Generationen-Projekt Jazz Urgestein, ins Rollen gebracht

Mit über 80 bringen einige Jazzmusiker noch Spitzenleistungen. Anfeuern lassen sich die Routiniers von jungen Musikern in ihren Bands - Altersweisheit trifft Sturm und Drang.

Anna Meuer/ ACT

Der mit der Künstlermähne und die beiden Totalglatzen agieren gleichermaßen vital an ihren Instrumenten. Da fällt es schwer, den Senior des Trios auszumachen, für das die Plattenfirma mit dem Satz "alter Meister trifft junge Wilde" wirbt. Pianist Joachim Kühn, 72, spielt mit dem Bassisten Chris Jennings und dem Schlagzeuger Eric Schaefer, zusammen haben sie die CD "Beauty & Truth" aufgenommen - zeitgenössischer Jazz im Trio-Format. Ein Quartett bildet der Trompeter und pensionierte Hochschuldozent Uli Beckerhoff, 68, mit drei seiner Absolventen. "Meister und Gesellen auf Augenhöhe" lobt der "Weser Kurier" die Band und ihre CD "Heroes".

Gestandene Veteranen musizieren mit Kollegen, die ihre Kinder oder gar Enkel sein könnten. Beckerhoff und Joachim Kühn folgen mit ihren neuen Alben einem Trend, der bereits 2004 begann. Da brachten der Saxofonist Heinz Sauer, damals 72, und der Pianist Michael Wollny, damals 24, ihr Album "Melancholia" heraus. Produzent Siggi Loch erinnert sich: "Der junge Wollny redete begeistert von Sauer, mit dem er im Jazz-Ensemble des Hessischen Rundfunks gespielt hatte". Sauer wiederum war Feuer und Flamme über Lochs Vorschlag, mit dem Newcomer eine Platte aufzunehmen. "Am Besten im Duo", habe der Saxofonist geantwortet. Und so wurde es gemacht, insgesamt vier Mal. Sauer/Wollny erhielten etliche Preise und treten bis heute immer wieder gemeinsam auf. Der Saxofonist wird in diesem Jahr 84.

55 Jahre Altersunterschied innerhalb einer Band

Bereits 86 ist Rolf Kühn. Der ältere Bruder von Joachim Kühn verkörpert Jazzgeschichte. 1956 wagte der Klarinettist als einer der ersten Europäer den Sprung in die USA. Dort spielte Kühn unter anderem in der Bigband des "King of Swing" Benny Goodman. Doch anders als sein kürzlich verstorbener Kollege Max Greger, der bis an sein Lebensende nostalgisch den Swing pflegte, hielt Kühn stets die Verbindung zu den zeitgenössischen Strömungen. So spielen jetzt Musiker aus der Techno- und Hip-Hop-Generation beim Altmeister in der Rolf Kühn Unit. Schlagzeuger Christian Lillinger ist 55 Jahre jünger als der Bandleader.

"Ich bin neugierig", antwortet Kühn auf die Frage, was ihn zu den Jungjazzern treibe. Die seien heute besser ausgebildet als je zuvor. Fast alle kommen von einer der 19 Hochschulen, die in Deutschland Jazzdiplome vergeben. Was können sie noch von den Alten lernen? "Ihr technisches Können verführt viele dazu, ihre Brillianz auszuspielen", sagt Kühn, "dabei kann man oft mit weniger Tönen mehr ausdrücken." Während seine Generation die Trends der Zeit über Radio-Sendungen und von schwer zu beschaffenden Schallplatten lernte, seien die Kollegen heute über YouTube, Webradio und iTunes geradezu einer Reizüberflutung ausgesetzt. Das, so Kühn, sei nicht unbedingt ein Vorteil beim Finden einer eigenen Spielweise.

Tierisch inspirierter Dinosaurier

Wie Rolf Kühn treten auch Wolfgang Dauner und Klaus Doldinger mit jungen Kollegen auf. Keyboarder Dauner, 80, spielt im Duo mit seinem Sohn Florian, 43; der wurde als Schlagzeuger der Fantastinschen Vier bekannt, ist aber auch ein exzellenter Jazz-Drummer. Saxofonist Doldinger, der am 12. Mai seinen 80. Geburtstag feiert, hat seine seit 1971 bestehende Jazz-Rock-Band Passport immer wieder mit Nachwuchstalenten aufgefrischt und damit jüngeres Publikum gewonnen.

Was jüngere Musiker in den Bands der Senioren-Jazzer empfinden, sagt Boris Netsvetaev: "Wenn wir zusammen spielen, ist der Altersunterschied völlig vergessen; da sind wir Kumpels". Der 38-jährige Russe sitzt am Klavier im Quartett des Vibrafonisten Wolfgang Schlüter, 82, der sich selbst als "Jazz-Dinosaurier" bezeichnet. Schlüter schwärmt vom Zusammenspiel mit den Jüngeren. "Die haben eine andere Herangehensweise als unsere Generation", erklärt er: "Einer wie Boris jongliert mit den Harmonien eines Stückes, und das inspiriert mich tierisch."

Pianist Netsvetaev, Bassist Philipp Steen und Drummer Kai Bussenius studierten an der Hamburger Musikhochschule, an der Schlüter unterrichtete. Jetzt bildet der Dozent ein Quartett mit den drei Nachwuchsjazzern. Als Schlüter 2007 nach dem Unfalltod seiner Frau aufhören wollte, Musik zu machen, bewegten ihn seine drei Ex-Studenten zum Weitermachen. "Wie mein Leben ohne Musik weiter gegangen wäre", sagt Schlüter, "kann ich mir kaum vorstellen."


Joachim Kühn New Trio - Termine: 22.4. Ilmenau (Jazzfestival), 22.4. Freiberg (Theater)

Uli Beckerhoff Quartett - Termine: 29.4. Kirchheim-Teck bei Stuttgart (Club Bastion)

Heinz Sauer & Michael Wollny - Termine: 20.3. Schwäbisch Hall (JazzArtFestival), 29.4. Solingen (Walder Theatertage)

Rolf Kühn Unit - Termine: 5.5. Berlin (Lido)

Rolf Kühn & Joachim Kühn - Termine: 18.3. Baden Baden (Mr. M's Jazzclub)

Klaus Doldinger's Passport - Termine: 20.3. Frankfurt (Alte Oper), 2.4. Köln (Philharmonie), 8.4. Hamm (Jazzfestival), 9.4. Herfor (Schiller Saal), 12.5./13.5. Düsseldorf (Tonhalle)

Dauner & Dauner - Termine: 18.3. Baden Baden (Mr. M's Jazzclub), 30.4. Gronau (Jazzfest)

Wolfgang Schlüter, Rolf Kühn - Termine: 4.4. Hamburg (Cascadas Club)

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insgesamt 2 Beiträge
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cipo 13.03.2016
1.
"Beckerhoff und Joachim Kühn folgen mit ihren neuen Alben einem Trend, der bereits 2004 begann." Das stimmt ja noch nicht einmal für die deutsche Jazzszene. Da braucht man ja nur an die Zusammenarbeit von Gunter Hampel und Jazzkantine zu denken. Es gab im Jazz immer schon "Veteranen" (man denke nur an Art Blakey), die mit "Nachwuchstalenten" gespielt haben.
palla-manfred 13.03.2016
2. Musizieren erhält / erweckt ...
deutlich den "Lebensgeist", wie ich aus eigener Erfahrung feststellen durfte - dank neuester Entwicklungen im "E"-Piano-Bereich zaubert man "Flügel-Klänge" von der Fensterbank (in meinem Fall) - Platz, Preis und Gewicht im Vergleich zu Original-Instrumenten ist heute also kein Hinderungsgrund mehr - die o.g. Elders-Men sind vielleicht nur viel früher geboren !!! ;-)
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