Kultur

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Album von Jay-Z und Beyoncé

Kalkuliertes Sommermärchen

Das Power-Couple des Hip-Hop ist angeblich versöhnt und lässt die Welt teilhaben: Jay-Z und Beyoncé haben überraschend ein gemeinsames Album veröffentlicht. "Everything is Love" feiert allerdings vor allem Macht und Status.

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Montag, 18.06.2018   14:34 Uhr

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Warum musste es denn gleich ein ganzes Album sein? Am Samstag droppten Jay-Z und Beyoncé überraschend das Video zu ihrem gemeinsamen Song "Apeshit". Der aufwendige Clip, gedreht im Pariser Louvre, ist ein Meisterstück der Inszenierung. Das Power-Couple des Hip-Hop posiert vor der Mona Lisa und wirft ein wirkungsvolles Schlaglicht auf die Abwesenheit ethnischer Minderheiten im elitären Kunstzirkel.

Damit, so das Video, ist es nun vorbei: Der kombinierte Erfolg des Rappers und der Sängerin aus New York markiert die Ankunft afroamerikanischer Kunst im Kanon, afrozentristische Tanzmotive und Symboliken werden im Tempel der europäischen Kunst gegen alte Meister geworfen.

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"I can't believe we made it", spechsingt Beyoncé dazu im Refrain des Tracks, der ebenfalls state of the art ist: Die R&B-Queen versucht sich hier vehementer (und kompetenter) denn je als coole Rapperin. Ihr Gatte Jay-Z liefert einen seiner besten Reim-Flows seit Langem - und der von Pharrell Williams produzierte Beat rollt smooth und zugleich treibend dahin: Dieser eine, triumphale Track mitsamt seinem selbstbewussten Video rechtfertigt jedes begeisterte Ausrasten (going apeshit) über die Brillanz, Eleganz und nachhaltige Strahlkraft dieser Vermählung musikalischer Talente.

The Carters, wie sich Beyoncé Knowles und Shawn Carter staatstragend für dieses Gemeinschaftsprojekt nennen, stilisieren sich zu Royals einer erwachten afroamerikanischen Kultur, die längst den Pop-Mainstream in den USA dominiert.

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Aber leider enthält "Everything is Love" neben "Apeshit" noch acht weitere Songs, in denen "Jayoncé" diese gerechtfertigte kulturelle Hegemonie durch schnöden Materialismus und anstrengende Selbstbezogenheit wieder schmälern.

Die Soap-Opera um die Carters

"I can't believe we made it", das bedeutet nicht nur, es in einer weiß dominierten Ökonomie und Gesellschaft zu Wohlstand und Ansehen gebracht zu haben, der Satz zielt vor allem auch ins Zentrum der Soap Opera um Jay-Z und Beyoncé. "Everything is Love", das seit Samstag zunächst nur über ein Probeabo bei Tidal, dem eigenen Streamingdienst der Künstler, zu hören war und mittlerweile auch bei bei Apple Music streambar ist, feiert die Versöhnung der beiden Eheleute nach der Untreue Carters, die Knowles vor zwei Jahren mit ihrem Album "Lemonade" genial verarbeitete.

Jay-Z gab sich 2017 auf seinem eigenen Album "4:44" zerknirscht, sodass jetzt, pünktlich zur gemeinsamen Stadiontournee, wieder eitel Sonnenschein sein soll. So zumindest die Erzählung. Nach "Crazy in Love" und "Drunk in Love" geben sich die beiden jetzt "Lovehappy" und sehr entspannt im letzten Song ihres Albums: "Yeah, you fucked up the first stone, we had to get remarried", ätzt Beyoncé, und er wirft lässig ein: "Yo, chill man". Alles easy, alles locker?

Der Schlusssong, in dem Beyoncé, diesmal singend, auch konstatiert, dass die Liebe tiefer geht als der Schmerz und beide nicht perfekt, aber perfekt füreinander seien, ist der einzige wirklich berührende Moment in dieser ansonsten kühl kalkulierten Aufzählung von Bankkonten, Kunstwerken, Lambos und anderen Props, mit denen sich die Carters stolz umgeben. Die wirtschaftliche Power und der unfassbare Reichtum des Pärchens wird gleich in drei Tracks thematisiert, "Boss", "Nice" und "Heard about us".

Feminismus mit der Brieftasche

Natürlich gehören Statussymbole als Beleg für das Ankommen in der Gesellschaft zur ewigen Erzählung des Hip-Hop, aber sie werden hier fast schon arrogant ausgestellt: Wo ist das Gespür der beiden dafür geblieben, dass Millionen Amerikaner, darunter ein Großteil Schwarze, gerade jetzt unter bitterer Armut und Perspektivlosigkeit leiden? Ist das die Abgehobenheit des einen Prozents? Oder ist dieses "Game of Thrones", das die beiden miteinander spielen, vielleicht das einzige, was die beiden noch verbindet? "Bought him a jet", trumpft Beyoncé in "Apeshit" einmal auf und meint damit den Privatflieger, den sie Jay-Z 2012, längst reicher als ihr Gatte, für 40 Millionen zum Vatertag geschenkt hatte. Feminismus mit der Brieftasche.

Nur einmal, in "Black Effect", wird die Debatte um Black Lives Matter, Rassismus und Polizeigewalt aufgegriffen, die in den vergangenen Jahren so viele hervorragende und politische R&B- und Hip-Hop-Alben provoziert hat, unter anderem von Kendrick Lamar, A Tribe Called Quest, Beyoncé selbst und ihrer Schwester Solange. "It's about sensitivity, it's about passion / It's about unconditional giving of self to another person", heißt es darin, durchaus empathisch, doch dann geht es Jay-Z doch bald wieder nur um den Maßstab am eigenen Erfolg: "I'm Malcolm X", verwechselt er wirtschaftlichen mit gesellschaftlichem Einfluss und brüstet sich, die Pleite marginalisierter afroamerikanischer Musiker im Alleingang beseitigt zu haben: "The Chitlin Circuit is stopped / Now we in stadiums, Eighty thou a wop, watch."

Niemand missgönnt Beyoncé und Jay-Z die Rettung ihrer Ehe und ihr privates wie materielles Glück. Man ahnt: Sie haben beide hart dafür gearbeitet, auch gegen gesellschaftliche Widerstände. Vielleicht hätten sie diesen "struggle" aber doch lieber im Privaten zelebriert, statt sich selbst (und Tidal) mit einem musikalisch durchaus hochwertigen, aber dennoch allzu kaltschnäuzig kalkulierten Geschenk zu bedenken. Respekt flößt so ein Power-Move schon ein, Sympathie und Liebe eher nicht.

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