Zum Tod von Jalal Mansur Nuriddin Der erste Rapper

Der Geheimdienst überwachte ihn, Public Enemy vergötterten ihn: Jalal Mansur Nuriddin von den Last Poets hat 1973 das erste Rap-Album aufgenommen. Nun ist er im Alter von 73 Jahren gestorben.

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Zwei Brüder auf den Straßen von New York, Drogen verkaufen, Frauen aufreißen, in Schießereien stolpern, im Knast enden. Die Langspielplatte "Hustler's Convention" über die fiktiven Brüder Sport und Spoon ist klassischer Gangsta-Rap - es entstand allerdings zu einer Zeit, als die Begriffe Gangsta und Rap noch nicht ihre heutige, medial verstärkte und kommerziell ausgebeutete Bedeutung besaßen: 1973.

Damals haute der junge New Yorker Musiker Jalal Mansur Nuriddin unter dem Pseudonym Lightnin' Rod seine Getto-Funkmeldungen als derart gestochen scharfe Kaskaden heraus, wie man sie so noch nicht gehört hatte. Jalal, wie er sich in späteren Jahren als Solokünstler nannte, war in den Brooklyn Projects aufgewachsen, schon als Jugendlicher hatte er den Strafvollzug kennengelernt.

Mit dem damals maßlos erfolglosen Album setzte der Sänger und Dichter Marvin Gayes "Inner City Blues" und Gil Scott-Herons "The Revolution Won't be Televised", den beiden zentralen politischen Epen aus der Soul-orientierten afroamerikanischen Diaspora Anfang der Siebzigerjahre, eine unversöhnliche Konkretisierung entgegen: Die Worte suchten sich keine Melodien mehr, sie legten sich wie selbstverständlich über den harten Jazzfunk, im Hintergrund hallten Schusswaffen. Rap war geboren.

"Landkarte des Gettos"

So schlecht sich das Album verkaufte, so oft wurde "Hustler's Convention" zitiert. Es avancierte zu einer Art universalem Taktgeber für den Hip-Hop. Grandmaster Flash spielte die Tracks Ende der Siebzigerjahre auf seinen Partys, Chuck D. von Public Enemy feierte es später als immer gültige "Landkarte des Gettos", der Wu-Tang Clan und die Beastie Boys samplten Passagen.

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Jalal Mansur Nurridin: Groove, aus Wut gewonnen

So süffig und lustvoll hier die Ingredienzen aufgefahren wurden, die später im besinnungslos konsumistischen Gangsta-Rap zum Einsatz kamen: Die Botschaft war politisch. Militant politisch. Mit dem letzten Rhyme auf dem bahnbrechenden Werk verweist Jamal auf die sozialrevolutionäre Stoßrichtung seines Schaffens: "The real hustlers were rippin' off billions / From the unsuspecting millions". Die Verbrecher hängen nicht auf der Straße ab, sie sitzen in den Konzernen

Schon 1969 war Jalal bei den Last Poets eingetreten, einem Ensemble, das innerhalb des Harlem Writers' Workshop gegründet wurde. In ihren anfänglich zu zerklüfteten Percussions vorgetragenen Spoken-Word-Tracks propagierten die Last Poets einen schwarzen Nationalismus, sie unterstützten die radikale Nation of Islam, Mitglieder mussten immer wieder ins Gefängnis, zwischenzeitlich soll die Gruppe vom Geheimdienst abgehört worden sein.

Touren blieben trotzdem rar

Auf ihrem ersten Album richteten die Last Poets 1970 brutal-sarkastische Ansprachen an die als phlegmatische empfundene afro-amerikanische Community, sie forderten "Wake Up, Niggers". Kritik, die umso harscher wirkte, da sie zum Teil nur zum kargen Rhythmus der Conga vorgenommen wurde. Später entwickelten die Last Poets einen üppigeren, aber immer noch ganz dem gesprochenen Wort untergeordneten Funk-Groove. Er legte die Basis für das, was wir heute Hip-Hop nennen.

In den Siebzigerjahren waren die Last Poets extrem erfolglos, dann erfolgte in Etappen ihre Wiederentdeckung. Anfang der Achtzigerjahre beriefen sich die ersten Hip-Hop-Pioniere aus der Bronx und Brooklyn wie Melle Mel oder Fab Five Freddy auf sie, Ende der Achtziger wurden sie von den Acid-Jazz-Connaisseuren aus London gefeiert. Wie Jalal und seine Bandkollegen Worte tanzbar machten, davon lernten dann auch britische Jazz-Hopper wie Galliano oder, nun ja, Jamiroquai.

Touren von Jalal oder den Last Poets blieben trotzdem rar. Kam schließlich doch mal eine zustande, konnte man Zeuge werden, wie unter minimalistischer perkussiver Begleitung das Wort zum Rhythmus und die Wut zum Groove wurden. Auch Jahrzehnte nach "Hustler's Convention". Hip-Hop in seiner pursten Form.

Wie seine Familie bekannt gab, erlag Jalal Mansur Nuriddin, der erste Rapper überhaupt, einer Krebserkrankung. Er wurde 73 Jahre alt.


Am 17. August feiern die Last Poets auf dem Internationalen Sommerfestival auf Kampnagel in Hamburg ihr 50-jähriges Bandjubiläum. Am 16. August spielen sie im Rahmen des Berliner Festivals Pop-Kultur. Jalal gehörte schon seit einigen Jahren nicht mehr zum Tour-Ensemble der Last Poets.



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Jasro 05.06.2018
1. Ich bin nicht so der 'Rap-Experte'...
...aber ich dachte bisher immer "Rapper's Delight" von Sugarhill aus dem Jahr 1979 sei der "Urvater aller Rap-Songs"? Naja, wieder was dazugelernt.
sakko 05.06.2018
2. Irrtum
Der 1. Rapper war Pigmeat Markham. Wer es nicht glaubt sollte sich mal dessen "Here comes the judge" von 1968 anhören.
klogschieter 05.06.2018
3. Word!
Ich bin nun auch nicht gerade der Experte vor dem Herren, was HipHop angeht, sondern wurde wie so viele Möchtegernundergroundgitarrenkids erst mit De la Soul mit der Nase drauf gestoßen, dass diese Musik schockierend lebendiger war als die millionste Velvet Underground-lookalike-soundalike-Schrammelband. Aber die Last Poets haben wir alle denn doch kapiert. Zu denen konnte man tanzen, und sei es nur im Wohnzimmer, wenn die Dame draußen zugange war. Ich bin überrascht und gerührt, dass der Mann hier seinen Spiegelartikel kriegt. Dankeschön dafür, und danke auch für das "nun ja" vor Jamiroquai.
northernnative 05.06.2018
4. Rap-Experte...
Zitat von Jasro...aber ich dachte bisher immer "Rapper's Delight" von Sugarhill aus dem Jahr 1979 sei der "Urvater aller Rap-Songs"? Naja, wieder was dazugelernt.
.. bin ich auch nicht, ich stehe der Rock-Szene nahe. Aber "Rapper's Delight" von Sugarhill ist vergleichbar mit einer Helene-Fischer-Version von Metallica's "Enter Sandman". Meines Wissens fehlte dem Song das Wichtigste: Die Message, der Text ist nämlich völlig belangloses Zeug.
toninotorino 05.06.2018
5. Oh Mann! Last Poets!
Kamen mir Anno Dazumal in der NDR Reihe "Blues am Dienstag" erstmals zu Ohren. Ich weiß nicht mehr, wie der Redakteur hieß, der sie ausgegraben hatte. Klaus Wellinghaus, hieß er, glaube ich. Einer der Helden meiner Jugend. Könnte auch Tony Sheridan gewesen sein. Auch einer. Ich begann gerade als 15 , 16jähriger Blues zu entdecken und dann das: Last Poets. Das war damals sowas von Radikal. Ghetto war es nicht. Eher Black Panther. Ah! Tolle Zeit!
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