Neues Jay-Z-Album "4:44" Die fantastische Vier

Musikalisch hat niemand eine Offenbarung erwartet: Trotzdem ist "4:44", das neue Album von Rap-Superstar Jay-Z, hübsch gelungen. Er entschuldigt sich sogar überaus reif bei seiner Gattin Beyoncé für einen Seitensprung.

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Von Markus Schneider


Sprechen wir zunächst von Geld. An dessen rauer Menge liegt es nämlich, dass Jay-Zs neues Album seit seiner Verkündung vor ein paar Wochen noch in den hiphopfernsten Medien heiß erwartet wurde.

Jetzt hat er es, zunächst natürlich exklusiv über den eigenen Streamingdienst Tidal, veröffentlicht. Es heißt "4:44", was Jay-Z selbst mit der Uhrzeit erklärt, zu der ihn der Song gleichsam im Schlaf überkommen habe - es sei der beste seiner Karriere, deren Debüt "Reasonable Doubt" im letzten Jahr immerhin 20. Geburtstag feiern konnte.

In "4:44" entschuldigt sich der 47-Jährige nun überaus reif bei seiner Gattin Beyoncé für einen Seitensprung, den diese auf ihrem hervorragenden letzten Album "Lemonade" schon angedeutet hatte und für welchen ihre Schwester Solange den Schwager auch schon ohrfeigte. Während jedoch Jay-Z nun den offenen und verantwortlichen Familienvater und Ehemann gibt, erkennt man sozusagen noch eine zweite, vielleicht die Metaebene, wenn man den Albumtitel mit gedrückter Shifttaste tippt und drei Dollarzeichen erhält.

Jeder Rapper singt ein Lied davon, dass er der Reichste und Beste sei. Auch Jay-Z hat über diese Seiten seiner Persönlichkeit immer gern gesprochen. Sein Trick: Bei ihm stimmt es. Etliche seiner Alben rechtfertigen durchaus den künstlerischen Superlativ und die 21 Grammys, zumal die frühen bis 2003, als er sich für ein paar Jahre abmeldete, um CEO beim Traditionslabel Def Jam zu werden. Finanziell wiederum macht er dem Namensgeber seines Roc-a-Fella-Unternehmens - das neben Platten u.a. Kleider, Champagner und Sportler vertickt - alle Ehre.

Als Rapper im Milliardärsklub

Bald wird Shawn Carter, so sein Taufname, als Rapper neben Onkel Dagobert und Donald Trump im Milliardärsklub sitzen - wobei er sich mit Letzterem nicht gut verstehen wird: Die Familie Carter ist bekanntlich mit den Obamas befreundet und hat Hillary Clinton unterstützt. Und überhaupt kommt Jay-Z aus dem schwarzen Prekariat - und legt auf diese Herkunft auch auf diesem 13. Album viel Wert.

Zumindest thematisch zielt er auf einen größeren Wurf, als wolle er mit der kritischen und wütenden Beyoncé gleichziehen. Tatsächlich hat er sich schon länger vom noir-realistischen zu einem afro-realistischen Künstler verändert. Auf dem letzten Album "Magna Carta" ging er in "Ocean" bis nach Afrika zurück, und in "Picasso, Baby" warf er der Haterbourgeoisie das Klischee des dumpfen Rappers zurück, wenn er fröhlich statt mit Bling-Markenartikeln mit dem Kauf bürgerlicher Hochkultur von Leonardo zu Warhol und Basquiat protzt - bevor er sich zum neuen Picasso erklärte. Als er den Titel sechs Stunden lang (und von Marina Abramovic besucht) MoMA-Besuchern ins Gesicht rappte, war er auch am passenden Ort angelangt.

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Jay Z mit neuem Album "4:44": Vier gewinnt

Hier nun beginnt er mit "Kill Jay-Z", einer feinen Reflexion über Verantwortung, Ego und die Fährnisse seiner Rap-Persona, und er endet mit "Legacy", worin er seinen Kindern - mit den gerade geborenen Zwillingen sind es drei - nahelegt, mit dem zu erwartenden Erbe "die Ideen von Menschen zu finanzieren, die wie wir aussehen" (mit seiner Studienförderung und anderen philanthropischen Aktionen geht er, auch wenn er es sich natürlich leisten kann, als Vorbild durch).

Schwarzes Unternehmertum, Ausgrenzung und Solidarität in Alltag und Kultur tauchen als Themen immer mal auf - und er klingt mit seinem wie stets lässigen, eleganten und präzisen Flow meist engagiert und einnehmend. Er findet die "Moonlight"-Panne bei den Oscars symbolisch, die Un-Karriere Lauryn Hills ausbeuterisch und hält den Anwalt, der Führungen durch das Haus seines verstorbenen Klienten Prince organisiert, für einen gierigen Bastard. Und mit Blick auf seinen eigenen ersten Job empfiehlt er den Dealern in den Projects: "Nimm dein Drogengeld und kauf das Viertel, in dem deine Mutter Miete zahlt - so wäscht man Geld." In diesem Sinne erinnert er sich nachdenklich an seine Jugend in der Brooklyner Sozialsiedlung Marcy Projects - seine Mutter hat einen Gastauftritt - und bindet sie in "Marcy Me" per Marvin Gayes Klassiker der Sozialkritik "What's Going On" von 1970 an die Geschichte.

Wichtiger als Event

Musikalisch hat wohl niemand eine Offenbarung erwartet, jüngere Kollegen wie Kendrick Lamar oder Vince Staples zeigen natürlich in ihren Brücken zu Elektro oder Jazz mehr Mut und Originalität; mit den poppigeren Trap-Youngstern wie gerade Lil Yachty hat er eh nicht viel zu tun. Das gilt aber ungefähr, seit er 2006 aus dem Manager-Sabbatical in den aktiven Rapdienst zurückkehrte. Es gelangen ihm durchaus stattliche Singles wie "Empire State of Mind".

Aber abgesehen von der Arbeit mit Kanye West, "Watch the Throne" von 2011, blieben die Alben eher unspektakulär. Das gilt im Wesentlichen auch hier. Sein bewährter Helfer No-ID stattet ihn recht konventionell mit Samples aus, von Stevie Wonder, Donny Hathaway und - zum wiederholten Mal - Nina Simone, einmal schick obskur mit brasilianischer Rockpsychedelik von 1970. Allerdings darf man als Freund eines solchen Old-School-Verfahrens dieses hier insgesamt straffer, sorgfältiger und hübsch gelungen finden.

Am Ende ist Jay-Z aber ohnehin als Event wichtiger. Man sollte sich die gute Laune darüber gönnen, dass so ein unwahrscheinlicher Typ von ganz unten aus der Kriminalität zum Sonnenkönig aufsteigen und lächelnd zuschauen kann, wie unsere gesellschaftlichen Eliten aus Autoindustrie, Banken und bald auch US-Präsidentschaft immer öfter den umgekehrten Weg entlangstreben. Schön und in unser aller Sinne also, dass Jay-Z und die Seinen glänzen und prosperieren.



insgesamt 4 Beiträge
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sincere 01.07.2017
1. Wie bitte?
Das Album ist ein lyrisches Meisterwerk, lang ist es her dass Jay Z so ein Album gebracht hat. Deshalb sind die Behauptungen des Autor schon fast lachhaft. Er sollte sich vielleicht lieber zu Dingen äußern, von denen er auch tatsächlich Ahnung hat.
scooby11568 01.07.2017
2. @ sincere... willst du anderen vorschreiben...
Was sie denken dürfen? Wenn du eine andere Meinung hast, schön. Aber über diese "Musik" kann man geteilter Meinung sein.
eysch_sinns 01.07.2017
3. Nicht der erste Rap-Milliardär
Dr.Dre ist der erste.
sincere 04.07.2017
4. @scooby11568
Ich sehe das gerade. Der Autor sollte nach Fakten beurteilen und wenn er dies nicht kann bzw das Album nicht richtig deuten kann für das was es ist, dann sollte er es lieber lassen. Schon komisch dass es kaum Leute gibt die sich mit HipHop auskennen es schlecht finden bzw nicht erkennen können was das Album eigentlich ist.
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