Can-Schlagzeuger Jaki Liebezeit ist gestorben

Er reduzierte sein Schlagzeugspiel, bis aus der Monotonie Groove wurde: Jaki Liebezeit war ein wichtiger Bestandteil der Gruppe Can, die als Krautrockband weltweiten Einfluss hatte. Nun ist er 78-jährig gestorben.

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"Jaki Liebezeit war ein Schlagzeuger, ein Jazzschlagzeuger, der sich irgendwann entschloss, sich komplett zu reduzieren und alles zu vergessen, was er gelernt hatte." So charakterisierte Michael Rother, Gitarrist der Düsseldorfer Band Neu!, was das Spiel des Mannes ausmachte, der den Rhythmus bei der Kölner Band Can vorgab - Can und Neu! galten als die wohl wichtigsten Vertreter einer musikalischen Bewegung im Westdeutschland der Siebzigerjahre, der die britische Presse den Namen Krautrock gab.

1938 in Dresden geboren, spielte Jaki Liebezeit in den Sechzigern in Free-Jazz-Formationen und in Barcelona mit Chet Baker. 1968 trat er der von den Stockhausen-Schülern Irmin Schmidt und Holger Czukay in Köln gebildeten Band Can bei. In einer BBC-Dokumentation von 2009 sagte Liebezeit: "Wir wollten keinen Rock'n'Roll spielen, weil wir damit nicht geboren waren, wir mussten unseren eigenen Weg finden." Für seinen eigenen Weg bekam der Schlagzeuger nach eigener Aussage die entscheidende Anregung von einem Hippie auf LSD-Trip: "Du musst monoton spielen." Also probierte Liebezeit mit Wiederholungen herum und fand so zu dem hypnotischen Stil, der Cans Sound prägte.

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Can-Drummer Jaki Liebezeit: Wie eine Maschine, die zuhört

"Die deutsche Presse hat über Can geschrieben, sie seien roboterhaft, monoton, düster", erinnerte sich Blixa Bargeld von den Einstürzenden Neubauten in der TV-Reihe "Pop 2000". Dabei hatte die Band mit dem Song "Spoon" den Soundtrack zum Durbridge-Straßenfeger "Das Messer" geschrieben, deshalb waren Can auch zur Verleihung des Adolf-Grimme-Preises 1972 geladen. Sie trieben die TV-Honoratioren binnen Minuten aus dem Saal.

Doch in Großbritannien wurden Can in den Siebzigerjahren sehr gefeiert, wurden in den Feuilletons besprochen, hatten Fernsehauftritte und beeindruckten junge Musiker wie den späteren Sex-Pistols-Sänger John Lydon: Er erlebte bei einem Can-Konzert "den erstaunlichsten Schlagzeuger, den ich bis dahin gehört hatte!" Lydon schreibt in seiner Autobiografie: "Vielen Dank, Jaki Liebezeit! Dieser Sound, diese Verwegenheit - so was musste man sich erst mal trauen."

Im Krautrock-Buch des britischen Musikjournalisten David Stubbs ("Future Days" von 2014) spricht Jaki Liebezeit über den Ruf als menschliche Maschine am Schlagzeug: "Ja, irgendwie muss man wie eine Maschine spielen können. Doch man kann besser sein als eine Maschine, weil man das menschliche Ohr hat. Man kann hören, was um einen herum vor sich geht." Diese Mischung aus formaler Strenge und maximaler Offenheit machte den Charme aus von Can, einer Band, die ausdrücklich als Kollektiv arbeitete - "Keiner durfte der Führer sein", so Liebezeit.

Nach dem Ende von Can spielte Jaki Liebezeit mit Musikern wie Brian Eno, Depeche Mode, den Eurythmics und Jah Wobble. Neu!s Michael Rother begleitete er bei vier Soloalben. In den Nullerjahren arbeitete er regelmäßig mit dem Elektronik-Musiker Burnt Friedman an dem Projekt "Secret Rhythms". Im April hätte er mit den Can-Kollegen Irmin Schmidt und Malcolm Mooney in London zu einem Konzert zum 50-jährigen Bandjubiläum von Can zusammenkommen sollen.

Wie die offizielle Facebook-Seite der Band Can bestätigt, ist Jaki Liebezeit am Sonntag an den Folgen einer Lungenentzündung gestorben. Er wurde 78 Jahre alt.

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