Jazz auf DVD: Beat, Bass und Bild

Von Hans Hielscher

Hildegard lernt fliegen, bis ihr nicht nur die Ohren, sondern die Augen aufgehen: Nicht nur das Schweizer Sextett mit dem dreiteiligen Namen, auch der Bassist Renaud Garcia-Fons oder Starpianist Chick Corea setzen auf die Kombination von Jazz auf CD und DVD.

Jazz auf DVD: Jazz gehört gehört - oder gesehen Fotos
Reto Andreoli

Die Schweizer Band mit dem irrwitzigen Namen hat ihr Musikanten-Leben dokumentiert: Das Sextett "Hildegard Lernt Fliegen" ist auf dem CD/DVD-Album "Cinema Hildegard" im Bus, in der Eisenbahn und in Flugzeugen zu erleben. Die Musiker schleppen ihr Übergepäck in trostlose Hotelzimmer, spielen sich in kargen Schulräumen warm, verbrüdern sich nach Auftritten mit Fans am Tresen. So fließt Wodka in den Katakomben des Moskauer Ogi-Clubs. Die russische Szene feiert die Musik von "Hildegard Lernt Fliegen": Drei Bläser fetzen Power-Riffs, ehe sie sich in chaotische Dissonanzen stürzen; Bass und Drums grooven zur dadaistischen Stimmenakrobatik von Bandleader Andreas Schaerer. Das Konzert der Schweizer Jazzer ist auf der CD "Live in Moscow" zu hören; für die dazu gehörige DVD wurden neben Konzert-Ausschnitten Backstage- und Reiseszenen gefilmt. So kann man es machen.

Anders das Doppel-Album des Bassisten Renaud Garcia-Fons. "Solo -The Marcevol Concert" zeigt zwar auf der DVD lediglich den Auftritt, bei dem die CD aufgenommen wurde. Doch das ist mehr als die Beobachtung eines Musikers über die Schulter. Kameras haben das wunderbare Spiel des Virtuosen aus verschiedenen Blickwinkeln eingefangen; neben Garcia-Fons' Händen rücken auch die Fußpedale ins Bild, mit denen der Bassist seine digitalen Loops einspielt. Und der Hörer erkennt staunend, wie Garcia-Fons Klangeffekte erzielt, indem er Papier zwischen die Saiten seines Instruments klemmt. Spielort des Konzerts ist das herrlich gelegene Kloster Marcevol in den Pyrenäen. Dessen würdevolle Schönheit und die ideale Akustik der Gewölbe machen das Album zum Hör- und Sehgenuss.

"Jazz - gehört und gesehen"

Wollen Musikfreunde ihre Idole zu Hause so wie im Konzert oder wie im Club wahrnehmen? Duette vor der Opernkulisse, Schlagzeug-Soli im Scheinwerferlicht auf der Bühne im Stadion? "Ton allein reicht nicht", schrieb die "Süddeutsche Zeitung" Ende vergangenen Jahres über den Musikmarkt, "die DVD kommt immer mehr in Mode." Was für Opernalben zutreffen mag, lässt sich im Jazz nicht belegen. Mit den Ton/Bildträgern sei kein besonderes Geschäft zu machen, sagen Branchen-Insider. Aber es gibt die Kombination seit vielen Jahrzehnten.

Ältere Fans erinnern sich an "Jazz - gehört und gesehen". Unter diesem Titel brachte Deutschlands Jazz-Papst Joachim-Ernst Berendt ab 1954 Musiker, die bislang nur live oder auf Platten zu erleben waren, ins neue Medium Fernsehen. Nun konnten Musikfreunde ihre Idole hören und sehen, ohne in Echtzeit mit ihnen am selben Ort sein. Das ermöglichte später auch die DVD. Die neue Scheibe kam gut an. 2006 warnte der amerikanische Experte Dan Morgenstern vor der "geradezu alarmierenden Verbreitung von Jazz-DVDs von extrem unterschiedlicher Qualität" - und pries die von ihm zusammengestellte Serie "Jazz Icons" an, Filmaufzeichnungen von Konzerten Louis Armstrongs, Ella Fitzgeralds und sieben weiteren Stars. Heute gibt es unter vielen anderen die DVD-Kollektion "Live At Montreux" des KulturSPIEGEL.

Seltener als solche aus Archiven zusammengestellten Serien sind Produktionen von kombinierten Jazz-Alben mit CD und DVD wie die neuen Alben von "Hildegard Lernt Fliegen" und Renaud Garcia-Fons. Beispiele von 2011 sind Marcus Millers "Tutu Revisited - featuring Christian Scott" und das Konzert des kubanischen Pianisten Roberto Fonseca beim Festival im französischen Marciac.

In absehbarer Zeit ist ein Doppelalbum von Chick Corea zu erwarten. Das Material dafür wurde im vergangenen November im New Yorker Jazzclub "Blue Note" aufgenommen und gefilmt; der Tastenstar feierte dort seinen 70. Geburtstag.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Musik
RSS
alles zum Thema KulturSPIEGEL-Tageskarte Klassik/Jazz
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren
CD/DVD-Tipps

Mehr dazu im SPIEGEL
Heft 4/2012 Was uns Gullydeckel, Laternen und Kopfsteinpflaster über unsere Welt erzählen

Facebook