"Hammer & Michel" in Berlin Jan Delay am Riffchen-Büffet

Wenn der Stinkefinger zum Event wird: Beim Clubkonzert zum neuen Album "Hammer & Michel" zeigte der vom linken HipHopper zum Mainstream-Rocker mutierte Popstar Jan Delay, dass er ein versierter Entertainer ist. Und ein wenig feige.

Roland Owsnitzki

Von


"Alder, Jan Delay covert Led Zeppelin. Wie geil ist das denn!?", entfährt es einem Konzertbesucher schräg hinter mir. War es der mit dem T-Shirt der US-Hardcore-Band Black Flag? Oder der rüstige Mittfünfziger, der ungefähr alle drei Minuten wild mit den Armen ruderte? Oder eines der jungen Mädchen, die vornehmlich mit Kreischen und Konfettiwerfen beschäftigt waren? Wer weiß.

Jedenfalls wurde tatsächlich Led Zeppelin gecovert beim Auftritt von Jan Delay und seiner Band Disko No. 1 am Montagabend im Berliner Club "Lido", einer recht schwitzigen "Patty" (Delay-Slang für "Party") für jede Altersgruppe. Es wurde aber auch Lenny Kravitz gecovert. Und Blur. Und Hamburger Spaß-HipHop. Wobei: Gecovert ist der falsche Ausdruck, ausgebeutet wäre treffender. Denn Delay, ehedem Gründer der Rap-Truppe Absolute Beginner, ist zwar inzwischen einer der erfolgreichsten Popstars Deutschlands, aber er ist eben auch HipHopper. Und im HipHop wird gesampelt, und zwar quer durch die Popkultur, je nachdem, worauf man gerade so Bock hat.

Delay hatte gerade mal Bock auf Rock. Der sogenannten Geschmackspolizei jagte er schon im Vorwege der Veröffentlichung seines neues Albums "Hammer & Michel" Angst ein, indem er ankündigte, sich die uncoolste aller Rock-Spielarten, den Schweinerock, ausgesucht zu haben. "Es gilt als uncool, sich bei Classic Rock zu bedienen. Aber ich bin da ganz woanders. Ich sage: Classic Rock ist cool, Deutschrock ist cool. Ich habe keine Angst vor Klischees", sagte er dem neuen Hamburg-Teil der "Zeit", dessen Reporter das vorsichtshalber supercool fand, weil man einem gewieften Typen wie Delay ja auf gar keinen Fall auf den Leim gehen darf.

So wie der Kollege vom "Hamburger Abendblatt", der den von Delay ausgeworfenen Köder bereitwillig schluckte, das Kotzen kriegte und einen offenen Brief an Jan Delay verfasste: Was ihm denn einfalle, so ziemlich alles aufzugeben, wofür er bisher stand? Ausverkauf! Bäm! Da war er, der Generalvorwurf, das Schlimmste, was man einem in der linksalternativen Szene groß gewordenen Künstler wie Delay vorwerfen kann. Eigentlich.

Ohne Grunzen kann man kein Rockschwein sein

Aber natürlich läuft so ein Wutausbruch ins Leere. Weil Delay genau diese Reaktion provozieren wollte. Weil den in den Großstadtkiezen gängigen Definitionen von Begriffen wie "links" und "cool" zu folgen ja schon wieder Angepasstheit bedeuten würde.

Es ist also nicht ausgeschlossen, dass Jan Delay einen großen, sehr anarchischen, sehr verächtlichen Jux mit Kritikern und Publikum treibt. Aber seinen im ausverkauften "Lido" feiernden Fans schienen solche Überlegungen fremd zu sein: Sie feierten die neuen Gitarrenspiele ihres Idols als weiteres Partyelement und reckten ihre Arme eifrig zur "mano cornuta"-Geste empor, als wären sie in Wacken, nicht in Kreuzberg.

Und auch Delays verlässliche Band Disko No. 1 wähnte sich anscheinend bereits auf der im Sommer beginnenden Festival- und Stadiontournee, so wuchtig drückte sie ihren Sound von der engen Bühne in die Menge.

Man muss diese Band an dieser Stelle einmal ausdrücklich loben: Diese hervorragenden Musiker beherrschen alles und jeden Stil auf den Punkt, ihr Timing ist so perfekt wie die Tanz-Choreografie der drei Chormädchen. Natürlich können die auf Funk und Groove gepolten Muckertypen auch Rock, und wahrscheinlich hatten sie, wie Delay, auch mal richtig Bock, das Rockschwein rauszulassen. Aber genau das, das Grunzende und Grobe, das Chaos und die Entgrenzung, das Rock'n'Roll vom Urgestus her bedeutet, das können sie nicht.

Einmal, es sollte sogleich der neue Song "Fick" gegeben werden, instruierte Delay das Berliner Publikum, es möge doch bitte das schmutzige Wort, das er selbst ja nicht mehr aussprechen dürfe, er sei jetzt schließlich Vater, im Refrain mitgrölen. Und zur Unterstützung am besten noch den Stinkefinger in die Luft zeigen, gen Bühne, versteht sich. Das machte Delay dann natürlich vor - und schon hob die Masse kollektiv den Mittelfinger in die Höhe. Im Song geht es übrigens darum, dass Delay einen "Fick" darum gibt, was andere über ihn denken.

Distanz durch Dezibeldruck

Der Künstler, der seinem Publikum von der Bühne herab signalisiert, dass ihn alle mal kreuzweise können - das ist eigentlich Punk. Indem Delay diese nihilistische Geste in ein Call-und-Response-Spiel verwandelt, entlarvt er sich jedoch als kühler Event-Showmaster, der politische und identifikationsstiftende Zeichen des Pop nivelliert und in eine oberflächenglatte Unterhaltungshülle verwurstet. Nichts wird dabei dem Zufall überlassen, jede Reaktion des Publikums ist kalkuliert, bis hin zum Angebot, dem Spacken da oben den Finger zu zeigen, sollte das Dargebotene nicht gefallen.

Diese Gefahr bestand jedoch zu keiner Zeit. Dafür hätte Delay etwas riskieren müssen, eine echte, gefährlich-knochenharte Rockshow zum Beispiel, nicht ein in Posen erstarrtes, mainstream-gerechtes Riffchen-Büffett. Oder er hätte die intime Atmosphäre des Clubkonzerts nutzen können, um Nähe zu erzeugen, statt mit dunkler Sonnenbrille und Dezibeldruck auf Distanz zu gehen.

Die versiert zur Schau getragene Perfektion des Entertainers Jan Delay ist beeindruckend, nur mit Rock'n'Roll hat das alles, ähnlich wie unlängst bei Heino und seiner Rocker-Platte, rein gar nichts zu tun. Und nein, geil ist es auch nicht.

Als nächstes bitte ein Duett mit Helene Fischer.

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premiummails 08.04.2014
1. nomen est omen
"Delay" ... stimmt irgendwie. Und ich hab NIE verstanden, was an dem geklauten Genöle je progressiv oder gar links gewesen sein soll.
ra-live 08.04.2014
2. Die Songs von Jan Delay waren die Einzigen,
mit denen ich meine Tochter bei Sing Star schlagen konnte. Ich denke, weil sie so prima vorhersehbar sind. Und da hilft dann natürlich die Erfahrung des Alters. Aber wirklich anhören bzw. Ernst nehmen oder gar als Kunst bezeichnen, Nee, echt nicht.
BarneyGumble 08.04.2014
3. Chance vertan...
Schade, dieses Projekt hätte richtig gut werden können, man denke an die genialen Kollaborationen zwischen Rap und Rock in den USA der 90er. Anthrax/Public Enemy, Ice T mit Bodycount, etc. Auch die Idee sich des Schweinerock anzunehmen war sehr gut, um nicht im Sumpf des New Rock unterzugehen. Nichtsdestotrotz ist aber leider nur ein beliebiges Plastikprodukt mit markanter Stimme herausgekommen, das für keinen Moment die Intensität und Rohheit eines wirklichen Rock Albums erreicht. Vielmehr wird sich schlecht an Lenny Kravitz abgearbeitet, wobei der Lenny Kravitz eigene Vintage-Touch völlig verloren geht und kompositorisch jedes noch so billige Klischee bedient. Schade, dieses Projekt hätte die Chance gehabt, den musikalischen Stillstand der deutschen Musikszene einen wichtigen Impuls zu geben. Leider saßen wohl die falschen Leute an der Umsetzung des Ganzen. Die Reißbrettmentalität der deutschen Musikschaffenden ist mittlerweile kaum noch zu ertragen…
TGX 08.04.2014
4. Sehe ich ...
Zitat von premiummails"Delay" ... stimmt irgendwie. Und ich hab NIE verstanden, was an dem geklauten Genöle je progressiv oder gar links gewesen sein soll.
... genauso, habe den Typen bei der Echo-Verleihung gesehen; hat mich nicht im geringsten vom Sockel gehauen.
zweiblum66 08.04.2014
5. Ich find Jan gut
War jetzt das Konzert schlechte Unterhaltung oder nicht? Um nichts anderes geht es hier, oder? Wenn ein Künstler ansagt eine Rockpladde zu machen, dann ist wohl auch nicht mehr zu erwarten. Denn Rock und noch mehr RocknRoll ist ALT und lange vorbei und wenn ein jüngere Künstler Heute noch so tut als ob es authentisch ist mit ner Harley sein Publikum zu beschallen... naja. Intelligente Künstler haben zu jeder Zeit mit ihrem Image gespielt und den Leuten eine Show geboten - ich sach mal Charisma... ob nun Mick Jagger, die Ärzte oder Jan Delay, jeder mit seinen Mitteln. Natürlich wird er seine Erwartungen und die seines Publikums als Maßstab nehmen. Ich auf jeden Fall muss sagen das Jan Delay bis dato aus meiner Sicht eine geile Live Performance abgeliefert hat und gut is. Und RocknRoll lieber Autor entlarvt nur den eigenen Jahrgang - glaube kaum das Apocalyptica ihre Musik als RocknRoll bezeichnen ;-)
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