Musikbücher Der Jazz frisst seine Kinder

Legendär und prekär: Eine Reihe von Büchern erzählt davon, wie die Musiker und die Manager des Jazz Großes schufen - und ihrer Leidenschaft beinahe zum Opfer fielen.

Arne Reimer/ Jazz thing & Blue Rythm

"Ich heirate keinen Amerikaner. Auf diese Weise kann ich jederzeit wieder jemandem helfen hier zu leben. Ich bin also noch zu haben." Die quicklebendige Dame mit der grauen Struwelpeter-Mähne, die das behauptet, wird am 11. Mai 80: Carla Bley, eine der bedeutendsten Persönlichkeiten des zeitgenössischen Jazz.

Die amerikanische Pianistin und Komponistin erzählte dem deutschen Fotografen Arne Reimer aus ihrem Leben. 1957 hatte sie den kanadischen Pianisten Paul Bley geheiratet, als dessen Green Card auslief; zehn Jahre später half sie auf die gleiche Weise dem aus Wien stammenden Trompeter Michael Mantler. Ihr Lebensgefährte seit 1985 braucht keinen Trauschein: Der Bassist Steve Swallow (75) ist geborener US-Bürger.

Bley und Swallow empfingen Reimer in ihrem Holzhaus bei Woodstock im US-State New York. Ihre Begegnung ist eines von 50 Treffen des deutschen Fotografen mit amerikanischen Jazz-Veteranen. Reimer besuchte seine zum großen Teil noch aktiven Protagonisten in ihren Großstadtwohnungen, in Bungalows oder Altersheimen. Dabei erlebte er gediegenen Wohlstand und Existenzen an der Grenze zur Armut.

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Gary Burton wollte nicht schwul sein

Gut geht es offenbar den Saxofonisten Sonny Rollins und Archie Shepp, dem Pianisten Ahmad Jamal und dem Sänger Jon Hendricks. Aber der einstige Tastenlöwe Les McCann empfing Reimer in einem Miniflat im Bett, neben dem ein Rollstuhl stand. Der einst umworbene Schlagzeuger Charli Persip hauste in einem Raum eines New Yorker Appartements und trug - der Hitze wegen - kein Hemd, als er mit seinem Besucher sprach.

Doch wo immer Reimer die Musiker traf: Für seinen zweiten Band "American Jazz Heroes" (der erste erschien 2013) gelangen ihm wieder Fotos und Interviews, die sich absolut von Konzert-Schnappschüssen und Frage-Antwort-Begegnungen in Hotels im 20-Minuten-Takt unterscheiden.

In ihrer eigenen Umwelt öffneten sich ihm Menschen, die als Künstler Höhen und Tiefen erlebten. So redete der Vibrafonist Gary Burton (73) über seine Homosexualität, die er jahrzehntelang verheimlicht hatte. "Ich wollte absolut nicht schwul sein; es hätte damals meine Karriere beenden können." Reimer fotografiert und interviewte Burton in einer Villa in Florida; dort lebt er, neuerdings verheiratet, mit seinem langjährigen Partner.

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Hamburgs "Onkel Pö" - ein Magnet für US-Jazzer

In Deutschland ist Gary Burton in einem Club aufgetreten, den viele US-Musiker seiner Generation sehr schätzten - "Onkel Pös Carnegie Hall" in Hamburg. Zwischen Oktober 1970 und Ende 1985 gastierten dort unter anderen Chet Baker, Dexter Gordon, Charlie Haden, Freddie Hubbard, Pat Metheny, Esther Phillips, John Scofield und Archie Shepp. Der Jazz-Fan Peter Marxen hatte das Ecklokal im Stadteil Eppendorf eröffnet; gute Verbindungen zum NDR-Jazz-Chef Michael Naura und zu einigen Label-Managern halfen ihm, internationale Stars zu engagieren.

Als Marxen zum 1. Januar 1979 Onkel Pö an den im Nebenhaus wohnenden Stammgast Holger Jass verkaufte, setzte der diese Tradition fort, wenngleich der Rock- und Fusion-Anteil der Musik größer wurde.

Jass hat nun seine Jahre als Club-Betreiber beschrieben. Es wurde eine quirrlige Sammlung von Begegnungen und Anekdoten, in denen es um Jazz nur unter anderem geht. Onkel Pö war nämlich auch die Wohnstube für Udo Lindenberg ("Bei Onkel Pö spielt ne'Rentnerband seit 20 Jahren Dixieland") und von Otto Waalkes; Herbert Grönemeyer versuchte sich dort als Vokalist ("Noch n' Schauspieler, der singt"); Tom Waits und Neil London sind in der ehemaligen Eckkneipe aufgetreten.

"Pö-Jahre sind wie Hundejahre, die zählen siebenfach", erinnert sich Jass (66) an die Worte seines Vorgängers Marxen. Beide Betreiber des legendären Musikclubs haben nur je ein Dutzend Jahre durchgehalten. Dann zogen sie sich - geschlaucht von Alkohol und einem selbstausbeuterischen Arbeitspensum - zurück aus dem Geschäft; und das Onkel Pö verschwand. Der Jazz frisst seine Macher.

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Ulli Blobel, Gründer des Jazz-Festivals von Peitz im Spreewald und des Berliner Labels Jazzwerkstatt erholt sich seit Jahrzehnten in Andalusien. In "Sketches of Spain" hat er nun aufgeschrieben, was er über die spanische Region gelernt hat.

Das von Miles Davis Erfolgs-LP inspirierte Buch soll "ohne Anspruch auf Vollständigkeit oder einen kulturwissenschaftlichen Diskurs", beim Leser "Interesse an spanischer Musik, an Kunst und an Andalusien wecken". Blobel (65) berichtet über die Geschichte des Landstrichs und dort geborene Künstler wie Pablo Picasso, Frederico Garcia Lorca und Paco de Lucia.

Eine CD des 2014 verstorbenen Flamenco-Gitarristen kommt mit dem Buch. Absolut anregend!

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Termine:
Carla Bley, Steve Swallow: 2. und 3. 6. Hamburg (mit NDR Bigband)

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insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
serbskisokol 08.05.2016
1. zwar kein Buch - aber derzeit real: DIXILAND
zum Thema Jazz - und aber auch Swing und Dixiland!! im Beitrag bzw.Buch gehts u.a. um Hamburgs "Onkel Pö" - einen Magnet für US-Jazzer.Und eben hier in Deutschland ist Gary Burton in einem Club aufgetreten, den viele US-Musiker seiner Generation sehr schätzten - "Onkel Pös Carnegie Hall" in Hamburg. Zwischen Oktober 1970 und Ende 1985 gastierten dort unter anderen Chet Baker, Dexter Gordon... Onkel Pö war nämlich auch die Wohnstube für Udo Lindenberg ("Bei Onkel Pö spielt ne'Rentnerband seit 20 Jahren Dixieland") und von Otto Waalkes; Herbert Grönemeyer versuchte sich dort als Vokalist ("Noch n' Schauspieler, der singt") usw.usw. alles gut und schön!Aber vergesst eines nicht! DIXI !! Was Ihr alle verschweigt habt und wofür es aktuell einen Denk-Anlass gibt ist das diesjährige 46.Internationale Dixielandfestival in Dresden(15.-22.Mai 2016).Und der "Vorläufer" dafür heute am 8.Mai der "Elbe-Dixie" in Dresden-Blasewitz. Wäre schon schön, wenn sich hier auch mal einer dessen erinnern würde!
magnus.see 09.05.2016
2. Ist das Jazz oder kann das aus?
Zum Thema Jazzprekariat gibt es ein hervorragendes Buch von Claudius Reimann, der selber Jazzmusiker ist: "Ist das Jazz oder kann das aus?", ein humorvoller wie melancholischer Briefroman über das Leben eines Saxophonisten, der von deplatzierten Auftritten bei Kaufhausmottowochen oder Schützenfesten erzählt. Sehr rührende, nicht rührselige Geschichte über die Kraft der Musik und das Durchhaltevermögen von Jazzmusikern (Ventura Verlag, ISBN 978-3-940853-35-6, 170 Seiten, 9,99 EUR) Sind hier Links erlaubt? http://www.amazon.de/Ist-das-Jazz-oder-kann/dp/3940853356/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1444143543&sr=8-1&keywords=claudius+reimann
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