Jazz-Bilanz 2015 Ein neuer Stern und eine Zwangspause

Mit Kamasi Washington erschien im vergangenen Jahr ein Star am Horizont, der weit über den Jazz hinausstrahlt. Für die deutsche Szene bilden Festivals die Basis. Dass Hamburgs Elbjazz 2016 nicht dabei ist, irritiert viele Fans.

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Die Festival-Saison beginnt am kommenden Freitag mit dem Winterjazz in Köln. International bekannte Lokalgrößen wie Sebastian Sternal und Niels Klein sowie Newcomer aus der Region musizieren an drei Spielorten. Die bewundernswert aktive Saxofonistin/Komponistin/Netzwerkerin Angelika Niescier organisiert Winterjazz nun schon zum fünften Mal. Das Ein-Tages-Festival ist ganz und gar keine Eintagsfliege: Jedes Jahr kommen mehr Leute.

Wer das nur mit dem freien Eintritt erklärt - die Stadt Köln und das Land NRW finanzieren Winterjazz -, denkt zu kurz. Denn sicher fundiert erscheinen auch die Festivals des Frühlings, Sommers und Herbstes. Etliche bieten schon seit der Vorweihnachtszeit Karten an.

Moers, das traditionelle Pfingstfestival, verkaufte Anfang Dezember innerhalb eines Tages die Hälfte der freigeschalteten "Early Bird"-Online-Tickets. Vorfreude und Optimismus herrschen vom bayerischen Burghausen (Jazzwoche im März) bis Leverkusen am Rhein (Jazzfest im November). Als "so jung und populär wie nie" beschrieb der "Kölner Stadt-Anzeiger" im Kultur-Jahresrückblick 2015 das 36. Leverkusener Jazzfestival.

Mehr Geld für Elbjazz - aber erst ab 2017

Überwiegend positive Kritiken hatte auch das Hamburger Elbjazz-Fest vom vergangenen Mai. Deshalb schockierte viele die Nachricht kurz vor Weihnachten, dass 2016 kein Festival stattfinden werde. Bei den bisher sechs Festivals gab es - angesichts des guten Publikumszuspruchs nicht wahrnehmbar - Verluste im hohen sechsstelligen Bereich. Das war keineswegs nur dem Wetter zu schulden. Auch müsste man wohl über das Konzept und den Aufwand nachdenken. Aber absagen?

"Elbjazz ist zu einem Markenzeichen der Musikstadt Hamburg geworden", betonte der Kulturstaatsrat Horst-Michael Pelikahn. So ist es! Blohm + Voss öffnet für das Fest sein sonst hermetisch gesperrtes Werftgelände und beschert dem Jazz eine in der Welt einmalige Kulisse. Wegen Elbjazz wurde die Echo-Jazz-Preisverleihung in den vergangenen drei Jahren an Hamburg vergeben. Gab es da wirklich keinen Weg, das Fest bis ins Jahr 2017 zu retten? Dann soll es nämlich mit der bis dahin (hoffentlich!) eröffneten Elbphilharmonie verbandelt werden. Den Neustart will die Stadt mit 200.000 Euro unterstützen.

"Beim Jazz ist es nicht anders als bei der Oper und der klassischen Musik", sagt Reiner Michalke. "Programme, die sich nicht in erster Linie am Publikumsgeschmack orientieren, können nur überleben, wenn sie ausreichend öffentlich unterstützt werden." Das sei beim Elbjazz nicht der Fall gewesen, findet der Festival-Chef von Moers. Michalke moniert auch das mangelnde Engagement des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, besonders des WDR. Der habe sich "immer mehr aus den Jazzfestivals zurückgezogen, um jetzt mit einem eigenen aufwendigen Festival durchs Land zu ziehen und den bestehenden Festivals unnötig Konkurrenz zu machen".

Jazz mit großem Schattenwurf

In diesem Jahr versuchen etliche Festivals die Entdeckung von 2015 noch in ihr Programm zu bekommen - Kamasi Washington. Der 34-jährige Saxofonist aus Los Angeles, den bislang eher Hip-Hopper als Jazzer kannten, mischte mit seinem aufwendigen 3-CD-Debütalbum "The Epic" die Szene auf. Musikjournalisten drehten fast durch.

Alle priesen Washington, der "plötzlich eine Art Popheit in den Jazz brachte" (so Wolfram Knauer vom Darmstädter Jazzinstitut). Der Hype um den Neuen mäßigte sich, als Washington im November zu Clubgigs nach Europa kam. Nun sah man die Grenzen des im Afro-Look auftretenden Musikers. Aber unbestreitbar ist seine Wirkung über die Jazzgemeinde hinaus. Jugendliche, die Jazz bisher nur aus Samples kennen, erleben bei Kamasi-Washington-Auftritten diese Musik live.

Hip-Hop- und Techno-Fans konnten 2015 auch Gefallen an den Alben von zwei seit Langem etablierten Jazzpianisten finden. Robert Glasper kehrte nach seinem Ausflug in den Hip-Hop mit Keyboards, Synthesizer und Electro-Beats zurück zum akustischen Klavier-Bass-Schlagzeug-Trio. Er bringt nun seine neue Erfahrung in seine Musik ein. Inspiriert von Hip-Hop und Techno ist auch Vijay Iyers Album "Break Stuff". Mit seinem Trio schafft der Pianist den Bogen vom Klub zum Konzertsaal. "Musik mit großem Schattenwurf", schreibt die Zürcher "Weltwoche".

Die wahrscheinlich am meisten beachtete Jazz-Platte eines Deutschen war 2015 "Nachtfahrten" von Michael Wollny. Alben des 37-Jährigen schaffen es in die Pop-Charts, obwohl seine romantischen Kompositionen viel mehr mit Klassik zu tun haben als mit Pop. Wollny selbst sieht sich als Jazzmusiker. Denn: "Jazz ist der Begriff, der heute so wahnsinnig viel meint." Wollnys Fangemeinde ist gespannt auf 2016.


Festivals:
8.1. Winterjazz, Köln
28. - 31.1. WDR Jazzfest 2016, Münster
8. - 13.3. Internationale Jazzwoche, Burghausen
14. - 17.4. ECM Festival, Freiburg
21. - 24.4. Jazzahead, Bremen
24.4. - 7.5. Jazzfest, Bonn

CDs:

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insgesamt 18 Beiträge
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Seite 1
ManRai 03.01.2016
1. normal so
Amazon ist eine US Firma die alles glattmachen will (wie der Amazonas) JPC ist eine DEUTSCHE Firma die sehr gut liefert, warum immer auf Amazonas verlinken?
angst+money 03.01.2016
2.
In der Aufzählung der Festivals sollte man das "Enjoy Jazz" (Heidelberg/Mannheim/Ludwigshafen) nicht vergessen, immerhin eins der wenigen, die Kamasi Washington dann auch gekriegt haben. Und damit frei Haus auch die Erkenntnis: Er hat eine hübsche Platte gemacht, aber dieee Riesen-Sensation ist er jetzt auch wieder nicht.
romeov 03.01.2016
3. @ManRai
...bin vollkommen d'accord. Mir geht diese Amazon Weltherrschaft schon lange auf den Senkel.
Moridin 03.01.2016
4.
Zitat von ManRaiAmazon ist eine US Firma die alles glattmachen will (wie der Amazonas) JPC ist eine DEUTSCHE Firma die sehr gut liefert, warum immer auf Amazonas verlinken?
Bei JPC kann man nicht digital kaufen - für mich persönlich ist dieser Anbieter daher vollkommen uninteressant. Und ehrlich gesagt brauche ich auch nicht noch einen Anbieter - die Separierung ist viel zu ausgeprägt und die meisten Künstler sind nur bei einem Anbieter vertreten. Kein Wunder, dass man dann lieber ohne zu bezahlen runterlädt - das ist viel einfacher möglich als legale Angebote zu nutzen.
schwaebischehausfrau 03.01.2016
5. Bedenkliches Statement...
"Programme, die sich nicht in erster Linie am Publikumsgeschmack orientieren, können nur überleben, wenn sie ausreichend öffentlich unterstützt werden." So ein Statement tut selbst einem Jazz-Fan in der Seele weh, der natürlich gerne Top-Acts zu einem noch halbwegs erschwinglichen Preis besuchen möchte. Aber wenn sich "etwas nicht mehr am Publikums-Geschmack orientiert", egal ob Malerei, Musik, Literatur oder Theater, dann ist seine Zeit eben vorbei. Ohne die Subventions-Kultur entwickelt sich vielleicht auch der Jazz noch dynamischer und findet wieder ein Publikum jüngeres Publikum. Es ist schon erschreckend, wenn man heute ein Jazz-Konzert besucht und 90% der Besucher Ü60 sind. Das hat der Jazz nicht verdient. Also: Subventionen runterfahren , auch wenn's erstmal wehtut.
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