Klavierabend mit Jan Lisiecki Makellos durch die Nacht

Ein ambitioniertes Programm hatte der Pianist Jan Lisiecki für seinen Abend in der Hamburger Laeiszhalle gewählt. Die Brücke zwischen Chopin, Rachmaninow und Ravel hielt.

Holger Hage/ Universal Music

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Wer das kann, kann alles! Die kaum fassbare Spannung im zweiten Satz von Maurice Ravels Bravourstück "Gaspard de la Nuit", wenn der Galgen ("Le Gibet") nachts unheilkündend im Wind pendelt und Gedanken an Tod und Vergänglichkeit evoziert, das pianistisch zu fassen, gehört zum Schwierigsten des Klavierkosmos.

Diese düster-lockende Stimmung, die ja mit wenigen Tönen auskommt, zu Klangbildern mit Binnenspannung zu gestalten, den armen in Wind schwingenden Leichnam sichtbar zu machen, gelingt nur wenigen Pianisten so schlüssig wie Jan Lisiecki an diesem Abend in Hamburg. Dass die quirlige "Ondine" und der kecke "Scarbo" in den umrahmenden Sätzen virtuos und hell schillernd gelingen, versteht sich fast von selbst. Ravel hätte cool gelächelt.

Die Nacht ist das Thema dieses Programms, und Jan Lisiecki meistert die Düsternis so makellos, dass auch Robert Schumanns "Nachtstücke" op. 23 in Lisieckis zupackender Lesart die Virtuosität von Rachmaninows "Morceaux de Fantasie" op. 3 im zweiten Teil des Recitals vorwegnehmen. Brücken in die Dunkelheit.

Fast übertrieben pointiert

Auch in Schumanns Nacht tanzen von Ferne die Figuren aus seinem bekannteren "Carnaval"-Zyklus vorüber, wie huschende Schatten, denen Jan Lisiecki grelle Blitze schenkt. Fast übertrieben pointiert gestaltet Lisiecki hier die von E.T.A. Hoffmann inspirierten Charaktere (wie die temperamentvolle "Polichinelle" aus dem neapolitanischen Volkstheater) mit energischem Zugriff und aggressiver Tonzeichnung. Das kann man so kraftvoll machen, und es bekommt Schumanns Nachtfiguren-Kabinett nicht übel. Keiner schlafe!

Wie exzellent der samtig-luftige Klang der Laeiszhalle zu einem sportlichen Pianisten wie Jan Lisiecki passt, verdeutlichen gerade auch die ausgewiesenen Nachtstücke ("Nocturnes") des Klaviermeisters Frédéric Chopin, von denen Lisiecki nur zwei vortrug, quasi als gedanklicher Rahmen des Programms. Allzu vielen Tiefsinns enthielt sich der Pianist hier, es sollte ja makellos und lustvoll durch die Nacht gehen, nicht traumverhangen und depressiv. Ein Galgen reicht. Und alles bewegte sich in perfektem Klang.

Perfekter Klang in der klassischen Halle

Auch die Laeiszhalle war zu ihrer Zeit, wie die Elbphilharmonie heute, ein Nonplusultra an musikarchitektonischem Können. Vor über 100 Jahren, am 4. Juli 1908, öffnete der Neobarock-Bau als "Musikhalle" am Hamburger Brahmsplatz (damals Karl-Muck-Platz) seine Pforten und erfreut das Publikum seither optisch wie akustisch. Der Hamburger Reeder Carl Heinrick Laeisz hatte sie gestiftet.

Die heute eher traditionelle, aber effiziente "Schuhschachtel-Form" der Halle besticht nach wie vor durch eine warme, alle Details zusammenführende Akustik, die für Künstler wie Publikum ein sehr sinnliches Klangerlebnis bietet. Ein krasser Gegensatz zur Elbphilharmonie, deren eher analytisch geprägte Akustik für manche Hörer die Musikstücke eher ausbreitet als dienend zusammenfügt. Eine Frage der Philosophie.

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Konzert in der Laeiszhalle: Nachtzauber mit Lisiecki

US-Rockmusiker wie Ry Cooder, Jackson Browne oder David Byrne (Talking Heads) schätzten die klassische Akustik der Laeiszhalle ebenso wie Klassik-Künstler am Klavier (Grigory Sokolov) oder am Pult (Andris Nelsons). Mit 2025 Plätzen ist die Laeiszhalle nicht einmal viel kleiner als die moderne Schwester in der Hafencity, in deren Saal 2100 Gäste Platz finden.

Oder eben Jan Lisiecki, der zunächst in der Kleinen Laeiszhalle sein Debüt gab und bald darauf in den großen Saal wechselte. Sein sensibles und romantisch durchfärbtes Spiel passt blendend zum Sound-Stil der Laeiszhalle. Chopin oder Mozart: Erstaunlich früh fand der Kanadier zu einem profilscharfen Individualstil. Mit 22 Jahren ist er auch heute noch kein alter Hase, die Wunderkind-Jahre sind vorüber.

Reinigende Blitze, souveräne Technik

Eine Rolle, die er nie mochte, denn wortgewandt und intelligent kommentierte er schon früh vor Publikum gern seine Programm-Wahl und Spielweise. Auch dadurch setzte er sich von vielen Mitbewerbern ab. Heute ist Lisiecki längst eine etablierte Größe im internationalen Konzertzirkus, spielt Recitals in vielen Ländern und konzertiert mit den großen Orchestern in Boston, Berlin, London, Toronto oder Rom. Und er kehrt gerne in die Laeiszhalle zurück.

Der Kanadier mit europäischen Wurzeln (seine Eltern stammen aus Polen) hat den nicht für jedes Musiktalent leichten Weg vom Wunderkind zum erwachsenen Pianostar mühelos vollzogen. Dass der Spaß bei aller Düsternis darin besteht, die Nacht durch reinigende Blitze zu erhellen, bezeugte seine berauschende Interpretation des Chopin-Scherzos Nr. 1 h-Moll, das es voller Kontraste mit perfekter Balance der linken und rechten Hand und in souveräner Technik hinlegte. Pranke, wenn es denn sein muss.

Umschalten auf stille Sensibilität in Bruchteilen von Sekunden: Mit dieser Varianz zeichnet Jan Lisiecki sein beeindruckendes Profil als Virtuose. Nicht schlecht für gerade mal 22 Jahre.



insgesamt 7 Beiträge
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so-long 18.01.2018
1. Tempi
sind durchweg an der Obergrenze. Darunter leidet die Erkenn- und Differenzierbarkeit der musikalischen Strukturen. Vielleicht ist's der jugendliche Elan.
brasilpe 18.01.2018
2. Jan Lisiecki
Tolle Rezension! Besonders auch, was die herausragenden Qualitäten der Musikhalle betrifft. Ich werde kein Lisiecki-Konzert mehr versäumen.
wortbändigerin 18.01.2018
3.
Heißt es nicht „Gaspard de la nuit“?
pwkl 18.01.2018
4. Leider konnte ich da nicht dabei sein...
...denn ich habe schon einiges Herausragende von/über Jan Lisiecki gehört gelesen. Aber was die hervorragende Akustik der Laeisz-Halle angeht, so konnte ich diese anlässlich eines Kozerts mit Valer Sabadus, dem jungen Counter-Tenor, vor 2 Jahren geniessen. Erste Sahne, der Solist, das Orchester und naturlich die Akustik!
Tante_Frieda 18.01.2018
5. Immer jünger
Wenn man zurückdenkt:Vor etlichen Jahren waren Pianisten meist ältere grauhaarige Herren und Opernsängerinnen meist vollschlanke Damen in den besten Jahren mir reichlich Resonanzkörper...Heute hat man den Eindruck,das junge Künstlervolk geht schon in der Pubertät durch allerlei Castings,bei denen nicht nur musikalisches Können,sondern mindestens so sehr auch optische Qualitäten eine Rolle spielen.Gutes Aussehen scheint ein gewichtiges Asset geworden zu sein - dem Politikbetrieb ähnlich,wo ja auch ansehnliche Menschen einen Startvorsprung zu haben scheinen...
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