Jazz aus Schweden Heiß am Polarkreis

Hoch im Norden waren sie ganz weit vorne: Schwedische Jazzmusiker besannen sich früher als andere Europäer auf ihre kulturellen Wurzeln. So entstand der spezielle skandinavische Sound, den heute Künstler wie Nils Landgren und Viktoria Tolstoy repräsentieren.

ACT / Grosse Geldermann

"Der Jazz kam an einem dunklen Herbstabend nach Schweden - es war Mittwoch, der 25. Oktober 1933", schreibt der Autor Lars Westin. An diesem Abend begeisterte ein schwarzer Trompeter Stockholm mit Musik, die das Publikum noch nie erlebt hatte. Louis Armstrong riss die als kühl geltenden Schweden zu Beifallsstürmen hin. Hastig arrangierten die Veranstalter, die nur einen Auftritt geplant hatten, drei weitere Konzerte. Schwedens einziger Rundfunksender änderte sein Programm und übertrug ein Armstrong-Konzert live in das weite Land. In verschneiten Dörfern am Polarkreis schallte aus Radios Hot Jazz.

"Mit Armstrong begann eine neue Zeit", urteilt Westin rückblickend. Während bis dahin die kulturellen Einflüsse auf Schweden aus Mitteleuropa und überwiegend aus Deutschland kamen, beschäftigte nun auch ein Genre aus den USA die Musiker des Landes. Jazz reizte vor allem die Jungen. Wie überall auf der Welt imitierten sie zunächst die Sounds ihrer amerikanischen Idole - schließlich war Jazz ja eine Musik aus der neuen Welt. Doch früher als anderswo fanden Jazzer in Schweden ihren eigenen Stil. So blies der Klarinettist Stan Hasselgard nach Einschätzung des Experten Joachim-Ernst Berendt schon vor dem Amerikaner Buddy DeFranco die moderne Jazzklarinette der Post-Benny-Goodman-Generation. Hasselgard starb 1948 als 26-Jähriger bei einem Autounfall.

Ohne Schlagzeug - kann das Jazz sein?

Jazz mit schwedischem Sound schufen in den fünfziger und sechziger Jahren der Baritonsaxofonist Lars Gullin und der Pianist Jan Johansson. "In seinen eleganten, relaxt swingenden Soli lassen sich Elemente der skandinavischen Volksmusik und der schwedischen Konzertmusik des 19. Jahrhunderts nachweisen", schrieb Berendt über den mit großen Bands arbeitenden Gullin. Pianist Johansson ging den gleichen Weg in Minimalbesetzung. Nur vom Bassisten Georg Riedel begleitet, spielte er schwedische Volksmelodien. Seine 1963 aufgenommene Platte "Jazz pa Svenska" wurde ein Bestseller.

"Viele haben gesagt, 'das ist doch kein Jazz, ihr habt ja nicht einmal ein Schlagzeug dabei'", erzählt Riedel. Der 77-Jährige, der deutlich jünger wirkt, ist eingeflogen, um die CD "Jan Johansson in Hamburg with Georg Riedel" vorzustellen - Aufnahmen aus NDR-Jazz-Workshops von 1965 bis 1968. "Die Arbeit mit dem NDR-Jazzredakteur Hans Gertberg war für uns wunderbar", berichtet der im Sudetenland geborene Musiker in makellosem Deutsch. "Gertberg unterstützte Jazzer, die Anregungen im eigenen musikalischen Erbe suchten, und da waren die Schweden führend", erinnert sich Riedel. "Wegen des Wechsels zwischen Dur- und Moll-Stimmungen nannten manche unsere Musik 'Nordic Blues'". Der Bassist von damals wurde ein gefragter Filmkomponist (unter anderem für "Pippi Langstrumpf").

Die heutige Jazz-Generation trifft Riedel auf Festivals. Er schätzt Nils Landgren, Viktoria Tolstoy und Ida Sand. Sie führen die eigenständige schwedische Jazztradition fort, auch wenn in ihren neuesten Alben US-Einflüsse im Mittelpunkt stehen - Tolstoy: "Letter to Herbie" ( Hancock); Sand: "The Gospel Truth". Auf der zugleich erscheinenden Johansson-Riedel-CD spielt ein Musiker mit, der 1933 Louis Armstrong in Stockholm erlebt hat: Der 1997 verstorbene Trompeter Rolf Ericson wurde von seinem Onkel mit ins Konzert genommen. Er war elf Jahre alt.



insgesamt 3 Beiträge
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Parismatique, 20.08.2011
1. Jan Johansson, ein Nachtrag
Jan Johansson starb 1968 bei einem Autounfall. Er war 37 Jahre alt. Seine Platte "Jazz på svenska" war nicht bloss "ein" Bestseller, sondern ist bis heute die meistverkaufte Jazzplatte aller Zeiten in Schweden. Ich bekam sie 1964 von meiner schwedischen Freundin geschenkt, und noch heute klingt mir "Emigrantvisa im Kopf. Ohne Georg Riedel am Kittel flicken zu wollen: Der Themesong von "Pippi Langstrumpf" wurde von Jan Johansson komponiert. Jan Johansons Musik wird heute vom Heptagon-Label (http://www.heptagon.se/), das seinen Söhnen Jens und Anders gehört, vertrieben. Auch auf YouTube sind zahlreiche Stücke zu sehen und zu hören (z.B. "Emigrantvisa" http://youtu.be/asVjbzwd7uQ).
Ion, 21.08.2011
2. rtztr
Zitat von sysopHoch im Norden waren sie ganz weit vorne: Schwedische Jazzmusiker besannen sich früher als andere Europäer auf ihre kulturellen Wurzeln. So entstand der spezielle skandinavische Sound, den heute Künstler wie Nils Landgren und Viktoria Tolstoy repräsentieren. http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,781049,00.html
Auch Progressive-Rock aus Schweden ist hoch interessant, aber der Begriff Progressive-Rock ist den Spiegel Redakteuren und generell den Medien in Deutschland, den Eindruck habe ich, völlig unbekannt........
Nerem 21.08.2011
3. Johansson & Co.
Äußerst interessante Jazzmusiker, auch wenn ich mich auf die 50-er und 60-er Jahre beschränke, von einigen späteren Platten der "alten" Helden abgesehen. Sehr cool und ausdrucksstark, ausgezeichnete Instrumentalisten. Und Johanssons Verbindung von (alter) Volksmusik und Jazz war geradezu vorbildlich.
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