James Last "Das ganze Leben sollte eine Party sein"

Seine Name ist Inbegriff eines Sounds und einer Ära. Jetzt überreicht James Last seinem Kollegen Paul Kuhn den Echo Jazz für das Lebenswerk. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview spricht er über seine Begeisterung für Stefan Raab, Lady Gaga und seine wilde Zeit.

AP

SPIEGEL ONLINE: Sie haben sich mal als verrückt, mal als alten Rocker bezeichnet. Warum?

Last: Weil ich das Leben gerne lebe. Gerade in der Musik geht das schnell zusammen. Ich weiß nicht, was Pop ist oder was Rock, ich höre es als Musik. Und deshalb mache ich mit meinem Orchester immer ein buntes Programm. Das hält die Leute wach und sorgt dafür, dass sie drei Stunden zuhören. Das Geheimnis ist die Vielseitigkeit. Da kommt eben auch Klassik vor oder Pop, von Lady Gaga bis Chopin.

SPIEGEL ONLINE: Schaut man in Ihre Biografie, dann sieht es so aus, als wären die sechziger Jahre in Deutschland eine einzige Party gewesen.

Last: Das ganze Leben sollte eigentlich eine Party sein, nicht nur die sechziger Jahre. Und im Grunde hat sich da wenig geändert. Die jungen Leute sind heute so, wie wir damals waren. Nur die Älteren sagen, dass früher alles besser war, weil sie steifer geworden sind und sich nicht mehr richtig trauen.

SPIEGEL ONLINE: Ist das Ihr Lebensmotto: Party?

Last: Klar, Spaß haben am Leben. Dafür sind wir geboren.

SPIEGEL ONLINE: Als einer der Väter des Easy-Listening-Sounds genießen Sie Anerkennung weit über Ihre Generation hinaus. Wie haben Sie das geschafft?

Last: Ich schaffe gar nichts. Ich kann nur zeigen, wie ich bin. Da muss ich nicht rumheucheln. Wenn ich auf der Bühne stehe, spiele ich Titel, die mir selbst gefallen, und das Publikum schätzt das. Bis heute. Im Frühjahr 2011 sind wir wieder auf Tournee, und die Leute reißen sich jetzt schon um Karten.

SPIEGEL ONLINE: Wie suchen Sie Ihre Stücke aus?

Last: Ich habe immer noch ein Ohr an der Hitparade. Von den neuen Sachen finde ich zum Beispiel Christina Aguilera oder Lady Gaga ganz clever. Mir imponiert die Mischung, was alles in die Stücke eingebaut wurde. Da steckt so viel drin, die Unterstimmen, Gitarren und so weiter. Alles ist da, aber nichts ist aufdringlich.

SPIEGEL ONLINE: Wenn Sie einen Song hören, dann wissen Sie sofort, wie er klingen soll. Was hören Sie in den Liedern?

Last: Als ich Rammstein hörte mit "Mutter", habe ich mich erst mal gefragt: Wie sind die darauf gekommen? Dann habe ich abgecheckt, ob das für uns spielbar sein könnte. Ob das alle verstehen. Wenn nicht, suche ich mir einen anderen Titel. Aber wie das genau funktioniert mit dem Raushören - das kann ich auch nicht sagen. Das ist eben so bei mir.

SPIEGEL ONLINE: Was ist ihre Vorstellung von Sound?

Last: Ich habe ja keinen Sound erfunden.

SPIEGEL ONLINE: Aber man hört doch sofort, wenn etwas von James Last ist.

Last: Ich schreibe und empfinde das so. Warum? Keine Ahnung. Mozart klingt wie Mozart, Beethoven wie Beethoven. Und James Last wie James Last. Vielleicht liegt es daran, dass ich alles selbst schreibe. Früher hatten Tanzorchester oft mehrere Arrangeure, und jeder wollte dirigieren. Da kam dann kein Stil heraus.

SPIEGEL ONLINE: Wie agieren Sie mit 81 auf der Bühne?

Last: Oh, das meiste lasse ich spielen. Bei Tourneen ist das Programm immer schon vier Wochen vorher fertig. Ich nehme es zu Hause am Computer auf, die Musiker bekommen das in alle Welt geschickt, und dann steht nach ein paar Probentagen das Konzert. Denn meine Musiker kommen aus Australien, Schweden, Russland, von überall her.

SPIEGEL ONLINE: Sie scheinen für den Pop so etwas zu sein wie Karajan für die Klassik. Ein flotter Orchesterchef, der den Laden zusammenhält.

Last: Orchester und Musik waren von Anfang an meine Familie. Ich kenne jeden, ich kann für jeden so schreiben, dass er es am besten spielen kann. Und die Musiker kommen mit ihren Problemen zu mir. Dann reden wir bis tief in die Nacht, sitzen an der Bar, und ruckzuck ist es fünf Uhr morgens.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie auch Patenonkel von Musikerkindern?

Last: Sicher, und es wurden auch Kinder gezeugt, die auf den Namen James hören, weil die Eltern darauf bestanden haben.

SPIEGEL ONLINE: Sie hießen ja mal Hans Last...

Last: ...ja - die Plattenfirma hat mich zu James gemacht, ohne mich zu fragen. Ich war erschrocken. Es war komisch. Aber es hat sich als gut erwiesen. James klingt eben internationaler. James Last fing an, als auch die Beatles bekannt wurden. Wir waren das erste Orchester, das deren Songs spielte.

SPIEGEL ONLINE: Das war für die Eltern womöglich wichtiger als für die Kinder.

Last: Die haben dadurch wieder zusammengefunden. Auch weil die Jungen gemerkt haben, dass die Alten auf ihre Musik schwofen.

SPIEGEL ONLINE: War Ihr Publikum schon mal so verrückt, dass Sie Angst bekamen?

Last: In Irland musste die Polizei bei einem Konzert die Bühne räumen. Wir waren überall blutig, weil sich die Frauen mit ihren Fingernägeln in uns gekrallt haben. Das war eine wilde Zeit. Und Dublin ein heißes Pflaster.

SPIEGEL ONLINE: Früher haben Sie pro Jahr sechs Schallplatten veröffentlicht.

Last: Und heute gar keine mehr. Das lohnt sich nicht mehr. Die Leute holen sich alles aus dem Internet. Eine Orchesteraufnahme für CD ist einfach zu kostspielig geworden. Aber da werden eben alte Sachen noch einmal veröffentlicht. Und zuweilen bin ich auch gesampelt worden. Hier mal ein Bass, da mal ein Beat.

SPIEGEL ONLINE: Wo sehen Sie sich nach all den Jahren?

Last: Ich bin nicht einzuordnen. Zumal sich alles so schnell ändert. Live will man heute eine Riesenshow sehen. Und das Fernsehen macht oft nur noch Vorsichtsproduktionen, hier ein Comedian, da ein Comedian. Die sind noch nicht einmal witzig. Früher waren Komiker witzige Leute...

SPIEGEL ONLINE: ...aber bei Stefan Raab sind Sie trotzdem aufgetreten.

Last: Der ist ein super Typ. Und ich mache ja heute auch noch anderswo Fernsehen. Mit der BBC hatte ich vor kurzem eine Aufnahme, sehr spaßig - die waren unglaublich professionell.

SPIEGEL ONLINE: Beim Echo Jazz hat auch alles geklappt.

Last: Das sind ja eben Jazzer; wenn irgendwo etwas nicht stimmt, spielt man eben einen Chorus mehr. Und Till Brönner ist ein toller Mann, der kann das. Als Musiker spielt er grandiose Phrasen. Das wird bleiben, das ist Musik, die nicht verschwindet.

SPIEGEL ONLINE: Was sind Ihre musikalischen Träume?

Last: Weitermachen. Mein Leben ist so toll gewesen. Wenn ich das noch so weiterführen könnte, wäre das ideal. Wichtig ist, dass man seinen Radius kennt. Ich bin mit mir zufrieden.

Das Interview führte Ralf Dombrowski


Echo Jazz: TV-Gala in der Jahrhunderthalle in Bochum. Aufzeichnung wird am Samstag, 8. Mai, um 22.30 Uhr im WDR Fernsehen ausgestrahlt und am Dienstag, 11. Mai, im WDR3 Hörfunk.

Mehr zum Thema


© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.