Jazz at the Philharmonic Wie eine Hure in der Kirche

Ja, auch der Jazz galt früher mal als schmutzig. Eine Konzert-Serie in der Berliner Philharmonie erinnert an "Jazz at the Philharmonic". Das US-Tournee-Unternehmen machte den Weg frei für das Genre - heraus aus dem Schmuddel-Milieu und hinein in die Hallen der Hochkultur.

Jörg Grosse Geldermann

Top-Jazzer von heute können den Minderwertigkeitskomplex ihres Kollegen Harry James (1916-1983) kaum verstehen: "Ich fühle mich wie eine Hure in der Kirche", soll der Star-Trompeter von Benny Goodmans Bigband gemurmelt haben, als er am 18. Januar 1938 die Bühne der New Yorker Carnegie Hall betrat.

In einer klassischen Spielstätte bedeutete Jazz damals einen Tabubruch. Goodman und seine Musiker waren unsicher, was für ein Empfang sie im Tempel der US-amerikanischen Hochkultur erwarten würde. Doch das Publikum verabschiedete die Jazzer mit Ovationen.

Diesen Besuch des Jazz in den Hallen der Klassik wiederholt derzeit die Stiftung Berliner Philharmoniker mit der Reihe "Jazz at Berlin Philharmonic". Im vergangenen Dezember startete die Serie mit einem Konzert der Pianisten Michael Wollny, Iiro Rantala und Leszek Mozdzer. Der "fulminante Start" ("Tagesspiegel") im restlos ausverkauften Kammermusiksaal ist nun für jene, die nicht dabei waren, auf der CD "Rantala - Wollny - Mozdzer: Jazz at Berlin Philharmonic 1" nachzuhören.

Nach Wollny und Co. traten Joachim Kühn (Piano) und der polnische Geiger Adam Baldych gemeinsam auf, von November 2013 bis März 2014 folgen weitere Konzerte. Alle Künstler dieser Reihe sind klassisch ausgebildete Musiker. Ihre Spielweise ist von Größen der Vergangenheit wie Bach geprägt, sowie von Folklore, Neuer Musik und Jazz.

Würde und Anerkennung für den Jazz

"Ich finde großartig, dass sich heutzutage verschiedene Musikstile und Genres nicht mehr voneinander trennen, sondern eher mischen und gegenseitig inspirieren", schreibt Siegfried Loch. Der Chef des Jazz-Labels ACT hatte die Idee zu der Konzertreihe. Dabei sieht Loch sich "in den Fußstapfen von Norman Granz". Der Impresario aus Los Angeles (1918-2001) wollte dem Jazz zu Würde und Anerkennung verhelfen. Denn auch nach dem historischen Carnegie-Hall-Konzert von Benny Goodman wurde die Musik mit den schwarzen Wurzeln fast ausschließlich in Kellerclubs, Varieté-Theatern und Tanzsälen gespielt. Da wagte sich Granz 1944 mit Jazzmusikern ins Philharmonic Auditorium von Los Angeles. Das Konzert wurde ein Erfolg, Granz gründete daraufhin sein Unternehmen "Jazz at the Philharmonic" (JATP). Er ging mit Spitzen-Jazzern - etwa den Trompetern Dizzy Gillespie und Clark Terry und dem Saxofonisten James Moody - auf Tournee und eroberte im Laufe mehrerer Jahrzehnte Konzerthallen in aller Welt für den Jazz.

Granz-Verehrer Siegfried Loch war siebzehn Jahre alt, als er 1957 in Hannover ein JATP-Konzert erlebte. Nun will der deutsche Impresario die von ihm angeregte Serie "Jazz at Berlin Philharmonic" auf Tonträgern herausbringen. Eine CD vom Auftakt mit den drei Pianisten ist gerade erschienen.


CD:
Rantala - Wollny - Mozdzer: Jazz at Berlin Philharmonic 1. ACT; 15,99 Euro.

Termine:
Jazz at Berlin Philharmonic III mit Nils Landgren (Posaune, Gesang) und Mitgliedern der Berliner Philharmoniker am 27. 11. 2013.
Jazz at Berlin Philharmonic IV "Norwegian Woods" mit Solveig Slettahjell (Gesang) und Bugge Wesseltoft (Piano) am 18. 3. 2014.
Jazz at Berlin Philharmonic V "Polnische Nacht" mit Leszek Mozdzer (Piano) am 7. 5. 2014.



insgesamt 6 Beiträge
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Spiegelversteher 13.04.2013
1. na ja
Seit einigen Jahren gibt es die Reihe JAZZnights (von Karsten Jahncke, glaube ich), die genau dieses Konzept verfolgt - so ganz neu ist das also nicht, oder?
Wooster 13.04.2013
2. Schmarrn.
In der (richtigen) Berliner Philharmonie wurden in den Sixties jedes Jahr in der ersten November-Woche die BERLINER JAZZTAGE veranstaltet. SEHR erfolgreich übrigens, das war jedesmal DAS Ereignis in Berlin. Und es spielten alle GROSSEN des Jazz! Also wahrlich keine NEUE Idee. Zudem ist der "Kammermusiksaal" (der Philharmonie) auch noch ein ganz anderes Gebäude als die richtige "Philharmonie". Was bleibt: gelungene Reklame von verehrten Siggi Loch, für ein paar simple Jazzkonzerte, die hier in Berlin alle Nase lang sowieso stattfinden.
nandolino 13.04.2013
3. @Wooster
Kann ich nur bestätigen.
criticos 13.04.2013
4. Laienhafter Unsinn
Jazz wird seit 1928 in Deutschland an Hochschulen gelehrt, in den USA gibt es hunderte von Jazz-Studies Programmen, das Weiße Haus hat Jazz zur "Amerikanischen Musik" schlechthin geadelt, in den poshen Jazzclubs treten heute fast nur weiße Akademiker-Bubis auf und spielen mittelmäßigen Post-Bob. Hier auf irgendwas "Schmutziges" oder "Hurenhaftes" anzuspielen, ist eine typische Spießerprojektion. Es gibt allerdings noch einen kreativeren experimentellen Jazz, der sich in schmuddeligen Kellerläden abspielt, weil Jazz-Musiker jenseits des gefälligen Mainstreams nun mal arme Leute bleiben.
egowehner 13.04.2013
5. die sogenannte Hochkultur,
byw. ihre Juenger und Mitlaufer waren schon immer groesstenteils Parvenues.
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