Jazz als geistliche Musik Riffs für Martin Luther

Spirituals und Gospelsongs gehören zu den Wurzeln des Jazz, der sich auch als sakrale Musik versteht. Gerade erschien das Album "A Jazz Reformation" mit der NDR Bigband. Auf einer anderen neuen CD improvisieren ein Saxofonist und ein Cellist über Stücke von J. S. Bach.


Dass Martin Luther (1483–1546) "dem Volk auf Maul geschaut" und die Bibel aus dem Lateinischen in die Sprache des Volkes übersetzt hat, wissen die meisten von uns. In Gesangsbüchern finden wir Luther zudem als Komponisten zahlreicher Kirchenlieder. Der Reformator nutzte die Musik als Medium zur Verbreitung seiner Botschaft. Mit Gesang wollte er die Gemeinde aktiv in den Gottesdienst einbinden. Um das zu erleichtern, übernahm Luther auch allgemein bekannte Lieder seiner Zeit und versah sie mit neuen Texten. Da konnten neue Anhänger schon mitsingen, obwohl sie Luthers Worte noch nicht kannten; immerhin waren ihnen die Melodien vertraut. So beruht etwa das Luther zugeschriebene "Vom Himmel hoch da komm ich her" auf einem niederdeutschen Lied; Luther hat es bearbeitet und den bis heute bekannten Text geschrieben.

Lutherlieder-CD: Jazz-Beitrag zur Luther-Dekade
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Lutherlieder-CD: Jazz-Beitrag zur Luther-Dekade

"Vom Himmel hoch" erklingt neben anderen Kirchenliedern in der Jazz-Suite, die Lucas Markus Schmid für die NDR Bigband komponiert hat. Der gebürtige Schweizer, der fünf Jahre Mitglied des Hamburger Orchesters war und nun die Kölner WDR Big Band managed, nennt sein Werk "A Jazz Reformation". Schmid hat Weisen aus der Luther-Zeit und eigene Kompositionen phantasievoll für einen der besten europäischen Klangkörper arrangiert – swingend, beboppig, im Stil des Tango Nuevo, bis hin zum Funk. Seine Suite kommt ohne Gesangsstimmen aus; sie gibt dafür Mitgliedern der Band Raum für Soli – den Trompetern Reiner Winterschladen und Ingolf Burkhardt, den Saxophonisten Christof Lauer und Peter Bolte und vielen anderen. Schmid selbst ist auf der mitreißenden CD als Bassposaunist zu hören.

Die Martin-Luther-Suite, die – versehen mit zusätzlichen Texten über Luther und die Reformation – auch als Hörbuch herauskam, ist ein Jazz-Beitrag zur Lutherdekade, einer Reihe von Veranstaltungen und Projekten, die am 31. Oktober 2017 ihren abschließenden Höhepunkt finden: 500 Jahre nach dem Beginn der Reformation, jenem Tage, als Luther seine 95 Thesen an die Schlosskirche zu Wittenberg geschlagen haben soll.

Wie Luther die Religionsgeschichte der Welt prägte, beeinflusst Johann Sebastian Bach (1685–1750) bis heute die Entwicklung der Musik. Viele Jazzer bezeichnen den genialen Tonkünstler als ihr Idol; sie beeindruckt besonders, dass zu Bachs Kunst die Improvisation gehörte. So holten sich der Pionier des Cool Jazz, Lennie Tristano, und das Modern Jazz Quartet entscheidende Anregungen in der Barock-Musik. Der französische Pianist Jacques Loussier verkaufte mehrere Millionen seiner "Play Bach"-Tonträger; der A-cappella-Chor der "Swingle Singers" scattete über Bach-Themen; Keith Jarrett spielte "Das Wohltemperierte Klavier" originalgetreu ein. Bach ist immer in! Jetzt nutzen der Cellist Gunther Tiedemann und der Saxofonist Michael Villmow Stücke des großen Meisters für ihre Improvisationen. Ihr in einer Kirche in Mönchengladbach aufgenommenes Album "Kreuzüber Bach" ist hörenswert.


NDR Bigband: "The Martin Luther Suite – A Jazz Reformation", CD und Hörbuch-Doppel-CD (CMO Jazz); Gunther Tiedemann/Michael Villmow: "Kreuzüber Bach" (CCnC Records).



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