Jazz bei den Oscars Im Ohrenkino

Hollywood-Streicher oder melodiebetonte Improvisationen: Wie verschieden man jazzige Filmmusik umsetzen kann, zeigen zwei neue Alben. Und ein Film aus dem Jazz-Milieu ist sogar unter den diesjährigen Oscarnominierungen.

Ali Kepenek/ Universal Music

Unter den acht Filmen, die am kommenden Sonntag um die Oscars wetteifern, ist eine Geschichte, die sich um Jazz dreht: In "Whiplash" geht es um einen 19-jährigen Drummer, der von einem fanatischen Lehrer zu Höchstleistungen getrieben wird.

Auslöser für seinen Film, so Regisseur Damien Chazelle, sei eine Episode um Charlie Parker gewesen: Der soll als Teenager bei einer Jamsession arrogant aufgetreten sein und dabei so schlecht gespielt haben, dass der berühmte Drummer Joe Jones empört ein Becken in Richtung des Saxofonisten warf. Das Publikum buhte Parker anschließend von der Bühne. Nach diesem Erlebnis soll er wie ein Besessener geübt haben. Am Ende wurde Parker zum wohl weltbesten Jazzmusiker.

In "Whiplash" ist Jazzdozent Fletcher jähzornig wie einst Jones; er traktiert seinen Schüler Andrew mit geradezu sadistischer Lust. Das Werk wurde in vier Kategorien für den Oscar nominiert - unter anderem für die Tonmischung der Jazzkompositionen.

Nicht auf die Shortlist schaffte es die Musik des Jazzschlagzeugers Antonio Sanchez für "Birdman", den achtmal nominierten Oscarfavoriten. Weil für den Soundtrack des Films über einen abgehalfterten Hollywoodhelden auch Musik von Mahler, Ravel und Rachmaninoff verwendet wird, hatte Sanchez keine Chance. Der aus Mexiko stammende Schlagzeuger, der als Mitglied von Pat Methenys Band weltbekannt wurde, gestand dem Magazin "Variety", wie enttäuscht er sei. Sanchez' Musik für "Birdman" wird aber auch ohne Oscar die Beachtung finden, die sie verdient.

Eine Filmmusik, zwei Interpretationen

Man muss den Film nicht gesehen haben, um die Titelmelodie aus dem 1990 mit dem Oscar ausgezeichneten "Cinema Paradiso" zu kennen. Die Komposition von Ennio Morricone ging um die Welt - und reizt innovative Musiker dazu, sie nach eigenen Vorstellungen zu gestalten. Auf seinem "Movie Album" spielt Till Brönner das Stück im Sextett mit dem Gitarristen Chuck Loeb als Solisten. Dazu kommt das Deutsche Symphonie Orchester Berlin - es unterlegt Brönners Flügelhorn mit einem raffiniert arrangierten Streicherteppich.

Ein Gegenstück zu dieser opulenten Darbietung macht Jason Seizer aus "Cinema Paradiso". Auf seinem Album reduziert der 50-jährige Münchner den Ohrwurm radikal für eine jazzige Kleinbesetzung: Zu Seizers Tenorsaxofon kommen lediglich Piano, Bass und Drums.

"Cinema Paradiso" ist der einzige Titel, dem sich sowohl Brönner als auch Seizer angenommen hat. Diese Filmmusik zeigt die unterschiedlichen Herangehensweisen der beiden Künstler am besten: Brönner bringt Hollywood mit den typischen Zutaten, Streichern und Bläsern. Seizer setzt dagegen allein auf die Melodie. Sie gibt ihm und dem Pianisten Pablo Held die Grundlage für Improvisationen.

Das Konzept gilt für alle neun Titel auf Seizers Album, darunter Themen aus "Spartacus" und "Die Faust im Nacken". Während die Musiker die Stücke variieren, erfreut sich der Hörer am Wiedererkennungswert der Filmmusiken. Brönner hat für sein Album 14 Stücke eingespielt, darunter "Moonriver" aus "Frühstück bei Tiffany" und "As Time Goes By" aus "Casablanca". Beide Alben haben ihren Reiz.


CDs:
Till Brönner: The Movie Album. Verve / Universal; 15,99 Euro.
Jason Seizer: Cinema Paradiso. Pirouet Records; 15,99 Euro.

Filme:
"Whiplash". Regie: Damien Chazelle, Start: 19.2.
"Birdman". Regie: Alejandro González Iñárritu, läuft bereits.



insgesamt 7 Beiträge
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uventrix 15.02.2015
1. Am Rande
Gehört jetzt nicht direkt zum Thema aber der Typ auf dem Foto sieht aus wie Rocco Siffredi... *lacht* da wundert es nicht, dass er mit "Streichern und Bläsern" daher kommt. ;)
madtv 15.02.2015
2. X Factor
Ein Freund von mir war bei X Factor, was er über den Juror Brönner erzählt hat, reicht mir, mir niemals wieder was von dem anzuhören. Aber auch vorher fand ich ihn höchstens als Selbstvermarkter gut.
jayram 15.02.2015
3. Immer diese Übertreibungen,
Charlie Parker der weltbeste Jazzmusiker, wer das geschrieben hat, hat keine Ahnung von Musik, respektive Jazz. Er war auf jeden Fall einer der Großen. Die Bewertung weltbester Musiker ist völlig fehl am Platz.
jontev 15.02.2015
4. Zweimal musste ich hinsehen:
Zuerst hatte ich gelesen: Jazz bei den Oscars: Im Ohrenklo ;-)
ZehHa 15.02.2015
5. @madtv
Till Brönner kann was. Das weiß er. Und lässt es auch seine Umwelt in großem Maße spüren. Um eine Professur an einer Musikhochschule zu bekommen, reicht es halt auch nicht aus, einfach nur richtige Töne aus einer Trompete heraus zu bekommen. Man muss sich aus gegen Mitbewerber entsprechend durchsetzen können. Dafür gibt es durchaus verschiedene Strategien. Ich habe einige der X-Factor-Folgen gesehen. Das überhebliche Auftreten Till Brönners entsprach auch nicht meinem Geschmack... Seine luftigen Jazz-Trompeten-Töne habe schon was, kann ich mir aber auch nicht immer anhören. Wer mal andere Blech-Jazzer derselben Generation hören möchte, kann sich den Jazz-Posaunisten Nils Wogram vornehmen. Habe ich selber schon live gehört, auf kleiner Bühne. Neben seinen überragenden musikalischen Fähigkeiten kommt er auch menschlich ganz anders rüber. Große Klasse, in beiden Kategorien. Er lehrt mittlerweile Jazz-Musik an der Hochschule Luzern in der Schweiz
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