Jazz als Inspiration für Pop Bowie und die Jazz-Götter

Pop-Ikone David Bowie war fasziniert vom Jazz: Das zeigt sich an seiner Vergangenheit und an seinem letzten Album "Blackstar" - eines von vielen Beispielen, in denen Pop und Jazz sich innig umarmten.

Von

Jimmy King/ Sony Music

Kein Wohlfühljazz: Donny McCaslin gilt als Powerhouse-Saxofonist mit einen klaren Ton. Mit seinem elektro-akustischen Quartett schafft er Klanglandschaften aus komplexen Strukturen und freien Improvisationen. Das klingt vital, fast wild.

Es war die mit David Bowie befreundete Bigband-Chefin Maria Schneider, die den Popstar auf McCaslins Quartett aufmerksam machte. Auf ihren Rat ging Bowie im vergangenen Frühjahr unangekündigt in den New Yorker Klub "55 Bar", wo die Band rockigen Jazz spielte. "Wirklich nett war, dass er uns dort anhörte, wo wir uns am wohlsten fühlen", sagte McCaslin der "New York Times". Nach seinem Überraschungsbesuch lud Bowie die vier Musiker zur Mitarbeit an seinem "Blackstar"-Projekt ein.

Donny McCaslin ist deutschen Jazzfreunden ein Begriff: Bei mehreren Festivals an der Ostsee beeindruckte der Saxofonist mit eigenen Bands und als Mitglied des internationalen JazzBaltica Ensembles. Zu Hause, in New York, leitet McCaslin ein Quartett, dessen Bassist Tim Lefebvre hierzulande hoch geschätzt wird: Er nahm im Trio von Michael Wollny die preisgekrönte Platte "Weltentraum" auf und tourte mit dem deutschen Klavierstar durch Europa.

McCaslins Schlagzeuger Mark Guiliana wurde als Jazzer weltbekannt, als vor zwei Jahren "Taming the Dragon" mit Brad Mehldau erschien. Und Keyboarder Jason Lindner gewann im vergangenen Jahr im Kritiker-Poll des "DownBeat Magazine" einen "Rising Star"-Preis.

Jazz hatte Bowie schon lange interessiert. Ende der Sechzigerjahre, so berichtet Bowies Produzent Tony Visconti, waren es vor allem die Bigbands von Stan Kenton und Gil Evans. "Wir wussten immer", so Visconti, "dass wir in Pop und Rock alles schaffen können. Aber die Jazz-Götter siedelten wir über uns an."

Etliche Rock- und Pop-Künstler haben die Jazz-Kollegen ähnlich geschätzt wie Bowie und Visconti: So ging Sting mit Branford Marsalis auf Tour und James Taylor mit Michael Brecker. Ricky Lee Jones engagierte Joe Henderson, Billy Joel holte Phil Woods. Die Rolling Stones traten mit Sonny Rollins auf, Herbert Grönemeyer mit Charlie Mariano.

Auffällig ist, dass die Pop-Größen ausschließlich Saxofonisten in ihre Bands holten. Offenbar vermissten sie den Sound dieses Instruments in ihrem Genre, in dem neben dominierenden Stimmen meist eher Gitarren-Soli einen Platz finden.

Der kranke Bowie hatte alles unter Kontrolle

Diese Beispiele von Pop/Rock-Jazz-Kooperation klingen eindrucksvoll - und verzerren die Realität: Denn unzählige Male öfter hat sich die Pop-Industrie des Jazz bedient, indem sie - statt mit Musikern zu arbeiten - Samples in ihre Produkte montierte. Berühmte Jazz-Soli wurden als Schnipsel verwurstet. Eine Folge ist, dass viele Menschen Jazz heute nur noch in Form von Samples wahrnehmen.

Umso bemerkenswerter, dass Bowie zu seinem letzten Werk Jazzmusiker einlud. Donny McCaslin, Jason Lindner, Tim Lefebvre und Mark Guiliana gehören zu den letzten, die den seit Jahren öffentlichkeitsscheuen Künstler erlebten.

"Er hatte alles unter Kontrolle", sagte Bassist Lefebvre dem US-Magazin "Rolling Stone" über die Studioarbeit in New York. "Aber er war ein Gentleman. Er behandelte jeden mit Respekt, gab einem das Gefühl, wichtig zu sein." Es sei viel gelacht worden, erinnert sich Lefebvre. Niemand merkte, wie schlimm es offenbar schon um Bowies Gesundheit stand.

Lefebvre und Guiliana erfuhren von Bowies Tod in der Pause zwischen zwei Sets im Klub "Blue Whale" in Los Angeles. Sie waren tief erschüttert. Lefebvre beschreibt Bowie als "the greatest musician I've ever heard".

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insgesamt 23 Beiträge
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Seite 1
outsider-realist 17.01.2016
1. Komisch
........als David Bowie noch lebte hat sich kaum einer für das neue Album interessiert. Nach seinem Tod scheint es wohl in jedem Haushalt zu liegen und überall werden ganze Romane über Blackstar geschrieben. Ist schon eine verrückte Welt.
Nabob 17.01.2016
2. Zu viel Tamtam um diese Person
Er war wohl ein kreativer Musiker mit immer neuen Einfällen und vor allem einem ausgeprägten Instinkt für Geld, was soll´s? Es ist ja nicht neu, dass sich ideenlose Popikonen der Jazzmusik bedienen, aber das sind auch meist nur kurzfristige Versuche, um sich selbst aufzuwerten, was aber nur kurz hält, weil sie eben keine Jazzmusiker sind.
spiegelfrauchen 17.01.2016
3. Aufwühlend
Ich musste das Video zwischendurch stoppen , weil ich nicht weiterschauen konnte . Man wird förmlich in den Todesschmerz eingesaugt . Das ist jetzt nicht ladylike , aber ich habe zum Schluß tief Luft geholt und gedacht : Puuuuh , harter Stoff .
guhock 17.01.2016
4.
hörte ich mehrmals vor ein paar Tagen im Gespräch über das neuste - jetzt auch letzte - Album von David Bowie raus. Als ich dabei äußerte, Bowie hätte schon vor Jahren eine Platte mit Namensvetter Lester Bowie aufgenommen, kam nur irritiert die Frage, wer das überhaupt sei?! Trompeter? Art Ensemble of Chicago? Nie gehört. So ist es halt mit den meisten "Jazzmögenden".
cipo 17.01.2016
5.
In der Liste der Saxophonisten, die mit Popstars spielten, fehlt leider Wayne Shorter: er glänzte auf verschiedenen Alben von Joni Mitchell und steuerte auch zu Steely Dans "Aja" ein wirklich episches Solo bei. Das Beispiel Mitchell widerlegt auch die Behauptung, "dass die Pop-Größen ausschließlich Saxofonisten in ihre Bands holten". Denn mit ihr spielten u.a. auch Herbie Hancock, Jaco Pastorius, Pat Metheny und Peter Erskine. Komisch ist auch, daß in dem Artikel nicht auf Bowies frühere Zusammenarbeit mit der Pat Metheny Group verwiesen wird ("This Is Not America", 1985) und im "Blackstar"-Line-Up der Gitarrist Ben Monder unterschlagen wird.
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