Jazz-Trends Hier kommt die Mandoline

Gitarre, Bass und Violine gehören traditionell zum Genre - jetzt entdecken Jazzmusiker neue Klangmöglichkeiten. Ein Blick auf sechs Neuerscheinungen.

Bernd Freundorfer

"Ich spiele Mandoline ohne Gage - wenn ihr mir Geld gebt, höre ich auf". Oder: "Get away from the mandolin and nobody gets hurt." Das auch Zupfgeige genannte Saiteninstrument aus dem 17. Jahrhundert eignet sich gut für abschätzige Scherze. Und Jazz auf der Mandoline? Vor Hamilton de Holanda war das eine absurde Vorstellung. Doch nun hat der Brasilianer das Zupfinstrument aus der Familie der Lauteninstrumente in die Szene katapultiert. Der Jazzpianist Stefano Bollani und der Klarinettist Rolf Kühn haben mit de Holanda Platten eingespielt. Saxofongigant Wayne Shorter nannte den Mandolinenvirtuosen, als man ihn kürzlich fragte, mit welchem Musiker er am liebsten arbeiten würde.

De Holanda, Jahrgang 1976, erhielt als Fünfjähriger seine erste Bandolim. Diese brasilianische Mandoline ist tief verwurzelt in populären Genres wie Samba und Choro. Ein von ihm konstruiertes, um zwei Saiten erweitertes Instrument erleichtert de Holanda, gleichzeitig Melodiestimmen und Begleitakkorde zu spielen. Der Musiker füllt in Brasilien Hallen und Arenen. Dass er nun ein Album beim deutschen Label MPS herausbringt und in der kommenden Woche den Echo Jazz erhält, unterstreicht de Holandas wachsende internationale Anerkennung.

Wie de Holanda spielt der Hamburger Ulli Bartel Mandoline und - als Erstinstrument - Violine. Und so wie der Brasilianer aus der Folklore seines Landes schöpft, intoniert Bartel deutsche Lieder aus dem Mittelalter mit dem Verständnis des Jazzmusikers von heute. Sein Album "Es saß ein schneeweiß Vögelein" mit dem Lorenz Boesche Quartett demonstriert: Im Jazz des 21. Jahrhunderts sind alle Arten von Melangen möglich. Einstmals "jazzungeeignete Instrumente" - wie die Mandoline - sind als Bereicherung willkommen.

Wer ist der Jazzer und wer ist der Flamenco-Mann?

Ein wunderbares Beispiel für das Zusammenspiel von Saitenvirtuosen aus unterschiedlichen Lagern ist die in Madrid aufgenommene CD "Logos". Der spanische Flamenco-Meister Gerardo Núñez trifft den Schweden Ulf Wakenius. Núñez gilt als legitimer Nachfolger des 2014 verstorbenen Paco de Lucía; Wakenius war Mitglied des Oscar Peterson Trios und begleitet heute die Sängerinnen Youn Sun Nah und Viktoria Tolstoy. Die beiden Musiker führen ein Zwiegespräch auf ihren akustischen Gitarren und der Hörer mag bei vielen Stücken rätseln: Wer ist der Jazzer und wer ist der Flamenco-Mann?

Der Deutsche Tibor Eichinger und der Ungar Stefan Varga fusionierten zunächst als Gitarren-Duo "West And East" osteuropäische und westeuropäische Klänge. Nun bilden sie mit dem E-Bassisten Istvan Megyaszay und dem Drummer Zsolt Madai ein Quartett und bringen mehr Rockeinflüsse in ihre Musik. Dabei nutzen sie - anders als das Duo Núñez/Wakenius - die Möglichkeiten der elektronischen Verstärkung und Verfremdung.

Mit dem Crossover der Red Hot Chilli Peppers und der Musik von Nirvana ist der Gitarrist Andreas Dombert aufgewachsen; er begleitete die Poprocksängerin Claudia Koreck und experimentierte in der Band Dombert's Urban Jazz mit Elektronik und Sprachsamples. Dass er einmal in einem klassischen Jazz-Trio spielen würde, konnte er sich 2008 nicht vorstellen. Genau das tut er nun mit dem Bassisten Henning Sievert und dem Schlagzeuger Jochen Rückert. Seine Platte mit den beiden Spitzenjazzern eröffnet faszinierende Klangräume. Dombert nennt sie nach seinem Alter: "35". Es ist die Zwischenbilanz eines Musikers, der noch viel vorhat.

"Es ist schwer, wunderbaren Lärm zu machen"

Kaum als Saiteninstrument wahrzunehmen ist die Gitarre von Stian Westerhus. Der norwegische Avantgardist schafft elektronische Klanggewitter und ist in Konzerten zuweilen mehr an Knöpfen und Pedalen diverser Geräte beschäftigt als am Griffbrett seines Instruments.

Westerhus gilt als Topstar der Noise Gitarristen. Diese Stilrichtung definiert das Online-Magazine "Guitar moderne" so: "Making noise is easy, making a beautiful noise is hard." Westerhus' neues Soloalbum trägt den Titel "Amputation". Beim Jazzfestival in Moers am vergangenen Wochenende wurde der 37-Jährige gefeiert; viele Fans aber sehen in Westerhus' experimentellen Tönen keine Beziehung zum Jazz. Immerhin stehen sie für die heutige Vielfalt der Sounds aus Saiteninstrumenten.

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insgesamt 6 Beiträge
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lutschbommler 22.05.2016
1.
Wer mehr Mandoline im Jazzkontext hören möchte, blicke auf den Katalog des gligg-Labels. Dort kann man auf einigen oder recht vielen CDs den bei Saarbrücken beheimateten Martin Schmidt im Zusammenspiel mit vielen illustren Leuten hören. Die Mandoline ist meines Wissens seit seiner Jugend im Grunde sein Hauptinstrument (er greift aber auch oft zum E-Bass). Auf dem gligg-Label geht es teils recht avantgardistisch zu, die Mandoline klingt manchmal eher wie der entsprechende Part bei Schönbergs Serenade op.24, ist aber absolut hörenswert!
sincere 22.05.2016
2. Das ist doch nichts Neues
Jazz war schon immer sehr Facettenreich, selbst Harfen-Jazz (Dorothy Ashby) gab es seit den 60er Jahren. Der Autor sollte mehr Jazz hören statt uns hier weltbewegende "Neuheiten" zu verkaufen.
cipo 22.05.2016
3.
Zitat von sincereJazz war schon immer sehr Facettenreich, selbst Harfen-Jazz (Dorothy Ashby) gab es seit den 60er Jahren. Der Autor sollte mehr Jazz hören statt uns hier weltbewegende "Neuheiten" zu verkaufen.
Zumindest David Grisman mit seinem "Dawg Jazz" hätte er erwähnen können. Grisman war Ende der 1970er, Anfang der 1980er in Jazzkreisen ziemlich angesagt. Zu einer Zeit also, als der gute Hamilton de Holanda gerade den Windeln entwuchs. Auch Mike Marshall hat schon Jazz auf der Mandoline gespielt. Ich bin sicher, echte Mandolinenkenner könnten da noch sehr viel mehr Namen nennen.
sekundo 22.05.2016
4. Warum sollte denn der
Zitat von sincereJazz war schon immer sehr Facettenreich, selbst Harfen-Jazz (Dorothy Ashby) gab es seit den 60er Jahren. Der Autor sollte mehr Jazz hören statt uns hier weltbewegende "Neuheiten" zu verkaufen.
Herr Hielscher über mehr Sachkenntnis verfügen als sein Kollege aus dem Pop- und Rock-Dezernat Borcholte. Offenbar reicht ein abgebrochenes Soziologie-Studium, um beim SPIEGEL eine Anstellung als Mucken-Inspektor zu bekommen! Der darf dann über die Gästeliste gratis jedes Konzert besuchen und mit Kennermine und einem Prosecco in der Hand die backline begutachten. Wehmütig an die Zeiten denkend, in denen seine Schülerkapelle im feuchten Übungskeller in Vergessenheit geriet. Und diesen Frust lässt der gemeine Musik-Polizist dann in seinen wenig qualifizierten Kritiken ab, auf Kosten richtiger Musiker! "Kritiker können es, aber sie wissen nicht wie es geht!"
suelzer 22.05.2016
5.
Wieder ein Trend, dem eine Generation nachjagt, die verzweifelt versucht, sich selbst neu zu erfinden. Sowohl im Jazz als auch in der Rockmusik (u. a. Yes, Led Zeppelin, Asia und und und) ist das ein alter Hut. Also: nix Trend. Altbewährtes. Ich spiele übrigens unter anderem selbst Mandoline, und zwar für irische traditionelle Musik. Und das seit so vielen jahrzehnten, da waren die GenY noch nicht mal geplant.
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