Abgehört - neue Musik Entzückende Entpuppung

Bye bye Depression: Ausgerechnet Trauerbarde James Blake entwickelt auf seinem neuen Album Frühlingsgefühle. Außerdem: Das Debüt von Pop-Wunder Alice Merton und die Rückkehr von LUH und Sharon Van Etten.

Von und


James Blake - "Assume Form"
(Polydor/Universal, ab 18. Januar)

Man konnte es ahnen, als James Blake sich im Vorprogramm der "Damn"-Tournee seines Kumpels Kendrick Lamar durch ein überraschend energisches Set spielte: Im Leben des jetzt 30-jährigen Londoners, der mit seinem verhuschten, elektronisch vertrackten Falsett-Soul ein ganzes Pop-Genre definierte, nennen wir es Post-R&B, hatte sich etwas Fundamentales verändert. Normalerweise will man Rückschlüsse aus dem Privatleben auf das Werk eines Künstlers ja vermeiden, aber Blake selbst bestätigte inzwischen den positiven Einfluss seiner Freundin Jameela Jamil auf sein bis dato depressives Gemüt. Der ebenfalls aus England stammende TV-Star ("The Good Place") kam bereits vor drei Jahren in beider Wahlheimat Los Angeles mit Blake zusammen; im vergangenen August verkündete der zarte Barde dann schlicht, aber ergreifend auf Instagram unter einem gemeinsamen Foto: "I love her".

Kein Wunder also, dass auf seinem vierten Album, dem ersten nach der schwer verdaulichen Tristesse-Tortur "The Colour In Anything" (2016) plötzlich warme Frühlingsfarben und belebte Sounds dominieren. "I will assume form/ I leave the ether" - ich werde den Äther, das Ephemere verlassen und Form annehmen, greifbar werden, kündigt Blake über kristallin perlenden Piano- und Steeldrum-Klängen und luxuriösen Streichern im Titelsong an. Das Tempo ist noch zaghaft, die Stimme schüchtern, der Text voller Zweifel, aber man merkt nicht nur an den verfremdeten Kinderchören im Hintergrund: In den vormals unterkühlten Musiklandschaften Blakes fängt es an zu fließen und sprießen.

Andreas Borcholtes Playlist KW 3
SPIEGEL ONLINE

Playlist auf Spotify

1. James Blake: Don't Miss It

2. Sharon Van Etten: Seventeen

3. Jadu: Friedliche Armee

4. Lost Under Heaven: Bunny's Blues

5. Steve Gunn: Vagabond

6. Anna Aaron: Boy

7. Alice Merton: Learn To Live

8. Relatiiv: Bad Girl

9. Jessica Pratt: Poly Blue

10. Efdemin: New Atlantis

Ähnlich beschwingt geht es weiter: "Mile High" macht handfeste Hip-Hop-Ausflüge mit Gast-Rapper Travis Scott, "Tell Them" (mit Moses Sumney) flicht verführerische Latin-Lianen um einen forsch nach vorne ratternden Beat. Neo-Flamenco-Star Rosalía duettiert mit Blake im ebenfalls tänzelnden "Barefoot In The Park", alle Energielevel zeigen nicht mehr auf Sparmodus, sondern fiebern "Into The Red", wie eine Ballade zwischendurch heißt. Zur Mitte des Albums hält Blake kurz inne und staunt über sich selbst: "Can't Believe The Way We Flow" jubiliert er in ein polyphones Stimmengewirr und Fragmente einer schwelgerischen Motown-Hymne.

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Aber auch, wenn der besinnlich hingeorgelte Gospel "Are You In Love" schon fast radiotauglich wirkt und das misstrauische "Where's The Catch" einen nassforsch-nervösen Rap von André 3000 präsentiert: Keines der Genres, die Blake hier durchstreift, manifestiert sich eindeutig, jeder angedeutete Groove, jeder Melodiebogen oder Mini-Hook wird hinter Klangmembranen versteckt. Zurück sind die "Glitches", die Lücken und graduellen Rhythmusverschiebungen, die Blake einst mit seinem Debüt und dem Durchbruchalbum "Overgrown", als Markenzeichen etablierte: All-out ist nicht. Blake bleibt Blake. Aber die Dämonen, die Einsamkeit, die Entfremdung, all das scheint fürs Erste passé.

Die gespenstisch verhallte und unruhige Single "If The Car Beside You Moves Ahead" aus dem letzten Jahr ist deshalb wohl auf "Assume Form" nicht enthalten, dafür aber die ebenfalls vorab veröffentlichte Ermutigungsballade "Don't Miss It". James Blake hat die Chance, die sich ihm bot, nicht verpasst - und sich neue musikalische und emotionale Welten eröffnet. Eine entzückende Entpuppung. (9.0) Andreas Borcholte

Sharon Van Etten - "Remind Me Tomorrow"
(Jagjaguwar/Cargo, ab 18. Januar)

Jeder sollte aufpassen, mit wem er zusammenzieht. Klar. Wenn man aber eine den Saiten und Pianotasten verschriebene Singer/Songwriterin ist, sollte man es sich lieber viermal überlegen, ob man mit einem Jupiter-4-Synthesizer-Besitzer Wohnraum teilen möchte. Denn sieht man diesen Synthesizer tagein, tagaus, wächst die Wahrscheinlichkeit, dass man ihn auch mal mit in sein Zimmer nimmt, an seinen Computer anschließt, und so völlig unbeabsichtigt ein dem eigenen Werk völlig unähnliches Album produziert.

Sharon Van Etten ist genau das passiert. "Remind Me Tomorrow" heißt ihr neues Album. Es ist eine Text-Musik-Schere, die einen auf das Angenehmste aus dem Alltag ausschneidet. Musikalisch ist sie so trockeneisneblig dramatisch wie nur möglich, textlich aber - der Titel insinuiert es - drückt sie Gelassenheit aus.

Denn große Veränderungen liegen hinter der US-Musikerin. Nach der Tour zum Vorgängeralbum "Are We There" (2014), war sie von sich, ihrer Gitarre und ihrem Schaffen genervt. Sie kam mit ihrem Drummer zusammen. Aus der Zusammenkunft entstand ein Kind. Das Cover des Albums ziert Kinderzimmerchaos. Es ist ein Foto, das ihr eine befreundete Künstlerin gezeigt hatte, auf ihre Frage hin, ob Kunst und Kinder miteinander zu vereinbaren seien. Gemessen an Van Ettens Album sind sie es. Unbedingt.

"I Told You Everything", der erste Song, kann noch als zartes Bindeglied zum Vorgänger gesehen werden. Aber kaum ist er vorüber, dröhnen einem die von James Congleton (St. Vincent, Anna Calvi) produzierten Bässe. Die Produktion von "No One's Easy To Love" oder "You Shadow" ist so dicht, dass sie Van Ettens flehentlichen Gesang fast unter sich begräbt.

Der Verursacher dieser Entwicklung verewigte sich gleich in einem Songnamen: "Jupiter 4" erzählt in Weltuntergangsstimmung vom Finden der großen Liebe. "Baby, Baby, Baby/ I've been waiting my whole life for somebody like you" tönt es: Mehr Kate Bush geht nicht. Im nächsten Song, "Seventeen", hört man das dunkle Grollen ausklingen. Im Smog über Amerika geht die Sonne auf. "Downtown harks back, halfway up the street, I used to be free, I used to be seventeen" singt Van Etten und ist nun Bruce Springsteen. Das Einzige, was man diesem wunderbaren "neuen" Album ankreiden kann, ist, dass man "neu" in Anführungsstriche setzen muss. Aber irgendwie ist das jetzt gerade auch egal. Erinnert mich morgen noch mal daran. (7.5) Julia Friese

Alice Merton - "Mint"
(Paper Plane Records/Sony, ab 18. Januar)

Dieses Gitarrenriff, das klingt doch nach… "Beat It", genau, Michael Jacksons altem Gassenhauer. Damit - und dem zugehörigen Song "Learn To Live" - eröffnet Alice Merton gut eineinhalb Jahre nach dem Hit "No Roots" ihr Debütalbum. Muss man sich trauen, aber für die Popakademie-Absolventin Merton ist "Beat It" natürlich genau das richtige Statement. Die 24-Jährige, die in England, Kanada und den USA aufwuchs, hat bis auf Weiteres der deutschen Musikbranche ein Schnippchen geschlagen. Sie hat es nicht nur geschafft, "No Roots" ohne große Label-Unterstützung zu einem internationalen Erfolg zu machen (u.a. Platz eins der alternativen Billboard-Charts in den USA), sie hat sich auch erst einmal Zeit gelassen, den Hype vorbeiziehen zu lassen und mit ihm leben zu lernen. Das hat sich gelohnt, denn "Mint", benannt nach dem Pfefferminzfetisch der Sängerin, ist ein gutes, konzentriertes Album geworden.

Das liegt auch daran, dass Merton ihre Angelegenheiten in einem engen Zirkel zusammenhält. Mit ihrem Manager Paul Grauwinkel, dem sie den Song "2 Kids" widmete und dem Komponisten Nicolas Rebscher (früher u.a. Balbina) bildet sie eine autarke Zelle - und so souverän und um Resilienz bemüht klingen dann oft auch ihre Lieder. "Funny Business" zum Beispiel, in dem die gerne etwas stirnrunzelnd wirkende Merton sich angenehm lockermacht - und gleichzeitig betont, dass sie für krumme Dinger nicht zu haben ist.

No Bullshit also. Und klar, wir reden hier über Pop, die Zutaten sind denkbar übersichtlich: Ein Riff, ein markanter Basslauf, ein paar Sound-Mätzchen und ein widerhakender Hook - so funktionieren Mertons effiziente, an Discorockern wie den Killers geschulten Hymnen. Manchmal, in "Why So Serious" oder "Homesick" spreizen sie sich vielleicht etwas zu breitbeinig auf den Massenmarkt USA, statt die strenge Reduktion, die "No Roots" so zwingend machte, zu vertiefen und das dunkel Getriebene darin zu betonen. In "Honeymoon Heartbreak" versucht sich Merton dann durchaus als Lana-Del-Rey-Konkurrenz, drückt aber zu sehr auf die Pathostube. Egal, muss alles mal ausprobiert werden.

Abgehört im Radio
Mittwochs um 23 Uhr gibt es beim Hamburger Web-Radio ByteFM ein Abgehört-Mixtape mit vielen Songs aus den besprochenen Platten und Highlights aus der persönlichen Playlist von Andreas Borcholte.

Bestimmendes Element bleibt, auch wenn es musikalisch mal dünner wird, Mertons volltönende Stimme, mit der sie ein schnippisches Knurren zum fieberhaften Flehen entfesseln kann - wie im schwerblütigen "Speak Your Mind" oder im potenziellen "No Roots"-Nachfolger "Lash Out", der sich irgendwo zwischen Joan Jett und Gwen Stefani positioniert. Darauf ein kühlendes Minzblättchen. (6.9) Andreas Borcholte

Lost Under Heaven - "Love Hates What You Become"
(Mute/Pias, ab 18. Januar)

Die Pop-Dialektik von Ellery James Roberts ist eine sehr feine: "My Generation's Burning/ And Still We Sing Our Love Songs", singt er zusammen mit Partnerin Ebony Hoorn und begleitet von Kinderchören im programmatischen "Post-Millenial Tension" - und meint das durchaus als Anklage an alle zeitgenössischen Musikanten, sich des politischen Sturms und gesellschaftlichen Drangs der Weltlage nicht hinreichend bewusst zu sein. Anders als Lost Under Heaven natürlich, die Band, die sich vor drei Jahren mit ihrem umwerfenden Debüt als flammendes Weltschmerz-Conduit empfohlen hat. Aber was machen Roberts und Hoorn heute, drei Jahre tiefer in der allgemeinen Darkness? Singen Liebeslieder wie den Titelsong von "Love Hates What You Become", als gäbe es kein Heute, sondern nur ein utopisches Morgen.

Kann man machen - und dient auch der Massen- oder Poptauglichkeit von LUH, die dem Duo trotz Kritikerlob bisher verwehrt blieb. Aber lässt dann halt doch einiges von der Gegenwarts-Fiebrigkeit des Debüts vermissen. Schön ist es, wenn Hoorn mit fatalistischem Hope-Sandoval-Duktus auch längere Passagen oder gar einzelne Songs alleine singen darf ("Bunny's Blues", "Black Sun Rising"), aber gefährlich angespannt klingen Lost Under Heaven immer erst dann, wenn Roberts sein Erlöserpathos mit heiserem Jack-White-Lamento zu einem Höllenblues entfesselt ("Savage Messiah", "For The Wild").

Musikalisch leitete der zurzeit allgegenwärtige Alternative-Produzent John Congleton (siehe Sharon Van Etten oben) den Elektro-Goth-Furor von LUH in genießbarere, da konservative Bahnen, was den britischen NME schon hämen ließ, LUH seien nur noch einen intellektuellen Schritt von Imagine Dragons Konsorten entfernt. Es fehlt die schroffe, postapokalyptische Verkarstung, die Haxan Cloak's Bobby Krlic dem Debüt angedeihen ließ. Sie war es, die den an von U2 und Springsteen entliehenen Achtzigerjahre-Bombast der Songs ironisch gebrochen erscheinen ließen. Jetzt wirkt er ernst gemeint. Und das leidenschaftliche Aufbäumen der Band an mancher Stelle unfreiwillig komisch. Im Stadion, im Lichtermeer, wo eine Rockband wie Lost Under Heaven hinwill und auch hingehört, wird's funktionieren. (7.1) Andreas Borcholte


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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Abgehört: Die wichtigste Musik der Woche


insgesamt 26 Beiträge
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Seite 1
Motorpsycho 16.01.2019
1.
James Blake zieht mir ja die Schuhe aus. Was für eine knödelige, quäkige schlimme Stimme und dann auch noch derartig mit Effekten überladen, dass man vor lauter Kunstvibrato einen Speieimer sucht. LUH hingegen gefällt und lässt mich an eine dreckige Version der Waterboys denken.
angst+money 17.01.2019
2.
Urks, dieses mal muss ich die Ohren einziehen und mich Poster 1 mit dem netten Nutzernamen (Snah is God!) anschließen. Aber ich will nicht rummeckern, ein paar coole Sachen habe ich durch diese Rubrik hier auch schon entdeckt.
toninotorino 17.01.2019
3. Hört doch auf mit diesem Müll!
Diese quängelnden Stimmen ala J. Blake kann ich nicht mehr hören! Davon gibt es mittlerweile hunderte Typen, die genau mit dieser pseudo-gefühlduseligen Stimme trällern. Auch diese ganze computerisierte Instrumentierung dieser Musik, Mist. Vorgaukelung synthetischer Gefühlswelten. Ein einziger Brei. Es gibt doch bessere Musik, verdammt noch mal.
Papazaca 17.01.2019
4. Schön, wenn man weiß, was einem nicht gefällt
Also, im Gegensatz zu Motorpsycho gefiel mir die Erste von James Blake sehr gut. Die Stücke hier fand ich esoterisch, überzockt. Auch die anderen Vorstellungen haben mich nicht vom Hocker gehauen. Aber ich freue mich, weil ich weiß, das ich das sicher nicht kaufe. Werde mir in Kürze nochmal den Rest der Liste anhören, man weiß ja nie. Ansonsten: Geschmack ist eben unterschiedlich, "so what" ..
toninotorino 17.01.2019
5. Anmerkung
Kann es sein, dass diese Abgehört-Rubrik an den musikalischen Vorlieben der Leser vorbei geht? Auch die, für meinen Geschmack, zu schwülstige textliche Sprache, mit der die CD´s vorgestellt werden, geht mir auf den Senkel. "Entzückende Entpuppung": Das ist doch Kitsch! Seit Jahren lese ich diese Abgehört-Rubrik. Wenn ich mir dann die Forumsbeiträge durchlese, von wem auch immer, die sind doch zehnmal spannender und origineller, als das, wie und was hier vorgestellt wird von der Redaktion. Und sie zeigen mir, dass das, was im Forum diskutiert wird, offenbar wenig mit der Musik, die die Redaktion präsentiert, zu tun hat. Offenbar hören die meisten Leser andere Musik. Authentischere. Echtere. Die hören doch andere Musik!! Und ich behaupte: Bessere. Sind wir hier bei der Bravo?? Das ist doch zu 90% Mucke zum Davonlaufen, die hier vorgestellt wird. Wer hört den diesen Mist. Was unechteres gibt esdoch gar nicht. Als ob es nicht was anderes an Musik gibt. Gibt es da Verträge oder Vorgaben, welche Mucke besprochen werden darf? Soll ein Teenie-Publikum bedient werden? Das ist doch Schwulst, was hier vorgestellt wird. Immer der gleiche pappige Sound, fehlt nur noch, dass die Tempotaschentücher gleichg mitgeliefert werden. Da hilft auch nicht, das mal Kamasi Washington besprochen wird. Ich finde: So geht es nicht weiter. Diese Musik, die hier zum überwiegenden Teil vorgestellt wird klingt durch und durch verlogen. Sorry, mußte mal Dampf ablassen
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