Getatchew Mekuria aufgenommen haben, gehören zu ihren besten). Man hört diesem ästhetischen System an, dass es nur die eigenen Grenzen akzeptiert.

Andreas Borcholtes Playlist KW 12
SPIEGEL ONLINE

Playlist auf Spotify

01 Jonny Greenwood: Sandy’s Necklace

02 Answer Code Request: Sphera

03 Essaie pas: Substance M

04 Perel: Die Dimension

05 Jack White: Corporation

06 Chuck Strangers: Style Wars (feat. Joey Bada$$)

07 Let’s Eat Grandma: Hot Pink

08 Nakhane: Presbyteria

09 1010 Benja SL: Wind Up Space

10 Courtney Marie Andrews: Kindness Of Strangers

"27 Passports" beginnt mit einer Beschreibung dessen, was diese Band nicht ist, nämlich normiert: "Soon all cities will have the same restaurants/ Soon all cities will have the same roundabouts/ Soon all cities will have the same governments / Soon all cities will have the same accidents", rezitiert Sänger Arnold de Boer. Und dann entfachen die Gitarren aufwiegelnden Krach, quasi aus Notwehr.

Das einzige, was an dieser Platte hin und wieder ungut auffällt ist, wie routiniert diese Band inzwischen agieren kann. Aber wenn man mit sich und seiner Musik so offensichtlich im Reinen ist, dann ist Routine ja auch etwas ausgesprochen Schönes. (7.5) Benjamin Moldenhauer

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Essaie pas - "New Path"
(DFA, seit 16. März)

Soziale Dystopien sind ja wieder in, neoliberal verkatert, man könnte sogar sagen: Wir leben mittendrin. Man möchte sich am liebsten eine Dosis "Substance D" verabreichen und sich in eine schönere Welt halluzinieren, wie die Junkies in Philip K. Dicks Roman "A Scanner Darkly", in dem er seine eigenen Erlebnisse in der Drogenszene verarbeitete. Von seiner Frau verlassen, lud sich der Schriftsteller, der die Vorlage zu "Blade Runner" schrieb, einfach wildfremde junge Leute in sein leeres Haus - und begann in dieser High-Risk-Kommune allmählich selbst in eine Welt aus Wahn und Paranoia abzudriften, wie sein Protagonist, der Drogenfahnder Bob Arctor im Buch. Essaie pas, ein französischsprachiges Techno-Duo aus Montreal, haben ihr neues Album nun dieser visionären Story gewidmet - und nannten es analog zur Nervenheilanstalt, in die Arctor letztlich eingewiesen wird, "New Path".

Mit den tristen Seiten des hedonistischen Club-und Partydrogen-Treibens hat sich Sängerin Marie Davidson schon intensiv auf ihrem beklemmend lasziven Soloalbum "Adieux au dancefloor" (2016) beschäftigt, zuvor debütierte sie zusammen mit Ehemann Pierre Guerineau einen experimentelleren Noir-Sound, der sich bereits auf "Demain est une autre nuit" in futuristische Soundtracks erstreckte.

"New Path" wirkt wie eine noch ambitioniertere Fortsetzung dieser Fusion aus Minimal-Techno und nachtfeuchten Sphärenklängen. Es geht, wie in jedem guten Thriller, vor allem darum, eine durchgängig abgründige Stimmung aufzubauen und zu halten, als wäre "New Path" tatsächlich die Begleitung zu einem Film oder einer Installation, die 40 Jahre Zeitgeist klanglich transzendiert.

Abgehört im Radio
Mittwochs um 23 Uhr gibt es beim Hamburger Web-Radio ByteFM ein Abgehört-Mixtape mit vielen Songs aus den besprochenen Platten und Highlights aus der persönlichen Playlist von Andreas Borcholte.

"Futur parlé" setzt mit Horrorfilm-Streichern und Synthies und Davidsons kühlem Sprechgesang eine Atmosphäre, die angemessen eerie ist. Kurzzeitige Nervenpause gibt es im Yello-artig verspulten "Complet Brouillé" ("Komplett benebelt"), bevor es in "Les agents du stups" ("Drogenfahnder") und "Substance M" hart und unerbittlich Beats hagelt, bis die Birne weich genug für den ambienten Titeltrack mit seinen Irrenhaus-Kontemplationen aus dem Off ist. Timothy Leary hätte seinen Spaß an dieser den Zeitgeist transzendierenden Musik für Identitätskrisen gehabt. Philip K. Dick sowieso. (7.7) Andreas Borcholte

Nakhane - "You Will Not Die"
(BMG Rights, seit 16. März)

Eines Nachts, sagt Nakhane Touré, träumte er das genaue Datum seines Todes. Was für manche, in Sicherheit lebende, Menschen traumatisierend sein kann, bedeutete für den jetzt 29-jährigen Xhosa-Sänger aus Südafrika die ultimative Befreiung. Strenggläubig aufgewachsen, rechnete er täglich damit, vom Zorn Gottes niedergestreckt zu werden. Als er 20 war, hatte er sein Coming-out, aber für einen Schwulen in Südafrikas Gesellschaft hieß das noch lange nicht, dass damit alle Seelenpein endete.

Dem entscheidenden Traum, der alles änderte und letztlich auch dazu führte, dass sich Nakhane vom Glauben lossagte, verdankt sein zweites Album den Titel und zugehörigen Song "You Will Not Die" - eine ätherische Piano-Ballade, mit verhaltener Intensität gesungen, fast geflüstert, mit der ein Individuum für seinen erlebten Schmerz eine aurale Kathedrale baut. Das erinnert an Vorbilder wie Arca und Anohni, auch wenn Nakhanes Soul-Stilistik weitaus weniger avantgardistisch gestaltet ist. Produziert wurde das Album, sein zweites, von dem britischen Elektronik-Songwriter Ben Christophers (Bat for Lashes, Cold Specks). Es enthält seelenvolle Hymnen der Selbstvergewisserung, die Touré mit berührend verletzlicher Stimme, einem brüchigen Falsett vorträgt, das in besonderen Momenten ("The Dead") an Terence Trent D'Arby erinnert.

Best-of "Abgehört"

Unsere wöchentlich aktualisierte Playlist

Nur selten, im schnell dahintreibenden "Clairvoyant" oder in "Red Star", fügt Nakhane seinem Sound die tribalen Elemente seiner Heimat hinzu; "Interloper", ebenfalls eine Ausnahme im zuweilen etwas eintönig balladesken Flow, lässt Gospelchöre zu frühen Depeche Mode marschieren. "Presbyteria" mit seinem griffigen Refrain ("Black and white never looked so good") ist der ins Radio drängende Pop-Hit des Albums.

Songs wie dieser und seine parallel laufende Karriere als Schauspieler (im packenden Initiationsdrama "Inxeba" ("The Wound"), das bei der Berlinale im Februar für den LGBT-Preis Teddy nominiert war), machen den androgynen Sänger zu einer der interessantesten neuen Pop-Persönlichkeiten. Das Datum seines im Traum offenbarten Ablebens verrät er übrigens nicht. Die Selbstsicherheit, die er mit "You Will Not Die" eindrucksvoll unter Beweis stellt, lässt vermuten, dass es weit in der Zukunft liegt. (7.0) Andreas Borcholte


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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insgesamt 32 Beiträge
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Seite 1
mick richards 20.03.2018
1.
Vllt. liegt es auch an meinem alter (55), aber das interesse das ich früher für auch niveauvolle musikmagazine hatte und was es neues in der rock-und popwelt gibt, ("rolling stone" "musik-express" usw.) ist mir völlig abhanden gekommen.
PremiumB 21.03.2018
2. Klasse White
Das Album werde ich mir zulegen. Wenn ein verkrampft moralisierender "Kunstkenner" vom Spiegel es mehr oder weniger zerreist muss es gut sein. Denn von Rockmusik haben die hier keine Ahnung. Die haben Rockmusik noch nie verstanden. Mögen sie abends bei einem Rotwein Freejazz hören und meinen sie gehören zu kulturellen Oberschicht. Wir hören Rock und Jack White ist genial. Danke für die Kritik. Eine echte Hilfe, wie beim Tatort;-)
philosophus 21.03.2018
3. Die Technik zählt nur als Nebensache ...
Ob White -oder egal wer- Sampler oder Pro-Tools, DAW' s oder Workstations für die Produktion seiner Songs benutzt, ist zweitrangig. Das Einzige was zählt ist das Endresultat... meiner Meinung, nicht unbedingt umwerfend...
Karl Hungus 21.03.2018
4. Wenn man keine Ahnung hat...
einfach mal die Klappe halten, Herr Borcholte. "analoge Samples" "Pro-Tools-Prozessor" "unter Hip-Hop-Bedingungen". Du lieber Himmel was soll so ein Geschwätz denn bedeuten ? Kryptischer pseudotechtalk von Leuten die keine Ahnung haben worüber sie schreiben. Frei nach Zappa: Plattenkritiken werden von Leuten geschrieben die nich schreiben können für Leute die nicht lesen können. Uralt gilt aber anscheinden immer noch.
dagenhamdave 21.03.2018
5. Noch kein gutes Album in 2018
Seit Monaten werden bei "Abgehört" nur schlechte Platten besprochen, aber was bleibt den Schreibern auch anderes übrig. Bisher nur schlechte Alben in 2018! Jack White, der Retter des Rock'n'Roll? OH NO! Wenn einer als Retter bezeichnet werden kann, dann ist das wohl Mr. Pete Doherty! Das Jahr wird besser und am 13. April geht's damit los: Simone Felice - "The Projector" (Hoffentlich legen die Felice Brothers diese Jahr auch noch nach. Hoffentlich!)
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