Jungpianist Lisiecki: Chopin, erst frei ab 18 

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Der Genie-Teenie: Jan Lisiecki ist gerade 18 Jahre alt geworden. Er spielt derart brillant Klavier, dass er sich nun an zwei technisch heikle, anspruchsvolle Chopin-Zyklen wagt. Auf seiner neuen CD lässt er vertrackte Etüden wild aufblühen.

Glückwunsch! Der junge Pianist Jan Lisiecki darf feiern - den 18. Geburtstag und dann noch das Meisterstück in Gestalt der neuen CD: Die technisch heiklen und gestalterisch anspruchsvollen Chopin-Etüden op. 10 und op. 25. Nicht unbedingt schneidiger Stoff, dem sich Nachwuchsstars widmen. Hier aber der ideale Gegensatz zum letzten Album: Seine künstlerische Volljährigkeit vermeldete der gebürtige Kanadier aus Calgary mit zwei griffigen Mozart-Konzerten, die er mit dem Piano-Kollegen Christian Zacharias als Dirigent einspielte. Auch schön, aber viel glatter. Die Kritiken waren gut. Und genau so startet man eben eine Virtuosen-Karriere, wenn der potente Klassik-Konzern Universal (Deutsche Grammophon) im Boot ist.

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Junges Piano-Genie: Künstlerisch volljährig
Aber Kunst macht ja auch Arbeit - Aufnahmen, Konzerte, Interviews, Erwartungen. Gerade durfte er in Bologna für die große Martha Argerich einspringen, Dirigent Claudio Abbado hatte angerufen. Eventuell doch ein bisschen viel für einen Teenager? "Ich selbst fühle keinen Druck und setze mich auch keinem aus", sagt Jan Lisiecki. "Ich genieße jedes Konzert, die Reisen, die Erfahrungen und Erinnerungen, die ich mir schaffe. Mir gefällt das alles, daher spüre ich keinen Stress!" Und so entspannt, wie er dabei lächelt, möchte man es gern glauben. Zumindest genießt er das Reisen, die vielen noch fremden Orte, Menschen, Städte - ein Eigenbrötler oder Einsiedler ist dieser charmante Energiebolzen nicht. Obendrein kommuniziert und redet er gern über seine Kunst, ein Traum für alle Promoter, Preisverleiher, Sponsoren und Zuhörer.

Kokette Technik in poetischen Trainingseinheiten

So spricht er auch angeregt über seine Interpretation der ebenso populären wie gefährlichen Chopin-Etüden, die er als Zyklus auch im Konzertsaal spielt. Das traut sich wegen technischen Klippen auch manch älterer Kollege nicht, denn gerade mit der Erfahrung wächst das Wissen, was bei diesen poetischen Trainingseinheiten alles schief gehen kann. Es scheint, als ob Jan Lisiecki mit seiner Unbekümmertheit fast ein wenig kokettiert. Schließlich muss er mit 18 Jahren keine letzten Weisheiten abliefern, doch dieser kecke Schalk im Nacken hilft ihm, ganz Erstaunliches zu leisten. Natürlich leiten ihn klare Vorstellungen: Er betrachtet die Etüden wie Gedichte, die erst durch den Vortrag ihre eigentliche Gestalt gewinnen. Wie bei der berühmten dritten Etüde aus op. 10, die zu den ersten Stücken gehörte, die Jan Lisiecki als Kind in der Klavierstunde erlernte. "Die ist technisch nicht gar so schwierig, es geht da vor allem um Musik", erklärt er.

Wer allerdings schnell einen Eindruck von Lisieckis technischem Können bekommen will, mag mit der bekannten "Aeolsharfen-Etüde" beginnen, dem Aufgalopp des op. 25-Zyklus. Die schwingende Bewegung der "Windharfe" entfaltet sich mühelos, aber hinter den Girlanden scheinbar schwereloser Töne, dem "Rieseln von Harmonien", wie Robert Schumann es genannt haben soll, stehen eisenharte Anforderungen an Finger und Kopf. Lisieckis dezenter Einsatz von Rubato dient keiner wolkigen Auffassungs-Mogelei, sondern der Spannungssteigerung, die in leisen Tönen umso effektvoller gelingt.

Fit durch Schwimmen und Pink Floyd

Natürlich schlägt auch ein junges Genie wie Lisiecki nicht die wie in Marmor gemeißelte Perfektion und Klarheit der Einspielung von Maurizio Pollini aus dem Jahre 1972. Doch die Suche nach der Helligkeit, nach dem Glanz in Chopins Übungen und Eingebungen, diesen berauschenden Kampf besteht der jugendlichen Jan Lisiecki mit fliegenden Fingern. Ein Elan, den er nicht im pianistischen Elfenbeinturm allein erwirbt. Ein bisschen Fremdgehen gehört dazu. Er liebt die Vielfalt des Radios in seiner kanadischen Heimat, hört jede Menge Popmusik und Hits. Aber ergänzend auch hier gern das "klassische Fach": "Ich liebe Pink Floyd und Jazz!", bekennt er. Auch sonst steht Bewegung ganz oben auf der Agenda. Lisiecki schwimmt, so oft es geht, schaut sich die Stationen seiner Konzertreisen am liebsten zu Fuß an, immer mit einem Buch dabei. Fit bleiben will er, in jeder Beziehung, und man merkt ihm diese wache Beweglichkeit in jedem Satz, jedem Blick an. Was immer er demnächst anpackt, es kann nur spannend werden.

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insgesamt 10 Beiträge
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1. optional
GSYBE 22.04.2013
Jan 99,99% - Glenn 100%. http://www.youtube.com/watch?v=dSTlt7ALHDo&list=UUr68qqmwl_YXpg0F16fYwdg&index=1
2.
scissorsweep 22.04.2013
Die Etüden Op. 10 und Op. 25 gibt es nicht. Der Verfasser hat die Nummer vergessen ...
3. Klugscheissermodus
frunabulax 22.04.2013
Zitat von scissorsweepDie Etüden Op. 10 und Op. 25 gibt es nicht. Der Verfasser hat die Nummer vergessen ...
Was ist das denn für eine Besserwisserei? Op.10 und 25 enthalten jeweils 12 Etüden. Was haben Sie daran nicht verstanden?
4. Nicht schon wieder!
sicury 22.04.2013
Ist der Herr Theurich jetzt bei DG unter Vertrag? So ein Gehummse und Gesummse über Lisiecki wie es die PR-Stelle der DG nicht besser hinkriegen würde. Genie - Genie - Genie! Geht's auch a bisserl drunter? Der Junge kann Klavierspielen, ja - aber ich hab mich verleiten lassen, seine kläglich Aufnahme der Mozart-Konzerte mit einem noch kläglicheren Zimmermann am Pult zu kaufen. Ich dachte, mich tritt ein Pferd, sowas wird einem als "Genie" verkauft? Eine rührselige Klimperei war das bei Mozart (an Anda, Gulda und dergleichen darf man nicht mal denken!!) Und jetzt schon wieder diese Lobhudelei, diesmal mit Chopin. Die Genies kommen ... und gehen hier wie am Laufband. Ein wenig mehr Differenzierung wäre absolut angebracht.
5. Erst lesen, dann lästern
satissa 22.04.2013
Zitat von frunabulaxWas ist das denn für eine Besserwisserei? Op.10 und 25 enthalten jeweils 12 Etüden. Was haben Sie daran nicht verstanden?
Die Bemerkung ist vollkommen richtig, denn im Aufmacher steht: Beim Lotto würde es heißen: 2 aus 24. Also, Herr Theurich, welche Etuden sind es denn nun?
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